Joseph Beuys: Sonne statt Reagan

Pop statt Böller

21.9.2007 | Martin Conrads | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Es war der 3. Juli 1982, als in der dienstagabendlichen ARD-Musiksendung "Bananas" ein so unbeholfen wie unrhythmisch mit dem Mikrofon jonglierender älterer Herr auftrat. In einem schlichten Studioaufbau agierte der singende Hut- und Westenträger eigensinnigerweise hinter statt vor einem Teil der Rockgruppe BAP, dem Musiker Wolf Maahn und drei Background- beziehungsweise Vordergrund-Sängerinnen.

So ein Auftritt bleibt im Gedächtnis. Am Tag danach wurde in der Großen Pause amüsiert diskutiert, wie offensichtlich deplatziert der ältere Interpret in dieser zwischen New-Wave-Pop und Post-Disko gehaltenen Sendung wirkte. Um Ronald Reagan, den damals in Westeuropa vor allem wegen seiner Außenpolitik teils heftig umstrittenen US-Präsidenten, war es in dem Lied mit dem Titel "Sonne statt Reagan" gegangen.

Also auch irgendwie um die Friedensbewegung, die in jenem Jahr angesichts des 1979 unterzeichneten und kurz vor der Umsetzung stehenden "NATO-Doppelbeschlusses" zu mehreren Großdemonstrationen aufrief. Das Wettrüsten zwischen NATO und Warschauer Pakt, den beiden großen politisch-militärischen Blöcken, befand sich mit der Stationierung von atomar ausgestatteten SS20-Raketen auf östlicher Seite und der geplanten Stationierung von Pershing2-Raketen auf westlicher Seite auf seinem Höhepunkt. Der "Kalte Krieg" schien einmal mehr ein "Heißer Krieg" werden zu können.

Sprüche wie "Petting statt Pershing" trug man als Schüler/in als Button an Parka, Leder- oder Lammfelljacke – manchmal stolz darauf, zu wissen, was Petting ist, ohne wirklich zu wissen, wer oder was Pershing war. Aber was sollte "Sonne statt Reagan"? Ein weiterer Nonsens-Song im Stil der damals durch die Hitparaden reitenden "Neuen Deutschen Welle"? Und der Interpret des Stückes, Joseph Beuys, war das ein alter Hippie, der gerade noch auf den neuesten Szenezug aufsprang?

Lieblingskünstler des grünen Kunstlehrers

"I wo!", wusste der linksliberale, friedensbewegte Kunstlehrer nach der Großen Pause zu erklären, der gerade eine Schülerdemo mit im Unterricht gemalten Plakaten gegen den Hundekot vor der Schule organisierte. Joseph Beuys sei ein wichtiger deutscher Aktionskünstler, der als so pazifistisches wie umweltbewusstes Gründungsmitglied der vielleicht bald in den Bundestag einziehenden Partei Die Grünen mit diesem Lied seinen kleinen Beitrag zum Weltfrieden leisten wolle. Ein guter Mann also, soviel war nun klar; aber Extrabreit, Fischer Z und Adam Ant kamen im TV irgendwie trotzdem cooler rüber. Dass Die Grünen im darauffolgenden Jahr – ohne Beuys – tatsächlich in den Bundestag einzogen, das Wettrüsten aber dennoch weiterging, ist längst Geschichte.

Dem kleinen Berliner Label Lieblingslied Records gebührt das historische Verdienst, "Sonne statt Reagan", das man mit viel Glück als Vinyl-Single auf Flohmärkten findet, nicht nur vor wenigen Jahren auf CD wiederveröffentlicht zu haben, sondern es auch in einem umfassenderen Zusammenhang zu präsentieren: Auf der 2004 veröffentlichten Doppel-CD "Prostestsongs.de" finden sich über vierzig deutschsprachige Lieder mit politischem Protestanspruch von 1944 bis 2003.

Ältestes Stück ist die antifaschistische "Lili Marleen"-Version Lucie Mannheims, jüngstes Stück das für einen Protestsong allerdings sehr schwache "Monkey in a TV-Show" von Neonagin feat. Coming Back to You. Dazwischen finden sich Klassiker des politischen deutschsprachigen Protestsongs von den Goldenen Zitronen ("Das bisschen Totschlag"), Ton Steine Scherben ("Keine Macht für Niemand") oder Advanced Chemistry ("Fremd im eigenen Land"), aber auch eher abseitige Titel wie Nicoles "Ein bisschen Frieden" oder "Dupschek" von Otto. Auch Lieder aus der Endphase der DDR sind vertreten – beispielsweise Sandows "Born in GDR" und Herbst in Pekings "Bakschischrepublik".

Signierte Politik

Dass "Sonne statt Reagan" unter diesen Liedern eine besondere Rolle spielt, liegt daran, dass Joseph Beuys (1921-1986) damit erst- und letztmalig im Popkontext auftrat. Vom Interpreten wurde der Song offenbar eher als Kunstwerk denn als Pop-Produkt verstanden – davon zeugte vor allem die große Beuys-Signatur auf der Single-Hülle. Das politische Engagement des für die BRD der Nachkriegszeit überaus einflussreichen Künstlers war übrigens stets Teil seiner künstlerischen Arbeit: 1967 gründete er die Deutsche Studentenpartei (DSP), war 1972 mit einem Informationsbüro der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung auf der Kassler documenta zugegen und kandidierte 1979 erstmals für die Die Grünen.

Der Inhalt des Songtextes ist schnell zusammengefasst: Es ist ein mehr oder weniger direkter Aufruf an den ehemaligen Schauspieler ("Mensch Knitterface, der Film ist aus") und in dem Song der Kriegstreiberei bezichtigten US-Präsidenten Reagan ("Er sagt als Präsident von USA, Atomkrieg? – Ja, bitte, dort und da"). Die Pershing2-Raketen sollen nicht in Europa stationiert werden, das bedrohliche Wettrüsten soll sich zu einem pazifistischen Guten wenden ("Sonne statt Reagan, ohne Rüstung leben!").

Moralisch sichert sich der Interpret Beuys zum einen durch die Erwähnung von hinter ihm stehenden, friedensbewegten Massen ("Wir sind viele!") ab, zum anderen – wohl auch, um den in den frühen 1980er-Jahren viel diskutierten Vorwurf des "Antiamerikanismus" bereits im Vorfeld zu entkräften – durch die Einbeziehung des amerikanischen Volkes ("The people of the States don't want it – nie!").

Die Forderung, dass das "Gleichgewicht der Mächte", anders als von den Strategen und Strateginnen des Wettrüstens gedacht, nur durch eine Verschrottung von Raketen hergestellt werden kann, ja, muss ("Ob West, ob Ost, auf Raketen muss Rost!"), untermauert der Text durch die Beobachtung, dass ja auch die "Säcke im Osten […] nicht mit Atomen geizen". Pazifistisches Umdenken sei möglich – Beuys hat dafür eine Weltformel parat, die auch Reagan einleuchten sollte: "Und den wahren Frieden wird's erst geben, wenn alle Menschen ohne Waffen leben." Es hat nicht sein sollen. Vielleicht war die TV-Sendung "Bananas" einfach nur der falsche Rahmen für diese Forderung.

Martin Conrads lebt in Berlin und bedauert, dass sich auf der Protestsongs-CD kein Lied von den "Conrads" befindet.



www.elyrics.net
"Sonne statt Reagan": der Songtext

www.lieblingslied-records.de
Mehr über die Protestsongs-CD auf der Seite von Lieblingslied Records

http://ubu.wfmu.org
Hier kannst du dir das Video anschauen.

www.dhm.de
Beuys demonstriert (gemeinsam mit Gert Bastian) gegen den NATO-Doppelbeschluss (und gegen einen falsch buchstabierten Ronald "Reagen" – ein in Deutschland damals häufiger Fehler, der zu dem Titel "Sonne statt Reagan" geführt haben könnte).





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