Die Revolution der Druckerzeugnisse
Kommunikationsguerilla versus Culture Jamming
Ulrich Gutmair | 28.9.2007
"Flyer, Plakate, Newsletter, Pamphlete und andere
Druckerzeugnisse sind wichtig für jede Revolution", heißt es in Abbie
Hoffmans legendärem Revolutions-Handbuch "Steal This Book" von 1971.
Vermutlich hat er dabei auch an sein eigenes Buch gedacht. Aber natürlich gilt
Hoffmans Feststellung für jede politische Bewegung der Neuzeit, die
revolutionäre Absichten verfolgte. Ein berühmtes Beispiel ist Georg Büchners
Flugschrift "Der Hessische Landbote" von 1834, in dem die legendäre
Parole zu lesen war, die seither immer wieder auf Transparente geschrieben wird:
"Friede den Hütten, Krieg den Pallästen" - Letztere damals noch mit
zwei L geschrieben.
Eine französische
Revolution für Deutschland
Büchner klagte über die schwere Steuerlast für die
Bürger/innen, über Ungerechtigkeit und Unfreiheit und ließ schließlich die
Katze aus dem Sack: "Im Jahr 1789 war das Volk in Frankreich müde, länger
die Schindmähre seines Königs zu seyn." Daraus sei eine Lehre zu ziehen:
"Das ganze deutsche Volk muß sich die Freiheit erringen." Für diesen
Revolutionsaufruf starb sein Co-Autor Friedich Ludwig Weidig im Gefängnis und
Büchner musste, steckbrieflich gesucht, ins französische Exil fliehen.
Seit
aber die "großen Erzählungen", also einigende, positiv besetzte
Begriffe wie Nation, Revolution und Fortschritt, spätestens seit den 1980er-Jahren selbst einem kritischen Blick unterworfen wurden, war die Sache mit der
Politik nicht mehr so einfach wie zu Büchners Zeiten: Man konnte sich nicht mehr
lediglich darauf berufen, etwa auf Seiten des Fortschritts zu stehen, wenn
dessen Kehrseite in Form der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen
offensichtlich schien.
Aber auch wenn niemand mehr ernsthaft an eine baldige
Revolution glaubte, so konnte man immer noch Sand ins Getriebe der täglichen
Zumutungen streuen. Im "Handbuch der Kommunikationsguerilla" von 1997
ist etwa zu lesen: "Das Konzept Kommunikationsguerilla ist Teil eines
Prozesses, in dem gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse kritisiert und
angegriffen werden – neuer und alter Nationalismus, Sexismus/Patriarchat,
Rassismus und die mit ihnen verknüpfte kapitalistische Produktionsweise."
Werbekampagnen mit
Guerilla-Appeal
"Subversion" war seit den 1980ern das Zauberwort, das den taktischen
Umgang mit Medien und Öffentlichkeit benannte, der in allen denkbaren Formen
durchexerziert wurde – bis sich Mitte der neunziger Jahre auch Werbeagenturen
der Idee annahmen. Heute werden städtische Orte und Medien, die als hip gelten,
im Wochentakt mit so genannten Guerilla-Marketing-Kampagnen überzogen. Diese
bedienen sich dabei der Techniken und Konzepte, die in den letzten Jahrzehnten
von kleinen Aktivistengruppen perfektioniert und in verschiedenen Buchprojekten
festgehalten worden sind.
"Steal This Book", das "Handbuch der
Kommunikationsguerilla" oder auch "Culture Jamming" von Kalle
Lasn haben eines gemeinsam: Sie verstehen sich nicht als politische Programme
und sie führen nur nebenbei theoretische Diskussionen darüber, wie und welche
Politik im engeren Sinn gemacht werden soll. In erster Linie sind es Handbücher
für die Praxis der Kommunikation – beziehungsweise der Unterbrechung und Kritik
bestehender Diskurse und Botschaften. Diese Bücher handeln davon, wie man
bestimmte Inhalte etwa der
Massenmedien und der Werbung unterwandert und eigene
Botschaften übermittelt – und zwar möglichst auf eine Art und Weise, die Spaß
machen soll.
In "Culture Jamming" (1999) von Lasn, dem
Vordenker des "Adbusting" und Erfinder des "Buy-Nothing Day", sind
einige Beispiele von "Demarketing-Kampagnen" zu sehen, die sich gegen
die Herrschaft großer Konzerne über das Bewusstsein der Menschen richten
sollen. Geradezu als Ikone dieser Haltung erscheint das Foto, auf dem eine
Mutter zu sehen ist, die ihrem Kind die Brust gibt, in der Ästhetik von
Hochglanzmagazinen. Die Haut des Babys ist mit Logos übersät.
Ziel: Störung des
Kommunikationsbetriebes
Die gemeinsame Idee des Adbustings und der
Kommunikationsguerilla besteht darin, auf undogmatische Weise gegen
Stereotypen, Mythen und falsches Bewusstsein vorzugehen, das man als solche
erkannt hat – oder zumindest erkannt zu haben glaubt. Der
(Kommunikations-)Betrieb soll gestört werden, die Rezipienten/innen, beziehungsweise
Kosumenten/innen, aufgeklärt. Die Mittel dazu sind unter anderem theatralische Formen
der politischen Demonstration, Fakes, der Tortenwurf oder die Umwidmung von
Werbebotschaften. "Unser Alltag ist der Ort, an dem die Revolution stattfindet",
schreibt Kalle Lasn.
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Der Unterschied zwischen dem "Handbuch der Kommunikationsguerilla"
und "Culture Jamming" besteht aber unter anderem darin, dass die Autoren des "Handbuchs"
Linke im klassischen Sinn sind – Linke, die noch eine Idee haben
von Klassengegensätzen und Rassismus, die es zu überwinden gelte. In Kalle
Lasns Buch hingegen gibt es keinen Bezug auf Gesellschaftstheorien, nur eine
antikonsumistische Moral des Verzichts, die sich auf die Vorstellung beruft,
dass das wirtschaftliche Wachstum nicht endlos weitergehen könne, ohne unsere
Lebensgrundlagen zu zerstören.
Die Adbusters und Culture Jammers rund um Kalle Lasn formulierten,
so kritisieren daher die Autoren/innen des "Handbuchs",
"eine moralisierende oder an bestimmten Produkten orientierte
Konsumkritik, ohne die Bedingungen der kapitalistischen Warenproduktion grundlegend
in Frage zu stellen". Lasn selbst schreibt: "Es hat damit zu tun,
unsere Konsumkultur weniger cool zu machen, das Echte und etwas von dem wiederzufinden,
was verloren ging, seit der Konsumismus zur Religion der 'Ersten Welt' geworden
ist."
Was aber ist das "Echte"? Es gehe darum, meint Lasn, "spontan,
authentisch und lebendig zu sein". Das allerdings klingt selbst verdächtig
nach einem Slogan, mit dem man heute Turnschuhe, Handys und MP3-Player
verkauft. Wie heißt es bei
Sprite ganz im Sinne Lasns: "Image ist nichts,
Durst ist alles."
Abbie
Hoffman: Steal This Book (Four Walls Eight Windows 2002, 11.50 €)
Autonome A.F.R.I.K.A. Gruppe: Handbuch
der Kommunikationsguerilla (Assoziation A 1997, 16 €)
Kalle Lasn: Culture Jamming (Orange Press 2005, 20
€)
Ulrich Gutmair, 39, ist taz-Redakteur.
Fotos: Orange-Press / Verlag
www.tenant.net
Hoffmans "Steal this book" gratis und digital (englisch)
http://de.wikisource.org
Hier kannst du Büchners Flugblatt "Der
Hessische Landbote" von 1834 lesen.
http://de.wikipedia.org
Über Ziele und
Geschichte der so genannten "Kommunikationsguerilla" informiert Wikipedia.
www.roger-live.com
Kalle Lasn gewann im Sommer 2007 den "Cologne Thumper"-Designpreis
– statt die Auszeichnung persönlich entgegenzunehmen, schickte er vier
Videobotschaften aus Kanada, die man sich auf der Seite der Designzeitschrift Roger anschauen kann.