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Der lange Weg zur Einheit

Zwischen Provinzleben, Medienmacht und Mauergespenst

22.9.2007 | Stefanie Hiekmann | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Auch dieses Jahr wird wieder am 3. Oktober, dem "Tag der Deutschen Einheit", der "Einheitspreis" der bpb verliehen. In der Kategorie Medien konnten sich bis Ende August junge Journalisten/innen mit einem Beitrag bewerben. Wir veröffentlichen den Beitrag von fluter.de-Autorin Stefanie Hiekmann in einer gekürzten Version.

Magdeburg lockt abgewanderte Bürger/innen mit so genannten "Heimatschachteln", Universitäten in Ostdeutschland winken mit Stipendien und Begrüßungsgeldern. Die Lebenshaltungskosten in den neuen Bundesländern sind attraktiv, nämlich rund ein Drittel unter denen im Westen. Hinzu kommen Ost-Kampagnen für Studierende und Uni-Lehrkräfte wie "Weggehen und Wiederkommen" oder "Zwischen Strand und Audimax". Das Ziel ist immer dasselbe: Menschen aus dem Westen in den Osten Deutschlands zu locken.

Insgesamt haben die östlichen Bundesländer seit 1991 nämlich rund 1,5 Millionen Einwohner/innen verloren. Warum gehen kaum Studierende aus dem Westen an die Ost-Unis? Warum zieht es junge Menschen vor allem in die westlichen Bundesländer oder gar ins Ausland? Was ist beim "Aufbau Ost" bisher falsch gelaufen und wie kann die deutsche Einheit in Zukunft vorangehen?

Carolin Mader hat da ein paar Ideen. Seit ihrer Geburt lebt die 22-Jährige in Laage. "Ein kleiner idyllischer Vorort bei Rostock, so richtig ländlich, so, wie man sich den Osten vorstellt", beschreibt Carolin ihre Heimat. "Als 1984er Jahrgang bin ich zwar ein DDR-Kind, doch praktisch fühlte ich mich als 'ganzdeutsches' Kind, so wie Freunde, die ein paar Kilometer weiter westlich geboren sind, auch", meint sie.

Ruhiges Landleben im Osten

Carolin wohnt gerne in Laage: "Ich brauche nicht jeden Tag Halligalli und Party." Vielleicht ist sie auch deshalb eine der wenigen aus ihrer Abi-Klasse, die sich an der heimischen Universität in Rostock ein Plätzchen gesucht hat. "Es wird in der Öffentlichkeit zwar immer eher so dargestellt, dass es die Angst vor Arbeitslosigkeit und schlechten Zukunftschancen ist, aber ich denke, dass es vor allem der Mangel an Lebensqualität ist, der viele junge Leute dazu verleitet, ihre Koffer zu packen", vermutet Carolin. "Wenn ich abends noch was unternehmen möchte, also in Rostock unterwegs sein will, geht die letzte Bahn um zehn – aber man kann doch nicht von jungen Leuten verlangen, dass sie sich ein eigenes Auto zulegen, um zu gängigen Ausgehzeiten von A nach B zu kommen."

Der Osten, erzählt Carolin, sei voll von diesen Vorstädten und Dörfchen, die kein eigenes kulturelles Angebot und keine Freizeitangebote für junge Leute haben. Wer was erleben will, muss in die nächste größere Stadt reisen. "Aber auch wir Landeier wollen nach der Arbeit schließlich mal was Schönes machen!" Die Ortskneipe von Laage bietet keine Alternative – da treffen sich nur die älteren Leute.

Günstiges Studium reicht nicht

Carolin findet: "Um das Leben in Ostdeutschland für junge Menschen attraktiver zu machen, muss vor allem was an der Lebensqualität in den kleinen Orten gemacht werden. Man soll sich nicht wie im Schlaraffenland vorkommen, wenn man einmal auf Stippvisite in einem westlichen Städtchen ist." Neulich war sie in Münster, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen, ähnlich groß wie Rostock. "Da konnte ich auch nach einem netten Abend noch aus der Stadt rauskommen, ohne dass ich die ganze Zeit auf die Uhr fixiert war, damit ich ja nicht den letzten Bus verpasse."

Außerdem findet Carolin es wichtig, mehr Kultur in den vielen kleinen Ortschaften anzubieten. "Diese Orte nehmen im Verhältnis zu den Städten einen großen Raum bei uns im Osten ein", erklärt sie. "Also sollte dieser Lebensraum selbst attraktiv gestaltet werden, ohne Großstädte als 'Stütze' zu verwenden." Theater, Kino, Veranstaltungsräume für Aktionen, ein Café oder eine Bar, die junge Leute anspricht: "Es muss jetzt Leute geben, die hier etwas auf die Beine stellen", sagt Carolin.

Höher, schneller, weiter

Doch eben dazu, die eigenen Fähigkeiten zu benutzen, um etwas aufzubauen – dazu fehle vielen Ostdeutschen das nötige Selbstbewusstsein. "Das ist einer der wenigen Unterschiede, die ich zwischen Menschen aus Ost- und Westdeutschland feststellen kann", sagt Carolin. Wenn sie mit Freunden aus Westdeutschland über Zukunftsträume spricht, gibt es oft Äußerungen, an denen Carolin die Herkunft ihrer Freunde deutlich wird. "Es fällt mir auf, dass die Leute aus dem Westen wesentlich selbstbewusster und mutiger daherkommen", findet Carolin, "bei gleichwertiger Qualifikation können sich die Wessies einfach besser verkaufen." Gleichzeitig nervt sie aber auch die "Höher-schneller-weiter-Einstellung": "Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich die jungen Leute aus dem Westen vor lauter Ehrgeiz, Zielen, Ansprüchen und Träumen überschlagen. Gleichaltrige im Osten scheinen mir oft zufriedener mit dem, was sie haben."

Auch wenn die Studienbedingungen laut Rankingergebnissen im Osten besser sind als im Westen, kommen nur vier Prozent der Studierenden im Osten aus dem Westen. Über ein Viertel aller Ostabiturienten/innen zieht es hingegen in den Westen. Jürgen Schreier, Wissenschaftsminister des Saarlandes, nennt das eine "Flucht gen Westen". Stefan Rippler, 22, studiert Medienwissenschaften in Augsburg und ist sich sicher, dass die Medienwelt und die Bildungsrichtlinien in die richtige Richtung gehen, um diese Flucht zu stoppen. Aber einfach wird es nicht sein: In nahezu jedem Medienbericht wird zwischen west- und ostdeutschen Bundesländern unterschieden. "Wie soll man da als Bürger nicht anfangen zu trennen?", fragt Stefan.

Stefan lebt seit seiner Geburt in Bayern und damit in Westdeutschland. Dass er dort zum Studieren geblieben ist, habe allein "am fantastischen Studienangebot" in Augsburg gelegen. "Wenn es das in Ostdeutschland gegeben hätte, wäre ich dort hingegangen", erzählt Stefan. "Diese ständige Aufteilung in Ost und West – ich sehe da längst keinen Unterschied mehr."

Als Student der Medienwissenschaften findet Stefan, dass die Schlagzeilen der Presse über Ostdeutschland mit mehr Vorsicht gewählt sein sollten. An einem Beispiel macht er es deutlich: "2004 wurde gemeldet, dass Umfragen ergeben hätten, dass sich sowohl ost- als auch westdeutsche Bürger die Mauer zurückwünschen", erzählt er. "Nicht nur mich, auch viele andere Menschen wird das erschrocken haben." Die Aufmerksamkeit der Leser/innen war durch die Meldung, die überall groß herauskam, gesichert. Doch die Berichterstattung war einseitig – es gab nämlich mehr Menschen, ergab die Umfrage, die froh waren, dass es die Grenze nicht mehr gab. "Die Einheitsgegner bekommen durch solche reißerischen Texte eine allzu große Lobby", meint Stefan.

Themen in den Medien bestimmen den Zeitgeist

Falsche Gewichtung in der Medienwelt kritisiert der junge Mann noch mit einem anderen Beispiel: "Die Innovationspolitik Ostdeutschlands kommt in der Bericherstattung zu kurz, wenn etwa Martin Sonneborn, der Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, viel Medienaufmerksamkeit bekommt, wenn er zum Wahlkampf 2005 Die Partei gründet und im Wahlprogramm unter anderem die Wiederaufrichtung der Mauer fordert." Ein falscher Magnet, der nicht gerade fördernd für den Einheitsgedanken sei, meint der angehende Medienwissenschaftler.

Stefan Rippler und Carolin Mader geben auch dem Bildungssektor Hausaufgaben für das Fach "Einheit und Gemeinschaft". "Dort schlummert Potential, das genutzt werden sollte", sind sich beide einig. "Es kann nicht sein, dass jemand, der nicht in Bayern Abitur gemacht hat, den bayrischen Abiturienten um ein bis zwei Jahre nachhängt", sagt Stefan. "Bildungsstandards, die für alle Bundesländer gelten, sollte es so schnell wie möglich geben", fügt Carolin hinzu. "Wenigstens hier muss Einheit herrschen, schon aus Gründen der Chancengleichheit."

Die Frage, ob wir Deutschen schon zu einer Einheit geworden sind, ob wir Einheit leben, können Carolin und Stefan – noch – nicht mit "Ja" beantworten. "Es gibt eben noch einiges zu tun", findet Carolin. "Und das nicht nur auf dem Arbeitsmarkt im Osten, der in der Berichterstattung viel Gewicht bekommt", ergänzt Stefan. "Viele andere Bereiche kommen in der Öffentlichkeit häufig zu kurz, sind aber mindestens genauso entscheidend." Menschen brauchen Arbeit, klar – aber Lebensqualität, Chancengleichheit und eine gleichmäßig über das Land verteilte Infrastruktur gehören genauso dazu. Und dabei sollte nicht die Macht der Medien vergessen werden: Eine ausgewogene Berichterstattung in der Presse könnte dem Einheitsgefühl der Deutschen vielleicht den entscheidenen Schub geben.

Stefanie Hiekmann (17) kommt aus der Nähe von Osnabrück.



www.einheitspreis.de
Mehr zum "einheitspreis – Bürgerpreis zur Deutschen Einheit" der Bundeszentrale für politische Bildung




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