Stimmen im Netz

Für die iranische Jugendkultur ist das Internet die Heimat

16.9.2007 | Hanna Huhtasaari
Die Musikszene im Iran ist überraschend vielfältig und reicht von Punk, Metal über Hip Hop und Rap zu Elektronik und Jazz. Aber wer die Bands und Sänger/innen hören will, muss ins Internet gehen.
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Laute Gitarrenriffs gemischt mit traditionellen persischen Instrumenten. Dazu die markante Stimme und der eindringliche Refrain des Bandleaders Shahram Sharbaf, der Verse des berühmten persischen Dichters Hafez zitiert. Die iranische Independent-Rockband O-Hum (zu Deutsch: Illusion) gehört zu den beliebtesten Bands des Landes. Und doch wird ihre Musik nicht im Radio gespielt, ihre CDs stehen nicht in den Plattenläden, sie tritt nicht live auf. Laut Ershad, dem Ministerium für Kultur und islamische Führung, gelten O-Hums Texte als politisch und ihre Musik als unangemessen. Eine Konzertgenehmigung wurde ihnen verweigert, ebenso die Plattenproduktion.

So ergeht es vielen Musikern/innen im Iran. Das Ministerium für Kultur und islamische Führung Ershad hat die Aufsicht über die gesamten Medien des Landes und kontrolliert somit neben der Musikproduktion auch die Presse sowie sämtliche Veröffentlichungen im Bereich Film und Literatur. Die Auflagen des Ministeriums sind hart: Eine eigens für Musik zuständige Abteilung bewertet neben dem Text auch die musikalische Qualität. Ohne eine Genehmigung des Ershad wird im Iran keine Platte produziert. Besonders betroffen von den Auflagen sind Frauen: Sologesänge sind grundsätzlich verboten, einzige Ausnahme: Frauenstimmen im Chor sind zugelassen.

Die Auflagen des Ministeriums machen es jungen Bands fast unmöglich, ihre Musik zu veröffentlichen, wenn sie sich außerhalb der klassisch-konventionellen oder traditionellen persischen Musik bewegen. Die junge Musikszene ist daher in den Untergrund abgetaucht, die Proben finden versteckt in Kellern statt, der einzige Weg, sich Gehör zu verschaffen, ist das Internet. Viele Bands bieten ihre Songs im Netz zum Download an und stehen mit ihren Fans über Mails und Foren in Kontakt. Hier erreichen sie ihr Publikum weit über die Grenzen des Iran. Trotz der Schikanen des Ershad ist die Musikszene im Netz überraschend vielfältig und reicht von Punk, Metal über Hip Hop und Rap zu Elektronik und Jazz.

Ein Blog gegen die Sorgen

Die persische Jugendkultur spielt sich hauptsächlich im Internet ab. Hier kommuniziert man miteinander – innerhalb des Irans, aber auch weltweit. Die Jugendlichen mailen, bloggen, skypen und chatten. Besonders beliebt sind Weblogs – Online-Tagebücher. Die Blogosphäre Irans boomt. Persisch gehört mittlerweile zu den zehn häufigsten Blogsprachen der Welt. Ausgelöst hat den Boom der Weblog-Pionier Hossein Derakshan, ein iranischer Journalist und Computerspezialist, der 2001 erstmals eine Anleitung auf Persisch ins Netz stellte, wie man einen Blog erstellt. Heute gibt es rund 10 Millionen Internetnutzer/innen im Iran, davon führen rund 60.000 ein Blog, andere Schätzungen gehen sogar von über 100.000 aus.

Weblogistan hat sich längst als das Sprachrohr der iranischen Jugend etabliert. Für viele ist das tägliche Bloggen ein wichtiges Ventil geworden, wie zum Beispiel der Blog mit dem Pseudonym: "How I learned to stop worrying and to write a blog". Ein anderer Blogger gibt zu, auf das regelmäßige Tagebuchschreiben nicht verzichten zu können: "Not blogging for a while is something that makes me little miserable" (www.mrbehi.blogs.com 21.6.2007) Junge Iraner schreiben in Blogs über ihren Alltag, über Musik, Filme und Bücher. Es geht um den neuesten Harry Potter, den aktuellen Simpsons-Film, aber auch um Religion und Politik. In den Blogs vermischen sich Politik und Pop. Für Ausländer/innen mögen die Themen der iranischen Web-Tagebücher banal erscheinen, aber in einem Land, in dem alle westlichen Produkte als Teufelszeug gelten, ist die Besprechung des neuen Harry-Potter-Romans ein politisches Statement, ein Protest gegen den Mullahstaat.

Insbesondere nach den Repressionswellen 2000 und 2004, als zahlreiche Reformzeitungen verboten wurden, flüchteten viele regimekritische Journalisten/innen und Schriftsteller/innen ins Netz. Was nicht mehr offiziell gedruckt werden durfte, wurde im Netz veröffentlicht. Im Iran ist das Internet der einzige Weg, sich frei zu äußern, und dient für viele als Hauptinformationsquelle außerhalb der gelenkten Staatsmedien. Blogs sind gerade deshalb so beliebt, weil sie unzensiert, unabhängig und schnell sind. Blogs geben den Menschen eine Stimme und ihren Meinungen eine Öffentlichkeit. Die Webcommunity innerhalb und außerhalb des Iran bildet ein weltweites Netzwerk, die das Land zunehmend verändert und die Informationspolitik des Mullahstaaats unterwandert.

Als im Juni 2006 in Teheran eine Demonstration von Frauenaktivisten/innen von Sicherheitskräften gewaltsam aufgelöst wurde, zirkulierten Bilder der Verhaftungen, die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten/innen und Sicherheitskräften nur einige Stunden später im Internet und fanden so ihren Weg zu internationalen Medien, woraufhin die Aufmerksamkeit von internationalen NGOs mobilisiert werden konnte. "Das ist wirklich einer der wichtigsten Effekte des Internets: Kontakt zu internationalen Medien und Mobilisierung internationaler Unterstützung und Aufmerksamkeit", sagt der Islamwissenschaftler Marcus Michaelsen von der Universität Erfurt, der die Medienlandschaft des Irans erforscht.

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Die iranische Regierung beobachtet die Blogosphäre genau und wird zunehmend nervös. Sie geht verschärft gegen regimekritische Internetuser/innen vor, indem sie Webseiten und Internet-Service-Provider (ISPs) filtert oder politisch unliebsame Seiten sperrt. Im Oktober 2006 wurde die Verbreitung von DSL-Zugängen eingeschränkt, indem die Geschwindigkeit der Datenübertragung auf 128 kbit gedrosselt wurde. Seit 2006 schreibt Ershad den Betreibern/innen von Internetseiten vor, sich innerhalb von zwei Monaten registrieren zu lassen. Die Maßnahmen zeigen allerdings nur bedingt Wirkung. Die Szene ist vital und täglich kommen neue Blogs und Webseiten hinzu.

Die Web-Community ist gegen Angriffe gewappnet. Die besten Tricks, die Filter zu umgehen, werden über Mails, SMS, Foren, aber auch durch Graffiti an Häuserwänden und Bussitzen verbreitet. Es ist wie ein Katz- und Mausspiel, sobald Ershad Seiten sperrt oder filtert, machen sich Hacker/innen daran, die Filter zu knacken und Sperrungen zu umgehen. Dazu nutzen sie Proxys, das heißt Webseiten, die die Bewegung der User/innen im Netz verschlüsseln und über die man auf verbotene Seiten zugreifen kann, oder sie ändern URLs, eine andere Möglichkeit ist es, IP-Adressen von gesperrten Seiten zu kopieren.

Wie weit reicht die Kraft des Internets?

Trotzdem ist die Lage für Internetuser/innen unsicher: "Im Moment kann ein kritischer Journalist auch ganz schnell zum 'Umstürzler', 'Spion' oder 'Systemfeind' erklärt werden, der über das Internet mit Regierungsgegnern zusammenarbeitet, und riskiert so hohe Strafen", sagt Marcus Michaelsen. Regimekritische Internetnutzer/innen müssen außerdem mit brutaler Verfolgung, Verhaftung und Gefängnisstrafen rechnen. Laut dem aktuellen Jahresbericht der Reporter ohne Grenzen wurden im Iran im vergangenen Jahr 38 Journalisten/innen verhaftet und ein Dutzend Medien zensiert. Die Blogszene hält zusammen und erinnert immer wieder im Netz an verhaftete oder verschwundene Blogger/innen und Journalisten/innen.

Welche politische Kraft Blogs haben, ist umstritten. Einer, der fest an eine virtuelle Revolution glaubt, ist der persische Exilschriftsteller Abbas Maroufi. Er lebt heute in Berlin und veröffentlicht seine Bücher an der Zensur vorbei, indem er seine Texte als Download in seinem Weblog anbietet. Außerdem gibt Maroufi Literaturkurse an seine Studenten/innen im Iran online. Er ist überzeugt, dass das Land durch das Netz reformiert werden kann: "Wir demonstrieren im Netz und ich glaube an eine Revolution. Es ist noch ein langer Weg und wir müssen hart daran arbeiten, aber der Tag wird kommen." Auch der deutsch-iranische Regisseur Amir Hamz, der in seinem Film "Sounds of Silence" die junge iranische Musikkultur portraitiert, glaubt an die politische Kraft des Internets: "Auch wenn es Grenzen gibt, das Netz demokratisiert und liberalisiert den Iran", sagt er.

Die Blogger/innen aus dem Iran sind nicht mehr wegzudenken, aber man sollte ihre Rolle nicht überschätzen, meint hingegen Marcus Michaelsen: "Das Internet wird im Iran keine Revolution auslösen oder die Regierung verändern." Aber das Internet ist nützlich für die Verbreitung von Informationen und die Mobilisierung und Unterstützung von außen. Weblogs bilden somit eine Gegendarstellung zu den offiziellen Meldungen der iranischen Regierung. Blogger/innen schaffen durch ihre Texte, Berichte und Beschreibungen eine Gegenöffentlichkeit, die das offizielle Bild der iranischen Regierung konterkariert. Weblogistan entwickelt sich rasant, hinzu kommt, dass 70 Prozent der iranischen Bevölkerung jünger als 30 Jahre ist. Die Jugend Irans geht längst ihren eigenen Weg und der führt sie über das Netz und gibt ihnen so die Chance, ihre Meinung frei zu äußern. Ein Leben ohne Internet ist für die meisten Jugendlichen inzwischen undenkbar. Die Macht der Weblogs liegt in ihrer Unkontrollierbarkeit. Die Überwachungsapparate des Mullahstaates werden das Netz nicht flächendeckend filtern können.

Hanna Huhtasaari ist Online-Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Foto: AP


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"Iranian voices are not papers to close, are not waves to disrupt, are not bytes to filter. Blogs proved that words now come not from political parties but from individuals. ...The government should be happy listening to these words but if they are fool enough that they think they should wipe out words to wipe out the ideas, hell to them but as long as humans are there, here are voices. Close it and there will be another way of making it heard soon enough." (http://mrbehi.blogs.com)

Links und Blogs zum Thema:

www.soundsofsilencefilm.com
www.o-hum.com
www.maroufi.malakut.org
www.blogsbyiranians.com