Laute
Gitarrenriffs gemischt mit traditionellen persischen Instrumenten.
Dazu die markante Stimme und der eindringliche Refrain des
Bandleaders Shahram Sharbaf, der Verse des berühmten persischen
Dichters Hafez zitiert. Die iranische Independent-Rockband O-Hum (zu Deutsch: Illusion) gehört zu den beliebtesten Bands des Landes.
Und doch wird ihre Musik nicht im Radio gespielt, ihre CDs stehen
nicht in den Plattenläden, sie tritt nicht live auf. Laut
Ershad, dem Ministerium für Kultur und islamische Führung,
gelten O-Hums Texte als politisch und ihre Musik als unangemessen.
Eine Konzertgenehmigung wurde ihnen verweigert, ebenso die
Plattenproduktion.
So ergeht es
vielen Musikern/innen im Iran. Das Ministerium für Kultur und
islamische Führung Ershad hat die Aufsicht über die
gesamten Medien des Landes und kontrolliert somit neben der
Musikproduktion auch die Presse sowie sämtliche
Veröffentlichungen im Bereich Film und Literatur. Die Auflagen
des Ministeriums sind hart: Eine eigens für Musik zuständige
Abteilung bewertet neben dem Text auch die musikalische Qualität.
Ohne eine Genehmigung des Ershad wird im Iran keine Platte
produziert. Besonders betroffen von den Auflagen sind Frauen:
Sologesänge sind grundsätzlich verboten, einzige Ausnahme:
Frauenstimmen im Chor sind zugelassen.
Die Auflagen
des Ministeriums machen es jungen Bands fast unmöglich, ihre
Musik zu veröffentlichen, wenn sie sich außerhalb der
klassisch-konventionellen oder traditionellen persischen Musik
bewegen. Die junge Musikszene ist daher in den Untergrund abgetaucht,
die Proben finden versteckt in Kellern statt, der einzige Weg, sich
Gehör zu verschaffen, ist das Internet. Viele Bands bieten ihre
Songs im Netz zum Download an und stehen mit ihren Fans über
Mails und Foren in Kontakt. Hier erreichen sie ihr Publikum weit über
die Grenzen des Iran. Trotz der Schikanen des Ershad ist die
Musikszene im Netz überraschend vielfältig und reicht von
Punk, Metal über Hip Hop und Rap zu Elektronik und Jazz.
Ein Blog gegen die Sorgen
Die
persische Jugendkultur spielt sich hauptsächlich im Internet ab.
Hier kommuniziert man miteinander – innerhalb des Irans, aber auch
weltweit. Die Jugendlichen mailen, bloggen, skypen und chatten.
Besonders beliebt sind Weblogs – Online-Tagebücher. Die
Blogosphäre Irans boomt. Persisch gehört mittlerweile zu
den zehn häufigsten Blogsprachen der Welt. Ausgelöst hat
den Boom der Weblog-Pionier Hossein Derakshan, ein iranischer
Journalist und Computerspezialist, der 2001 erstmals eine Anleitung
auf Persisch ins Netz stellte, wie man einen Blog erstellt. Heute
gibt es rund 10 Millionen Internetnutzer/innen im Iran, davon führen
rund 60.000 ein Blog, andere Schätzungen gehen sogar von über
100.000 aus.
Weblogistan
hat sich längst als das Sprachrohr der iranischen Jugend
etabliert. Für viele ist das tägliche Bloggen ein wichtiges
Ventil geworden, wie zum Beispiel der Blog mit dem Pseudonym: "How
I learned to stop worrying and to write a blog". Ein anderer Blogger
gibt zu, auf das regelmäßige Tagebuchschreiben nicht
verzichten zu können: "Not blogging for a while is something
that makes me little miserable" (www.mrbehi.blogs.com
21.6.2007) Junge Iraner schreiben in Blogs über ihren Alltag,
über Musik, Filme und Bücher. Es geht um den neuesten Harry
Potter, den aktuellen Simpsons-Film, aber auch um Religion und
Politik. In den Blogs vermischen sich Politik und Pop. Für
Ausländer/innen mögen die Themen der iranischen Web-Tagebücher
banal erscheinen, aber in einem Land, in dem alle westlichen Produkte
als Teufelszeug gelten, ist die Besprechung des neuen Harry-Potter-Romans ein politisches Statement, ein Protest gegen den Mullahstaat.
Die
iranische Regierung beobachtet die Blogosphäre genau und wird
zunehmend nervös. Sie geht verschärft gegen regimekritische
Internetuser/innen vor, indem sie Webseiten und Internet-Service-Provider
(ISPs) filtert oder politisch unliebsame Seiten sperrt. Im Oktober
2006 wurde die Verbreitung von DSL-Zugängen eingeschränkt,
indem die Geschwindigkeit der Datenübertragung auf 128 kbit
gedrosselt wurde. Seit 2006 schreibt Ershad den Betreibern/innen von
Internetseiten vor, sich innerhalb von zwei Monaten registrieren zu
lassen. Die Maßnahmen zeigen allerdings nur bedingt Wirkung.
Die Szene ist vital und täglich kommen neue Blogs und Webseiten
hinzu.
Die
Web-Community ist gegen Angriffe gewappnet. Die besten Tricks, die
Filter zu umgehen, werden über Mails, SMS, Foren, aber auch durch
Graffiti an Häuserwänden und Bussitzen verbreitet. Es ist
wie ein Katz- und Mausspiel, sobald Ershad Seiten sperrt oder filtert,
machen sich Hacker/innen daran, die Filter zu knacken und Sperrungen zu
umgehen. Dazu nutzen sie Proxys, das heißt Webseiten, die die Bewegung der
User/innen im Netz verschlüsseln und über die man auf verbotene
Seiten zugreifen kann, oder sie ändern URLs, eine andere
Möglichkeit ist es, IP-Adressen von gesperrten Seiten zu
kopieren.
Wie weit reicht die Kraft des Internets?
Trotzdem
ist die Lage für Internetuser/innen unsicher: "Im Moment kann ein
kritischer Journalist auch ganz schnell zum 'Umstürzler', 'Spion' oder 'Systemfeind' erklärt werden, der über
das Internet mit Regierungsgegnern zusammenarbeitet, und riskiert so
hohe Strafen", sagt Marcus Michaelsen. Regimekritische
Internetnutzer/innen müssen außerdem mit brutaler Verfolgung,
Verhaftung und Gefängnisstrafen rechnen. Laut dem aktuellen
Jahresbericht der Reporter ohne Grenzen wurden im Iran im
vergangenen Jahr 38 Journalisten/innen verhaftet und ein Dutzend Medien
zensiert. Die Blogszene hält zusammen und erinnert immer wieder
im Netz an verhaftete oder verschwundene Blogger/innen und Journalisten/innen.
Welche
politische Kraft Blogs haben, ist umstritten. Einer, der fest an eine
virtuelle Revolution glaubt, ist der persische Exilschriftsteller
Abbas Maroufi. Er lebt heute in Berlin und veröffentlicht seine
Bücher an der Zensur vorbei, indem er seine Texte als Download
in seinem Weblog anbietet. Außerdem gibt Maroufi Literaturkurse
an seine Studenten/innen im Iran online. Er ist überzeugt, dass das
Land durch das Netz reformiert werden kann: "Wir demonstrieren im
Netz und ich glaube an eine Revolution. Es ist noch ein langer Weg
und wir müssen hart daran arbeiten, aber der Tag wird kommen."
Auch der deutsch-iranische Regisseur Amir Hamz, der in seinem Film "Sounds of Silence" die junge iranische Musikkultur portraitiert,
glaubt an die politische Kraft des Internets: "Auch wenn es Grenzen
gibt, das Netz demokratisiert und liberalisiert den Iran", sagt er.
Die
Blogger/innen aus dem Iran sind nicht mehr wegzudenken, aber man sollte
ihre Rolle nicht überschätzen, meint hingegen Marcus
Michaelsen: "Das Internet wird im Iran keine Revolution auslösen
oder die Regierung verändern." Aber das Internet ist nützlich
für die Verbreitung von Informationen und die Mobilisierung und
Unterstützung von außen. Weblogs bilden somit eine
Gegendarstellung zu den offiziellen Meldungen der iranischen
Regierung. Blogger/innen schaffen durch ihre Texte, Berichte und
Beschreibungen eine Gegenöffentlichkeit, die das offizielle Bild
der iranischen Regierung konterkariert. Weblogistan entwickelt sich
rasant, hinzu kommt, dass 70 Prozent der iranischen Bevölkerung
jünger als 30 Jahre ist. Die Jugend Irans geht längst ihren
eigenen Weg und der führt sie über das Netz und gibt ihnen
so die Chance, ihre Meinung frei zu äußern. Ein Leben ohne
Internet ist für die meisten Jugendlichen inzwischen undenkbar.
Die Macht der Weblogs liegt in ihrer Unkontrollierbarkeit. Die
Überwachungsapparate des Mullahstaates werden das Netz nicht
flächendeckend filtern können.
Hanna Huhtasaari ist Online-Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.
Foto: AP