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Grüß Gott, Karaokemaschine

Arbeiten in einer riesigen Miniaturwelt - die Expo in Shanghai

15.6.2010 | Petra Bäumer | Artikel drucken

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"Die Begeisterung für China muss genetisch sein. Die war schon immer da", sagt Diana Hübel. Jene für Deutschland muss allerdings manchmal erst wieder neu gefüttert werden, wenn die Besucher und Besucherinnen bei großem Andrang geduldig am deutschen Pavillon warten. Drinnen begrüßen sie dann aber nicht nur übergroße Postkarten von Neuschwanstein oder Gartenzwergen, sondern auch 192 deutsche wie chinesische Hosts und Hostessen. Durch sich windende Räume und Tunnel begleiten sie die Expo-Touristen auf den Stationen eines modernen urbanen Lebens – von "Landschaft", "Stadtrand" bis zur "Fabrik". Vorbei an neuer deutscher Technik oder Grilltradition im Kleingarten bis zur Attraktion der Ausstellung: einer schwebenden Kugel, die durch Klatschen in Bewegung gesetzt wird.

Besondere Dimensionen eines Studijobs

Führungen auf Deutsch, Englisch oder Chinesisch sind Dianas Hauptaufgabe, neben vielem anderen. "Fotomodell sein zum Beispiel", sagt sie: "Das war zwar nicht so angedacht, aber die Chinesen sind wohl einfach begeistert, auch mal Europäer zu sehen. Und dann wird man eben eine halbe Stunde fotografiert." Unter dem Kunstwort "balancity" summiert sich das Motto des deutschen Beitrags. "Ziemlich viel Show", meinen die einen Besucher, "Wow", die anderen. "Ziemlich viel" trifft es aber in jedem Fall. Bis zu 45.000 Menschen besuchen täglich den deutschen Pavillon, etwa 400.000 sind es insgesamt auf der Expo. 240 Nationen sind auf dem fünf Quadratkilometer großen Gelände am Huangpu vertreten. "Man hat wirklich das Gefühl, die ganze Welt ist an einem Punkt zentriert", sagt Diana. Es sind die Dimensionen, die ihren Studijob besonders machen.

Seit März lebt sie in der 18 Millionenstadt Shanghai – und arbeitet in einer Miniatur-Welt. Breite Straßen, riesige exotische Bauten, Shuttle-Busse oder fast eine Stunde Fußweg vom chinesischen Pavillon zum deutschen. Wie viele andere Hosts und Hostessen wohnt Diana nicht direkt im Expo Village, sondern in einem nahe gelegenen Gebäudekomplex in einer 3er-WG. "Wenn am Tag viel passiert ist, sitzt man noch zusammen an einem großen Tisch und redet. Wenn man im Expo-Village lebt und abends einfach ins Bett fällt, kriegt man vielleicht wirklich weniger mit. Dafür aber bietet Shanghai einfach zu viel. Gerade zur Expozeit. Ob auf dem European Square, den Pavillons oder in der Stadt. Jeden Tag ist etwas. Man kann das Moderne haben. Aber natürlich auch dieses urige China."

In Shanghai ist die Expo mittendrin in der Realität ihres Themas "Better City, Better Life" – die Stadt als Lebensraum der Zukunft. Schon 2007 während eines Auslandsaufenthaltes in Shaoxing hat Diana Shanghai das erste Mal besucht: "Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Jetzt ist alles so aufgeräumt, größer, westlicher geworden. Vor drei Jahren konnte beispielsweise kaum jemand Englisch sprechen. Auch die typischen kleinen chinesischen Häuschen sind heute Hochhäusern und Hotels gewichen. Es ist aber auch dieser Wandel und diese Schnelllebigkeit, die mich faszinieren."

Disneyworld der Moderne?

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Diana Hübel

Was kommt an von der Grundidee des nachhaltigen urbanen Lebens? "Das ist ganz unterschiedlich", meint Diana. Und hänge, sagt sie, nicht nur von den Besuchern ab, sondern auch von den unterschiedlichen Konzepten der Pavillons. "Viele Länder setzen auf eine Art Durchlaufpavillon. Manche haben noch nicht mal chinesische Schriften. Man läuft durch, schaut einen Film oder fährt mit der Gondel – und denkt sich seinen Teil." Mit dem deutschen Pavillon ist Diana indessen zufrieden, da er für alle etwas biete: "Man hat jene, die nur ein Foto machen. Aber eben auch die, die interessiert fragen: 'Was hat das mit dem Grüngürtel in Köln' auf sich, 'Was sind denn jetzt interkulturelle Gärten?'."

Kritiker bemängeln, dass die Weltausstellung einem veralteten Konzept folge. Ein Disneyworld der Moderne, eine Nationenschau für den Fortschritt. Dass diese Expo sich dem Thema nachhaltigen urbanen Lebens widmet, ist ein erster Ansatz, diese Struktur aufzuhebeln. Kern der Attraktionen wird jedoch wohl auch zukünftig die Architektur bleiben: Die Pavillons sind so etwas wie extravagante Schmuckstücke in den Referenz-Schatullen der Architekten und Designer. Exotisch, riesig, technisch-innovativ. China präsentiert den größten Pavillon, Saudi-Arabiens silbernes Schiff den pompösesten in der Menge anderer skurriler Bauten, wie dem japanischen Beitrag. "Wie ein pinkes Tamagotchi", so Diana. Zugeschnitten auf das Publikum sind sie allesamt. Internationale Besucher machen nur einen Bruchteil der Expo-Touristen aus. 80 bis 90 Prozent der Besucher kommen aus China und Asien, hat auch Diana beobachtet.

Jens und Yanyan, die perfekte deutsch-chinesische Freundschaft

Chinesisch ist daher der Kitt zwischen den Kulturen. Nicht nur während der Arbeit, wenn es darum geht, mit einem "Vorsicht Stufe" einer alten Dame auszuhelfen. Als Regionalwissenschaftlerin, die jeden Tag mit unterschiedlichen Nationen, der Stadt drinnen und draußen, zu tun hat, ist das für sie nichts vollkommen Neues: "Ich habe hier viele chinesische Bekannte und Freunde. Für tiefe Gespräche auf Chinesisch reicht es noch nicht. Insofern bleibt mein Verhältnis zu den Chinesen immer etwas oberflächlicher. Nicht weil ich es so will, sondern weil es im Moment leider noch nicht anders geht." Die perfekte deutsch-chinesische Freundschaft machen die beiden Kunstfiguren Jens und Yanyan indessen schon mal vor, wenn sie als Aufsteller oder auch als menschliches Duplikat die Besucher durch den Pavillon lotsen. Am Ende reagiert jeder, gleich ob amerikanisch, deutsch oder chinesisch, immer anders. Beispielsweise wie das kleine chinesische Mädchen, das bei der Karaoke-Station auf einmal in perfektem Deutsch "Ode an die Freude" singt.

Die Chinesen haben sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Sie wollen den Expo-Rekord knacken und bis zum Ende im Oktober 70 Millionen Besucher empfangen. Für Diana ist die Expo nur der Auftakt, noch ein weiteres Jahr wird sie in Shanghai studieren. "Genau die Zeit, nach der ich hoffe, perfekt Chinesisch zu sprechen." Und auch wenn die Chinesen noch nicht am Besucherrekord kratzen, Diana kommt ihrem Wunsch immer näher, "einmal Blockheizkraftwerke perfekt auf Chinesisch zu erklären".

Petra Bäumer ist fluter-Volontärin der Bundeszentrale für politische Bildung.

Fotos: ©Yovohagrafie, Deutscher Pavillon



www.expo2010.cn
Auf der Hauptseite der Expo in Shanghai läuft schon mal der Ticker: Wie viele Besucher gab es heute? Wie viele Tage bleiben noch? Außerdem aktuelle Infos zu allen Pavillons, zum Beispiel dem Japans:
www.expo-japan.jp

www.expo2010-deutschland.de
Der deutsche Pavillon mit Terminen und vielen Innenansichten. In der Nachbarschaft sind auch die Städte-Präsentationen von Hamburg, Bremen, Düsseldorf und Freiburg zu sehen:
www.expo2010.hamburg.de
www.bremen-expo2010.de
www.duesseldorf-expo2010.de
www.expo2010.freiburg.de