NRW hat schon viele bekannte Künstler hervorgebracht: Joseph Beuys, Die Toten Hosen oder Helge Schneider. Wer kommt als nächstes? Friederike Knüpling, 23, und Max Scharnigg, 25, haben für fluter die interessantesten Nachwuchskünstler in Nordrhein-Westfalen besucht.
Ulla Lenze, 31, Schriftstellerin Wenn man die Schriftstellerin Ulla Lenze fragt, warum man Philosophie studieren sollte, fällt ihr die frische Zigarette in die leere Kaffeetasse und sie macht so etwas wie "Huch". Die rote Gauloise ist hin, es war die letzte und Ulla Lenze sagt: "Na, macht nichts, das halte ich jetzt schon durch. Und ach, Philosophie sollte man vielleicht gar nicht mehr studieren, weil die Universitäten die Zeit dafür gekürzt haben."
Sie hält den Kopf schief und redet weiter, über Hegel, der versucht, die Gedanken zu entwirren und dessen Werke sie jedem in den Bücherschrank stellen möchte. Draußen liegt derweil Köln, Agnesviertel, es ist kalt und schmutzig und ganz weit weg von dem Indien, durch das Lenze ein Geschwisterpaar schickt, in ihrem ersten Roman. Indien, weil es Lenze fasziniert, weil sie dort selber über ein Jahr gelebt hatte und darüber schreiben wollte, wie es ist, das Land. Frei von esoterischer Hippie-Verklärung.
Das gute Gefühl Dieser erste Roman "Schwester und Bruder" erschien vor zwei Jahren, da war Ulla Lenze 29. Er hat viel verändert. Wegen ihm wurde Ulla Lenze nach Klagenfurt eingeladen, zum wichtigsten deutschsprachigen Dichtertreffen. Dort fand sie auf dem Hotelzimmer ein Schild, auf dem stand ihr Name und darunter "Autorin". "Das war das erste Mal, dass ich das gesehen habe, ein seltsames, gutes Gefühl".
In Klagenfurt musste sie vorlesen, vor richtig großem Publikum und sich hinterher der Kritik stellen "Viel Nettes wurde da gesagt, aber auch einiges getadelt. Und jeder Tadel tut unfassbar weh." Es tat so weh, dass sie gar nicht mehr zur Preisverleihung gehen wollte, aber dann ist sie doch hin, zum Glück, denn "Schwester und Bruder" bekam in Klagenfurt den Ernst-Willner-Preis. Damit wurde es ein bisschen wild in Ulla Lenzes Leben und ihre Katze in der Wohnung neben der Ursulakirche, ein bisschen einsam.
Schreiben und Studieren Über fünfzig Lesungen machte sie, das Goethe Institut schickte sie und ihren Roman durch Osteuropa, sie bekam den Jürgen-Ponto-Preis für das beste Debüt, noch ein Stipendium und schließlich wurde Ulla Lenze eingeladen, als Stadtschreiberin nach Damaskus, Syrien, Orient. Dort schrieb sie ein Tagebuch, das still und zurückhaltend vorbeischaut, an den ersten Eindrücken und erst die zweiten notiert. "In Damaskus kam ich mir vor, als käme ich aus einer rückständigen Gesellschaft, die Offenheit und Höflichkeit der Menschen dort war wunderbar."
Bedauernd hebt sie die getränkte Zigarette hoch und zuckt mit den Schultern, die jungen Mütter, die an diesem Nachmittag in Lenzes Stammcafe der "Alten Feuerwache", sitzen, lassen ihre Kinder schreien. Weg von hier möchte sie eigentlich nicht, später vielleicht, aber jetzt ist ihr Köln ein guter Ort, sagt Ulla Lenze und erzählt noch, wie durch den ganzen Trubel um ihr erstes Buch, das zweite etwas leiden muss: "Weil ich keine Zeit hatte, alles zu verarbeiten und das erst nachholen musste und darüber ein bisschen die Erzählstimme verlor, für den zweiten Roman".
Jetzt hat sie die Stimme wiedergefunden und schreibt, Nacht für Nacht. Und tagsüber studiert sie noch schnell Philosophie zu Ende.
Text: Max Scharnigg www.ullalenze.de
Lena Wignosapento, 21, Musikhochschule Köln "Ich hatte zehn Jahre in Wesel Cello-Unterricht, als mein Lehrer gesagt hat, ich sollte endlich mal wechseln. Ich bin dann als Jungstudentin, also neben der Schule, an die Musikhochschule in Köln gegangen. Dort habe ich einen Lehrer gefunden, mit dem ich mich sehr gut verstehe. Das ist sehr wichtig in der Musik, da muss schon so eine Art persönliche Beziehung zwischen Lehrer und Schüler bestehen. Damals habe ich mich eigentlich schon auf mein Musikstudium vorbereitet; auch wenn ich mir das während der Schulzeit noch nicht so ganz eingestanden habe, dass ich wirklich Musik studieren will. Dieses Studium kann einem schon ein wenig Angst machen. Es ist so einnehmend, schon allein zeitlich: Klassische Musik machen ist mein Lebensinhalt. Dadurch, dass ich auch noch gleich neben der Musikhochschule wohne, bekomme ich von Köln wirklich nicht viel mehr mit als den Weg zum Proberaum. Deshalb ist Köln für mich vor allem Konkurrenz - in Wesel gab es die eben nicht, an der Musikhochschule ist das schon anders."
Protokoll: Friederike Knüpling Lotte Rudhart, 22, Tänzerin "Ich bin ein bisschen nervös gerade, wir Tänzer sprechen nämlich eigentlich sehr wenig, und wenn, dann meistens Englisch, und zwar dieses Englisch, das jeder kann. Die meisten Tanzkompanien sind schließlich sehr international, so auch wir, das "Folkwang Tanz Studio". Wir sind zehn Tänzer und repräsentieren die Folkwang-Kunsthochschule, die auch eine Tanzabteilung hat, im Ausland.
Tanztheater hat hier eine große Tradition, und auch die Einrichtung der Schulkompanie gibt es schon sehr lange, das ist schon mit dem berühmten Choreografen Kurt Joos entstanden, der in den Dreißigerjahren Mitgründer der Hochschule war. Jetzt ist Henrietta Horn die Schulchoreografin, die täglich mit uns an der Schule probt, und die ehemalige Folkwang-Schülerin Pina Bausch hat die künstlerische Leitung. Genau, Pina Bausch, die Ikone. Deutsches Tanztheater von Pina Bausch aus Wuppertal, das ist ein weltbekannter Tanzstil.
Haltung und Ausdruck Im Alltag haben wir vom FTS zwar recht wenig mit Pina Bausch zu tun, weil sie ja in Wuppertal das Tanztheater leitet und oft auf Tournee in der ganzen Welt ist. Was aber ganz toll ist: Fast jährlich führt sie in Wuppertal das Stück "le sacre du printemps" auf und braucht dafür eine erweiterte Kompanie. Da werden wir dann dazu geholt. Vergangenes Jahr war ich dabei, und die Zusammenarbeit mit ihr war schon sehr beeindruckend. Sie hat nämlich eine ganz eigene Tanztheater-Sprache.
Es ist eine sehr natürliche, ungekünstelte Art zu tanzen. Es gibt ganz viele Szenen, in denen jemand nur da ist und durch seine Haltung oder seinen Gang etwas ausdrückt. In Pina Bauschs Choreografien liegt der Schwerpunkt darin, Menschen zu zeigen, und nicht die Kunstform der Bewegung. Außerdem wird auf der Bühne auch gesprochen, und sie bezieht viele Alltagsgegenstände, Stühle zum Beispiel, in den Tanz mit ein.
Künstler aus aller Welt Manche Zuschauer können noch heute nichts mit ihrem Stil anfangen. Ich war mal mit einem Bekannten in einem Stück von Pina Bausch, "Café Müller". Mich hat das Stück total berührt, weil da so viel menschliche Seele drin lag, fand ich. Die Tänzer gingen sehr aus sich raus, und ich hatte immer das Gefühl, das ist eigentlich das Innenleben, das man dort sieht. Aber mein Bekannter, der hat da eher ein Irrenhaus gesehen, der hat das realistisch betrachtet und dachte, ein normaler Mensch bewegt sich doch nicht so, der wirft doch nicht die Stühle um, was ist denn mit denen los?
Für viele andere Zuschauer aber ist Pina Bausch eine Institution. Genauso wie die Folkwangschule, es bewerben sich sehr viele begabte junge Künstler aus aller Welt hier. Deutschland ist eben ein Land, wo Kultur noch relativ stark gefördert wird, es gibt noch subventionierte Staatstheater und Stadttheater, das ist in anderen Ländern nicht mehr so, und all die fantastischen jungen Musiker und Tänzer können dort einfach nicht arbeiten. Und so kommt es eben, dass hier große Konkurrenz unter vielen Talenten herrscht - und, dass wir so viel Englisch sprechen."
Protokoll: Friederike Knüpling
www.folkwang-hochschule.de
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