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Dom, Döner, Dragqueens
Keine Stadt kann sich so an sich berauschen wie Köln
Viola Keeve | 4.4.2005
Nicht mal Manhattan ist sicher. Der Kölner Karneval ist überall: An einem sonnigen Samstagnachmittag im Oktober zieht das geballte Deutsche, die Steuben-Parade, die Madison Avenue hinauf. New York staunt über gealterte Schwarzmädel mit klobigen schwarzen Brillen, Kinder im Rotkäppchen-Look, rotgedunsene Männer in Loden und Lederhosen, rollende VW-Käfer und hechelnde Hunde, Dackel, die ein kleines bayrisches Landhaus aus Holz ziehen. "Do you think we´re doing all right?", fragt eine ältere Deutsch-Amerikanerin, die mit hochrotem Gesicht gelbe, rote und schwarze Ballons aufpustet. Soll man gestehen, wie sehr man sich schämt?
Doch dann rollen im Trachtentrubel zwischen Bronxer Bayern und DJ Heimatmike plötzlich zwei Wagen vorbei: Kölsche Funke rut-wieß von 1823, der Dom aus Pappmaché - das New Yorker Dreigestirn. "Denn wenn et Trömmelche jeht, dann stonn mer all parat", dröhnt aus den Boxen. "Un mer trecke durch die Stadt, un jeder hätt jesaat, Kölle Alaaf, Alaaf - Kölle Alaaf." Die Passanten sind verblüfft: keine Blechbläser, keine Dirndl, keine Pretzel, stattdessen albern-schmissiger Singsang, ein Bauer, ein Prinz, eine Pappkirche und ein dicker, Bonbon werfender Mann als Prinzessin - was soll das sein, eine Dragqueen? Rührend irgendwie, das bizarre Bild. Da muss man, Scham beiseite, doch rufen, woher man kommt: "Alaaf!"
Das Dreigestirn am Central Park
Vom Wagen beugt sich ein erstaunter, weißhaariger Prinz herunter, um die siebzig, wirft Bützje, Kamelle und ruft: "Ses jot us!", faselt oben vom Wagen, man könne froh sein, dass man keinen Bikini trage. Regel Nummer eins: Der Kölner flirtet immer und überall, auch jenseits seiner Altersgrenze, er kann nicht anders. Regel Nummer zwei: Jeder darf mittrinken und feiern.
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Im fluter-Heft erklärt Johannes Nitschmann, wie sich die Kölner durch das Leben klüngeln. Das NRW-Heft kannst du kostenlos abonnieren und als PDF-Dokument herunterladen. |
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Unerträglich sind für die Menschen der Domstadt nur drei Dinge: Arroganz, Missmut und Geiz. Dafür hat der Kölner eigene Schimpfwörter ersonnen: "Aapejeseech" (Affengesicht) ist ein eingebildeter Mensch, "Jömerpott" ein Miesepeter und "Knieskopp" einer, der im "Zoch" keine Kamelle oder Strüsjer (Sträuße) wirft. Denn Karneval wird geklotzt, nicht gekleckert: 130 Kapellen, 100 Wagen, 10000 Rosenmontagszügler, 800 Wagenengel und 140 Tonnen Wurfmaterial waren es 2005. 2,3 Millionen Euro kostete die Gigantomanie.
Choreografierter Frohsinn
Der Karneval ist - wie der Christopher Street Day hier in New York - perfekte Selbstinszenierung, choreografierter Frohsinn und unschätzbares Kapital. Heinrich Böll, einer der größten Kritiker der Stadt, der Köln stets "eine Mischung aus Arroganz und Anbiederung" vorwarf, schrieb im Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum": "Der hohe Karnevalsfunktionär zeigte sich erleichtert, dass die Taten erst am Mittwoch bekannt gegeben wurden. So was am Anfang der frohen Tage, und Stimmung und Geschäft sind hin. Das sind echte Sakrilege. Ausgelassenheit und Frohsinn brauchen Vertrauen, das ist ihre Basis."
Jedes Jahr zu Wieverfastlovend (Weiberfastnacht) ersäuft denn auch die viertgrößte Stadt Deutschlands an sich selbst, wird zu einem einzigen, diktierten Rausch. Wer dann nicht flüchtet, muss feiern, sich im Sog des Augenblicks verlieren, im Chaos der Sinne, das für den Kölner das bessere, wahre Leben ist.
In dieser Zeit lernen Wahl-Kölner die verbrüderungssüchtige Stadt schnell hassen oder lieben. Norddeutsche, Bayern, Schwaben und Hessen schmettern plötzlich melancholische Hymnen wie "Hey, Kölle, do ming Stadt am Rhing, he wo ich jroß jewode ben. Do bes en Stadt met Hätz und Siel. Hey Kölle, do bes e Jeföhl!". Fremde entdecken ihren Sinn für Wehmut, Lokalpatriotismus, Zugehörigkeit zum Veedel, dem Viertel, dass sie kaum kennen.
Fremde zu Fründen
Deutschlands Schunkelmetropole nimmt begeistert jeden auf, der sich anpasst, der die Stadt schön findet, die nur nachts ihre Hässlichkeit verbirgt, ihr in Eile hochgezimmertes Gesicht der Nachkriegsjahre verliert. Hier wurden in atemberaubendem Tempo ganze Stadtteile wieder hergestellt - pragmatisch, ohne Rücksicht auf Baugeschichte oder Ästhetik. Köln ist nicht vorzeigbar schön, aber nachtschön.
Und: Alles liegt vor der Haustür, am liebsten bleibt jeder ohnehin in seinem Veedel. Im Kwartier Lateng treffen sich Studenten im "Umbruch" und im "Filmdose", Szenegänger im "Feynsinn", im "Shepheard" oder im "Rosebud". (Am liebevoll zubetonierten Barbarossaplatz steht für Liebhaber türkischer Küche das "Dönercastle", im Rotlichtviertel am Dom das blinkende "Café Charmante" und das Travestielokal "Timp".)
In der Südstadt wohnen Lehrer, Ärzte und Anwälte, im Belgischen Viertel Künstler, Medienmenschen und Galeristen. Im steirischen In-Restaurant "Zeiritz" wird wie in den Brauhäusern der Altstadt zusammengerückt, spartanisch gesessen und gegessen, was in der Pfanne ist. Hier findet jeder einen neuen Freund - zur Not auch nur für eine Kneipennacht.
Viola Keeve schreibt für Zeitungen und Magazine. Sie ist seit Jahren begeisterte Wahlkölnerin.
Foto: Viola Keeve
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