
In der Altstadt von Sarajevo im Club Sloga stürmt die Band unplugged plug die Charts des Westens. Sänger Salih, Gitarrist Adim, Keyboarder Süley und Zag am Schlagzeug können sich auf ihre Fans verlassen. Egal ob U2 oder Oasis, das Menschenmeer vor der Bühne singt jedes Lied laut mit, Zeile für Zeile, versunken und hingebungsvoll. Die Luft steht, das Bier an der Bar ist teuer, es kostet unglaubliche vier bosnische Mark (zwei Euro), aber wenn Sänger Salih Robbie Williams Feel anstimmt, dann gehören die Menschen im Sloga dazu, fühlen sie sich frei, liegt Sarajevo in Europa und nicht im Protektorat Bosnien-Herzegovina. Come and hold my hand, I wanna contact the living. Der Club kocht, alles wird gut.
Draußen vor der Tür des Sloga liegt ein Land, das ohne eine solche Gewissheit existiert. Zehn Jahre nach dem Ende des Krieges gibt es in Bosnien-Herzegovina zwar eine gemeinsame Regierung aus Muslimen, Kroaten und Serben, die aus freien und geheimen Wahlen hervorgegangen ist, über eine Million Flüchtlinge sind zurückgekehrt, und an der ehemaligen "Sniper-Alley" in Sarajevo, an der serbische oder muslimische Scharfschützen Menschen wie Hasen jagten, glitzern jetzt die Fassaden der Autohäuser von VW, BMW und Volvo.
Gleichzeitig aber können sich die Politiker der muslimisch-kroatischen Föderation und der serbischen Teilrepublik Srpska nicht auf einheitliche Pässe, Autokennzeichen oder den Text der Nationalhymne einigen. Das Land wird von unbarmherzigen Grenzen durchzogen, an den alten Frontlinien liegen immer noch tausende Minen, die wenn überhaupt, dann nur langsam geräumt werden. Die Hilfsorganisation HELP hat ausgerechnet, dass es so noch 740 Jahre dauern wird, bis Bosnien-Hercegovina minenfrei ist.
Es gibt zu wenig Vertrauen und zu viele Waffen
Der Krieg werde heute mit politischen Mitteln fortgesetzt, sagt General David Leakey, englischer Oberbefehlshaber der europäischen Friedenstruppe (EUFOR): "Die Politiker auf allen Seiten sind Nationalisten." Leakey, 52, bittet zu einem Gespräch ins Hotel Hollywood am Flughafen von Sarajevo, um zu erklären, warum die 7000 europäischen Soldaten weiter in Bosnien-Herzegovina stationiert sein müssen. "Es gibt zu wenig Vertrauen und zu viele Waffen. Ohne uns würde der Konflikt wieder aufflammen." Die Politik sei nicht reif für die Versöhnung, betont Leakey, an vielen Schulen würden muslimische, kroatische und serbische Kinder weiter getrennt unterrichtet. "Die Vergangenheit drängt die Gegenwart in die Ecke."
Das will Adis Jugo, 30, nicht zulassen. Der Informatiker hat vor fünf Jahren den Aufbruch gewagt und die Firma daenet gegründet, mit fünf Mitarbeitern entwickelt er Softwareprogramme für das bosnische Fernsehen oder die Stadtwerke in Mostar. Die Firma sitzt in zwei mit Rechnern vollgestopften Zimmern im achten Stock des Holiday Inn. Während des Krieges wohnten dort Journalisten, die vom Dach des Hotels die Kamera einfach nur auf das umkämpfte Sarajevo halten mussten. Weil das Hotel heute viel zu wenig Gäste hat, vermietet es drei Etagen an junge Unternehmer. Neben Adis' Büro organisiert Kemal, 29, den Vertrieb von Kyocera-Druckern in Bosnien, und Samir, 32, hat eine Rafting-Agentur gegründet. Er bietet Touren auf Flüssen im ganzen Land an, auch in der Republik Srpska.
Träume und Ängste
Die Wirtschaft könnte der Schrittmacher für ein gemeinsames Bosnien sein, glaubt Adis. "Die jungen Muslime oder Serben haben die Nase voll vom Hass. Leider ist unsere Politik eine Katastrophe." Wenn er heute aus den Fenstern des Holiday Inn blickt, schaut er zwar immer noch auf das Betonskelett des ehemaligen Parlaments, aber auch auf die Werbe-Agentur Dallas und das Reisebüro Travel-Service. Englisch ist die Sprache der Hoffnung: Cause I got too much life, Running through my veins, Going to waste.
Die Träume der Menschen seien groß, aber ihre Geduld am Ende, meint Lord Paddy Ashdown, der oberste Repräsentant der Internationalen Verwaltung für Bosnien-Herzegovina. "Der Friedensvertrag von Dayton hat den Krieg beendet, aber er hat seine Schwächen: Alles in Bosnien gibt es in dreifacher Ausführung." Ashdown, 64, lädt zum Interview in seinen Amtssitz in Sarajevo und erklärt, dass 70 Prozent des staatlichen Budgets in Regierung und Verwaltung gehen, und nur 30 Prozent in die Sozialsysteme. "Muslime, Serben und Kroaten müssen sich um eine Reform der Verfassung von Dayton bemühen. Ein Kompromiss ist kein Schimpfwort."
Zukunft im Westen?
Doch eine Reform wird schwierig, das weiß auch Ashdown. Das knapp vier Millionen Einwohner große Bosnien-Herzegovina besitzt 18 Regierungen und über 1000 Minister. Hass und Misstrauen ist immer noch groß, keine Volksgruppe will freiwillig Macht abgeben. Keine Reformen aber bedeuten keine Sicherheit bedeuten keine Investitionen aus dem Ausland. In manchen Gegenden Bosniens liegt die Arbeitslosigkeit bei 45 Prozent, fast 66 Prozent der Jugendlichen unter 22 Jahren wollen ins Ausland.
Come and hold my hand, I want to contact the living, Not sure I understand, This role I've been given. Auch die Band unplugged plug im Club Sloga wird nicht mehr oft zusammen spielen. Schlagzeuger Zag geht zum Studium nach Kroatien, Gitarrist Adim hat von einem Freund einen Job in Europa angeboten bekommen. Wo? Ist doch egal, Hauptsache im Westen.
Tobias Asmuth ist fluter-Redakteur.
Foto: Tobias Asmuth
www.auswaertiges-amt.de
Informationen des Auswärtigen Amtes zu Bosnien-Herzegovina
www.wikipedia.org/Bosnien-Herzegowina
Weitere Informationen und Karten zu Bosnien-Herzegovina
www.wikipedia.org/Bosnienkrieg
Der Verlauf des Balkankonflikts in den 90er Jahren
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