t

Kampf gegen ein Dorf

Interview mit Jan Brandt über sein Debüt "Gegen die Welt"

26.10.2011 | Ingo Petz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Jan Brandt

Jan Brandt

Jan Brandts fast 1.000-seitiges Romandebüt "Gegen die Welt" schaffte es bereits kurz nach Erscheinen im Sommer 2011 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, der immer zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Das ist ein großer Erfolg. Auch wenn der Buchpreis letztlich an Eugen Ruge ging, für sein nicht ganz so umfangreiches Debüt "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Brandt, der bisher in Berlin als freier Journalist und Autor arbeitete, wurde 1974 im ostfriesischen Leer geboren. Ingo Petz sprach mit ihm über seinen Großroman.

Ingo Petz: Worum geht es in Ihrem Roman "Gegen die Welt"?

Jan Brandt: Der Roman handelt von Daniel Kuper, einem außergewöhnlich fantasiebegabten Jungen, der von seiner ostfriesischen Umwelt, den Eltern, Lehrern und Mitschülern auf ein Normalmaß zurechtgestutzt wird. Es geht um den Wahnsinn des Erwachsenwerdens, die Wende in Westdeutschland, Popkultur in der Provinz, den Untergang eines Dorfes – vor allem aber um Freundschaft und Verrat.

Soziale Kontrolle im Dorf

Das Buch spielt in dem fiktiven ostfriesischen Dorf Jericho, mit dem Sie nicht nur auf das biblische Jericho anspielen, sondern auch auf Jerichow in Mecklenburg, zentraler, ebenfalls fiktiver Schauplatz des Romans "Mutmaßungen über Jakob" von Uwe Johnson (1959). Dieses Dorf ist keine Idylle. Die Dorfbewohner fühlen sich alle im "falschen Leben"; sie sind unglücklich. Das Scheitern und das Sterben ist für fast alle Figuren in dem Roman ein wichtiges Thema. Warum funktioniert das Scheitern in Ostfriesland besonders gut?

Mit Ostfriesland im Speziellen hat das nichts zu tun. Schon eher mit der Provinz im Allgemeinen. Viele gehen dort an ihren Ansprüchen zugrunde. Sie können das, was sie wollen, nicht erreichen, weil die soziale Kontrolle zu groß ist. Oder die Möglichkeiten, die Ideen umzusetzen, sind zu gering. Der eine beendet sein Leben, der andere wird wahnsinnig. Aber es gibt auch Figuren im Roman, die ausbrechen, die den Absprung schaffen und ihr Leben ändern. Sei es, indem sie aus Jericho wegziehen, sei es, indem sie Trost finden, Trost im Glauben, Trost im Schreiben.

Sie schreiben: "Das Dorf war überall. Er müsste schon sehr weit laufen, sehr weit fahren, um zu entkommen [...]" Wäre die Stadt eine Rettung für Ihre Helden gewesen?

Nicht unbedingt. Einige können sich dadurch befreien, andere schleppen ihre Herkunft ein Leben lang mit sich herum.

Sie selbst sind in Ostfriesland auf dem Land aufgewachsen und leben heute in Berlin-Kreuzberg. War die Stadt denn für Sie ein Ort der Verheißung?

Verheißung auf jeden Fall! Auch wenn meine Vorstellungen vom Großstadtleben damals sehr viel glamouröser waren, als das Leben hier tatsächlich ist. Aber es war notwendig, wegzuziehen, um Distanz zu mir selbst zu gewinnen.

Jan Brandt

Jan Brandt

Angst vor Schlecker

Der Vater des Protagonisten Daniel betreibt eine Drogerie. Er hat Angst, dass sie von der Schlecker-Kette übernommen wird. Ging es Ihnen darum, die Anfänge der Globalisierung zu beleuchten? Daniel glaubt ja, von Außerirdischen entführt worden zu sein. Das Bild der Außerirdischen scheint für eine unklare Macht zu stehen, die sich die Bewohner von Jericho nicht erklären können; sowas wie die Globalisierung.

Die Drogerie war bis in die 1990er-Jahre hinein eine Art protestantischer Beichtstuhl. Nirgendwo sonst kam das Wesen eines Dorfes – die soziale Kontrolle – besser zum Ausdruck als dort. Die Leute kauften beim Drogisten die intimsten Dinge und gaben so nebenbei viel von ihrem Privatleben preis. Der Drogist wusste nicht nur, was die Bewohner im Urlaub gemacht hatten – schließlich entwickelte er ihre Fotos –, sondern auch, wer Sex hatte – wenn sie bei ihm Kondome kauften – und wer schwanger war – Folsäure, Kräuterblut, etc.

Deshalb handelt "Gegen die Welt" auch von der Drogisten-Familie Kuper, von ihrem Aufstieg und Fall und ihrem verzweifelten Kampf gegen die Invasion von Schlecker. Was in Ostdeutschland in wenigen Monaten geschah, vollzog sich im Westen über einen sehr viel längeren Zeitraum: der Wandel von einer Bedarfsgemeinschaft zur Konsumgesellschaft; die vollständige Durchdringung durch den Kapitalismus.

Der Hyperrealismus Ihres Buches erschlägt die Leser und Leserinnen geradezu. Filme, Musik, Süßigkeiten, Klamotten, TV-Sendungen – Sie benennen selbst die Baujahre aller Autos, die durch Jericho fahren. Ist das wirklich notwendig?

Absolut. Zum einen erklärt sich das vom Ende her, vom letzten Kapitel; zum anderen war es deshalb nötig, den Roman so realistisch wie möglich zu gestalten, damit das Fantastische umso gewaltiger in diesen Kosmos eindringen kann. Das ist das, was ich unter Manischem Realismus verstehe: den Einbruch des Wahnsinns in die Wirklichkeit, die Totalität der Darstellung, die Bedeutung des Materiellen für die Charakterisierung der Hauptfiguren.

Niedergang der Höfe

Der Bucheinband ist mit typischen Begriffen aus den Achtzigerjahren bedruckt. War die Detailbesessenheit, mit der Sie die Welt dieser Zeit auferstehen lassen, von Anfang an geplant oder hat sie sich im Laufe der Zeit zu einer Manie oder Rausch entwickelt?

Der Roman spielt zum größten Teil in den Neunzigerjahren; die Achtziger dienen nur als Folie, um den Unterschied zu heute deutlich zu machen. In den Achtzigerjahren waren die Dörfer noch intakt und weitgehend so strukturiert wie hundert Jahre zuvor. Innerhalb einer Generation hat sich das aber komplett geändert. Bauern haben ihre Höfe aufgegeben, Einzelhändler ihre Geschäfte, Bahnhöfe und Molkereien wurden geschlossen – und das wirkt sich auch auf das Bewusstsein der Menschen aus. Ich bin kein Nostalgiker, ich wünsche mir die Achtziger nicht zurück; ich beschreibe nur die Veränderungen.

Sie weben Briefe und Plakate in Ihr Buch mit ein. Sogar ein TV-Quiz mit Hans-Jürgen Bäumler. Dazu die typografischen Kunstgriffe, die vielen Lebensläufe und so weiter. Hatten Sie nicht Angst, die Leser und Leserinnen zu überladen?

All diese Besonderheiten sind aus dem Text selbst heraus entstanden, außerdem sind sie weitaus sparsamer eingesetzt als beispielweise in Mark Z. Danielewskis großartigem Horrorroman "Das Haus". Im Gegenteil empfinde ich es so, dass die Briefe, Anzeigen, Plakate, Ratespiele oder geteilten Seiten den Text eher auflockern als überfrachten.

Verlag drängte nicht auf Kürzung

Der FAZ-Kritiker Volker Weidermann meint, Sie hätten den Roman um die Hälfte kürzen müssen. Ich gehe mal davon aus, dass Sie das nicht so sehen. Aber was sagte Ihr Lektor denn, als der Roman auf fast 1.000 Seiten angewachsen war? Oder wusste der Verlag von Anfang an, auf was er sich da einließ?

Kritiker müssen sehr viel lesen, das ist ihr Beruf. Und sie stöhnen über jedes Buch, das länger ist als das, was sie davor gelesen haben, weil es ihnen Zeit fürs nächste nimmt. Ich hatte mir nicht vorgenommen, so viel zu schreiben, als ich mit dem Roman begann. Aber dann habe ich gemerkt, dass in dem Stoff sehr viel mehr steckt als eine Novelle, dass ich hier die Möglichkeit habe, ein Dorf zu beschreiben, mit all den Menschen, die darin leben, und mit all den Konflikten, die sich durch dieses ständig aufeinander bezogene Zusammenleben ergeben. Als ich DuMont die ersten 500 Seiten auf den Tisch geknallt habe, wussten sie, dass es lang werden würde, sehr lang, und sie waren von der Länge begeistert. Von Kürzung war nie die Rede.

Können Sie nach diesem Großprojekt schon wieder schreiben?

Im Moment bin ich so mit Lesungen beschäftigt, dass mir keine Zeit zum Schreiben bleibt. Aber ich freue mich jedes Mal aufs Publikum, weil ich danach oft erstaunliche Reaktionen bekomme – von Leuten, die gar nicht in der Provinz oder in den Achtzigern aufgewachsen sind und sich trotzdem mit den Figuren identifizieren können. Die Leser sehen in dem Roman Dinge, die ich selbst gar nicht darin vermutet hätte.

Jan Brandt: Gegen die Welt (DuMont 2011, 927 S., 22.99 €)

 

 

 

Ingo Petz ist freier Journalist und schreibt vor allem über Weißrussland.

Fotos: "Jan Brandt"/©Monika Keiler; ©Harry Weber







Kommentare

Dein Kommentar