Wenn auf dem Geburtstagstisch eines 13-jährigen Mädchens ein Tagebuch liegt, wird es in den nächsten Monaten in der Regel mit Einträgen über gemeine Eltern, niedliche Jungs, doofe Freundinnen oder Popstars gefüllt. Viele Mädchen hören bald auch wieder auf, Tagebuch zu führen. Es wird entsorgt. Oder es wird aufbewahrt und Jahre später herausgekramt, und dann sorgt es für Lachanfälle, weil die Einträge doch sehr naiv und eben dreizehnjährig sind.
Dass ein Tagebuch am 12. Juni 1942 einer 13-jährigen Deutschen in Amsterdam geschenkt wurde, war hingegen ein großer Glücksfall. Dieses Mädchen hatte alles andere als eine normale Jugend. Drei Wochen nach ihrem 13. Geburtstag verschwand sie aus der Öffentlichkeit. Sie musste mit ihrer Familie untertauchen, "unsichtbar" werden, um einer drohenden Ermordung zu entgehen. Der einzige Grund für dieses Leben in der Illegalität: Sie war Jüdin.
Holland wurde 1940 von den Nazis besetzt, und im Sommer 1942 bekamen Juden Aufforderungen zum "Arbeitseinsatz", die Umschreibung der Nazis für Deportationen. Als die Familie Frank eine solche Aufforderung erhielt, wurde sofort ein Versteck aufgesucht. Man hatte sich vorbereitet, so gut es eben ging.
Bücherregal-Tür
Zusammenleben auf engstem Raum
Die Franks lebten nun heimlich, gemeinsam mit vier anderen Juden, in einem Hinterhaus in der Prinsengracht 263 in der Amsterdamer Innenstadt. Zwei Jahre lang berichtete Anne in ihrem Tagebuch davon. Sie schrieb, auf Holländisch, von der bedrückenden Enge des Verstecks – acht Personen teilten sich rund 50 Quadratmeter –, von der Angst, entdeckt zu werden, von Konflikten mit den Eltern und von ihren Sehnsüchten.
Im Versteck wurde aus dem "Backfisch", dem damaligen Begriff für Teenager, eine junge Frau. Anne versuchte immer wieder, etwas Gutes in ihrem eigenen Schicksal zu finden. Es ist ergreifend, beim Lesen mitzuerleben, wie ihr Leben aussah, wie die Erwachsenen dem Druck der Enge und der Angst kaum standhielten, wie man sich nie aus dem Weg gehen konnte, auf Gedeih und Verderb zusammenhalten musste, ob man sich mochte oder nicht, und wie man immer auf Hilfe von außen angewiesen war. Die Untergetauchten hatten fünf Helfer/innen, die sie mit Nahrung und Informationen versorgten.
Anne Frank hatte den Plan, ihr Tagebuch nach dem Krieg zu veröffentlichen, unter dem Titel "Het Achterhuis" (Das Hinterhaus). Im Sommer 1944 begann sie, eine Reinschrift davon anzufertigen. Anne wollte Autorin und Journalistin werden. Und dass sie das Zeug zu einer sehr guten Schriftstellerin hatte, zeigt das Tagebuch. Es kam nicht dazu. Ihr letzter Eintrag ist vom 1. August 1944, drei Tage später wurden die Untergetauchten verraten und sofort festgenommen. Anne kam mit dem letzten "Juden-Transport" aus Holland nach Auschwitz und starb letztlich im KZ Bergen-Belsen an Typhus.
Ausstellung 'Anne Frank. hier & heute', Berlin
Ein sehr persönliches Vermächtnis
Von den acht Bewohnern des Hinterhauses überlebte nur Annes Vater Otto Frank die Lager. Nach dem Krieg ging er zurück nach Amsterdam und erhielt von Miep Gies, einer der Helferinnen, das Tagebuch seiner ermordeten Tochter. Otto Frank erfüllte Annes Wunsch nach einer Veröffentlichung. 1947 erschien die erste Ausgabe des Tagebuchs. Damals wurden noch einige Passagen ausgelassen, in denen es um Sexualität ging. 1998 fand man weitere Seiten, die noch nicht veröffentlicht waren, wohl, weil sie kritische Passagen über Annes Eltern enthielten. Inzwischen ist das komplette Manuskript aber verlegt – in verschiedensten Ausgaben, darunter auch als Faksimile. Aus dem Tagebuch von Anne wurde das weltberühmte, millionenfach verkaufte "Tagebuch der Anne Frank".
Nach dem Krieg stand das Hinterhausversteck in der Prinsengracht lange leer, es verfiel zusehends und sollte schließlich abgerissen werden. Otto Frank wollte es retten; er hatte die Idee, ein Museum darin einzurichten, und gründete dafür die "Anne Frank Stiftung". Für die Sanierung gingen zahlreiche Spenden ein. Auch der Amsterdamer Bürgermeister engagierte sich für das Haus. 1960 konnte es als Museum eröffnet werden.
Anne Frank Tagebuch
3D-Rundgang durch das Versteck
Heute besuchen jährlich etwa eine Million Gäste das Anne-Frank-Haus. Damit ist das Museum an seine Kapazitätsgrenzen gekommen. Doch man kann es auch online besuchen – über die Seite des "Anne Frank Hauses" oder auch des "Anne Frank Zentrums" –, und dieser Weg ist fast besser als der tatsächliche Besuch. Auf "Das Hinterhaus Online" ist jedes Zimmer in der Prinsengracht 263 in virtueller Rundumsicht dargestellt, so dass man wirklich das Gefühl hat, im Versteck herumzugehen, von Raum zu Raum, mal möbliert, so, wie es früher wohl aussah, mal gänzlich unmöbliert.
Das historische Hinterhaus in Amsterdam ist längst leer: Im Krieg wurden die Wohnungen und Verstecke der deportierter Juden geplündert. Die Möbel und anderen Gegenstände aus dem Hinterhaus sind daher verschwunden. 1999 wurden Vorder- und Hinterhaus des Anne-Frank-Hauses vorübergehend historisch möbliert und ausgestattet, um ein Bild des Lebens im Versteck zu vermitteln.
"Das Hinterhaus Online" wurde auf dieser Basis entwickelt. Dadurch entsteht ein sehr persönlicher Eindruck der Welt, in die Anne über zwei Jahre lang eingeschlossen war. Zusätzlich werden auf der Seite alle Untergetauchten vorgestellt, auf einer Zeitleiste sind die jeweiligen Tagebucheinträge mit historischen Ereignissen verknüpft, man findet Originalfotos und auch einen kleinen Film mit Anne – noch in Freiheit –, außerdem Interviews mit den Helfern und mit Annes Vater, viele zeithistorische Filmbeiträge, alte Fernsehberichte über den einstigen Verfall und folgenden Umbau des Hauses zum Museum und vieles mehr. Man kann einfach in den Räumen herumsurfen oder immer tiefer in die Zusammenhänge eintauchen, je nachdem, was besonders interessiert.
Ton, Bild und Hintergrundinformationen kommen hier ganz großartig zusammen. Völlig zu Recht gewann die Seite, eine ideale Ergänzung zu dem Buch, den "Webby Award 2011", einen Preis für herausragende Webseiten.
Anne Frank: Tagebuch (Fischer Verlag 2011, 512 S., 9 €)
Unter "Aktionen" verlosen wir drei Exemplare des Buches (Einsendeschluss ist der 31. Oktober 2011).
Sarah Schmidt lebt als Autorin in Berlin. Ihr aktuelles Buch mit Kurzgeschichten, "Bitte nicht freundlich", ist 2010 im Verbrecher Verlag erschienen.
Fotos: "Rekonstruktion der Bücherregal-Tür zum Versteck im Hinterhaus"/ ©Anne Frank House Photographer Cris Toala Olivares 2010; "Ausstellung: Anne Frank. hier & heute"/ ©Anne Frank Zentrum, Berlin; "Tagebuch"/ ©Anne Frank House Photographer Cris Toala Olivares 2010; Buchcover Abbildung: ©Verlag
Anne-Frank-Haus in Amsterdam mit "Das Hinterhaus Online"
Anne-Frank-Zentrum in Berlin
Wikipedia über Anne Frank
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