Josephin Busch
Voller Stolz streckt ein kleines Mädchen an der Kasse des Elektronik-Fachmarkts der Verkäuferin eine CD von Udo Lindenberg entgegen. "Gefallen dir die Lieder? Warst du auch schon in dem Musical am Potsdamer Platz nebenan?", fragt die Verkäuferin ihre kleine Kundin und erhält als Antwort nur ein breites Grinsen. Um das Gespräch dennoch nicht gleich beenden zu müssen, erzählt die Verkäuferin, dass auch die Hauptdarstellerin des Musicals hin und wieder bei ihr einkaufe.
Aber wie war denn noch mal ihr Name und woher komme sie gleich noch mal, murmelt die Verkäuferin vor sich hin. Ein Mann in der Schlange weiß die Antwort: Josephin, aus Pankow. Das passe doch. Fragend schaut die Kassiererin ihn an. "Na", sagt er, "wegen dem Sonderzug!"
Udo Lindenbergs Song "Sonderzug nach Pankow" von1983 ist eines der Lieder, die im Musical "Hinterm Horizont" in Berlin dargestellt werden. "Hinterm Horizont" läuft seit Januar 2011 im Musicaltheater am Potsdamer Platz und erzählt eine Geschichte, die laut Udo Lindenberg im Wesentlichen wahr sein soll: Ein Mädchen aus Ost-Berlin verliebt sich zu Beginn der 1980er-Jahre in den West-Rockstar Lindenberg – beim "Rock für den Frieden"-Festival im Palast der Republik. Und er sich in sie. Die deutsch-deutsche Mauer trennt sie: Jessy wohnt in Berlin-Pankow, Udo – in dem Musical dargestellt von Serkan Kaya – in Hamburg. Ihre Liebe wird im Musical auf eine harte Probe gestellt, auch noch nach dem Fall der Berliner Mauer.
Die 25-jährige Hauptdarstellerin Josephin Busch ist in der deutschen Hauptstadt schon ein kleiner Star. Bereits während der ersten Wochen, in dem das Ost-West-Musical lief, wurde sie öfters von Passanten auf der Straße oder in Geschäften angesprochen. "Heute hat das aber nachgelassen – und Gott sei Dank war es nie so extrem!", sagt Josephin.
Nach der Abendvorstellung nimmt sie meist die U-Bahn nach Hause, Richtung Pankow. Manchmal kommt es dann vor, dass sie neben Leuten sitzt, die offensichtlich gerade in der Show waren und sich darüber unterhalten, wie sie es fanden. "Ich sitze dann immer ganz schüchtern da und denke mir, hoffentlich erkennt man mich jetzt nicht. Das ist mir ganz doll peinlich", sagt Josephin.
Josephin, zierlich, lange braune Haare und blaue Augen, hat sich inzwischen mit der Musikerlegende aus Hamburg angefreundet. Neulich waren sie gemeinsam unterwegs, Lindenberg hatte seinen Hut gegen eine Basecap ausgetauscht, sie fielen niemandem auf. Mittlerweile ist Lindenberg nicht nur ein Mentor für die junge Berlinerin, sondern auch ein Freund.
Szenen-Motiv 'Hinterm Horizont'
Udo-Philosophie: Was gut für mich ist, ist auch gut für andere
Josephin schätzt seine Unbefangenheit: "Udo holt die Leute, die er kennen lernt, auf seine Ebene. Er blickt auf sie immer mit gutem Herzen. Der Mensch, der zu ihm kommt, steht an erster Stelle. Das finde ich toll." Sie hat von ihm, sagt sie, viel über das Leben gelernt: "Man muss sich den Erfolg und dieses Glück im Leben selbst gönnen. Man muss sich sagen können: Ich hab' das verdient. Mir macht es Spaß und ich mach' das mit all meiner Liebe – deswegen wird alles, was ich anfange, auch klappen. Das, was für mich gut ist, das ist auch gut für andere. Udo hatte so eine Glücksträhne in seinem Leben. Das ist nicht Zufall, sondern das kommt davon, dass er die guten Sachen in sein Leben zieht. Das möchte ich für mich auch."
Josephins Glücksträhne begann im Sommer 2010, ziemlich genau am 7. Juli, als Millionen von Menschen in aller Welt das WM-Spiel Deutschland gegen Spanien vor den Fernsehern und Großbildschirmen verfolgten. Halbfinale, das Schicksalsspiel der deutschen Nationalelf. Konnte sie den Einzug in das Finale schaffen? Es war ein beeindruckendes Spiel. Der Schlusspfiff ertönte. Eine Nation verstummte. Hielt inne. Nur eine hüpfte in der Straße glücklich vor sich hin. "Deutschland hatte gerade gegen Spanien verloren. Das war mir dann einfach egal, ich habe mich einfach gefreut. Bin gehopst und rumgegurkt. Hab mich gefreut, jedoch etwas beherrscht. Ich war ja draußen."
Wenige Minuten nach dem Schlusspfiff hatte Josephin die Zusage aus Hamburg erhalten. Eine Stimme am Telefon sagte: "Wir hätten dich gerne dabei." Verwundert fragt sie: "Es ist schon fertig, nach nur zwei Runden? Hä?" Sie konnte es nicht fassen. Gerade in diesem Moment erhielt sie die Bestätigung für die Hauptrolle der Jessy, des Mädchens aus Ost-Berlin in Udo Lindenbergs Musical. Sie hatte die Verantwortlichen komplett von sich überzeugt.
Szenen-Motiv 'Hinterm Horizont'
Von der Kunst-Uni an die Schauspielschule
Der Weg aber zur Musical-Darstellerin war zu Beginn holprig. Nach dem Abitur studierte Josephin Musical an der Berliner Universität der Künste, flog aber bereits nach einem Jahr von der Schule, wegen "mangelnder Anpassungsfähigkeit und Unformbarkeit", wie es in der Begründung der Universität hieß. Josephin hatte bereits früh ihren eigenen Stil. Wenn sie nicht von der Uni geflogen wäre, wer weiß, wie ihr Leben dann verlaufen wäre? "Ich habe dort viel gelernt, aber es war nie so richtig meine Welt. Ich wollte richtig spielen."
Josephin wechselte zu der Schauspielschule Der Kreis. "Das war dann auch das Beste, was mir hätte passieren können", sagt sie. Als an der Schule ein Casting stattfand, nahm sie daran teil, kam weiter, war auf einmal in der Endrunde. Dann kam das WM-Halbfinale. Und der Anruf. Was folgte, war ein halbes Jahr intensives Proben für ihre Rolle in dem Musical.
Seit dem 13. Januar 2011 steht die Nachwuchsdarstellerin jetzt auf der Bühne des Stage Theaters am Potsdamer Platz – bis zu zweimal täglich, in acht Vorstellungen in der Woche. Es ist ein neues Leben, mit ihrem vorherigen ist es nicht zu vergleichen. "Es gibt nur noch einen Tag in der Woche, an dem ich frei habe, und das ist an sich eine Sache, die ich als sehr schön empfinde. Aber man merkt Stück für Stück, dass man aufpassen muss, dass für alles andere auch noch Zeit übrig bleibt, dass man sich auch für andere Sachen interessiert. Dass man sich um sich selbst kümmert. Dass ich mit meiner freien Zeit besser haushalte und diese auch wieder nutze", erklärt Josephin. Sie wirkt jetzt nachdenklich.
Doch gleich legt sie wieder den Schalter um. Berichtet von den vielen spannenden Leuten, die sie kennen lernen durfte. Dem tollen Musicalteam und von Udo Lindenberg. "Wahnsinn, dass ich jetzt all diese Menschen kenne. Manchmal denke ich, das alles kann gar nicht wahr sein." Die 25-Jährige genießt jede einzelne Vorstellung. Es wird ihr nie langweilig, jeden Abend dieselben Lieder zu singen, sagt sie. Sie lebt und liebt ihre Rolle.
Szenen-Motiv 'Hinterm Horizont'
Arbeit an der Rollen-Biographie
Bei der Vorbereitung auf ihre Rolle entwickelte Josephin eine Lebensgeschichte der Jessy, eine Rollen-Biographie mit zahlreichen Details. Ausführliche Gespräche mit Freunden und den Mitgliedern ihrer Familie halfen ihr dabei, die damalige Situation in der DDR besser nachzuvollziehen. Schließlich war Josephin erst drei Jahre alt, als die Mauer fiel.
Hierbei half ihr auch das Studieren von Literatur über die DDR, darunter Staatskunde-Bücher aus dem DDR-Schulalltag. Diese Recherchen kann sie weiter nutzen; denn neben dem Musical spielt sie gerade noch in der Romanverfilmung von Uwe Tellkamps "Der Turm" eine DDR-Bürgerin – mehr darf sie noch nicht verraten. Ein weiterer Schritt zum Erfolg für die bodenständige, disziplinierte und bescheidene Jungschauspielerin.
Die ausführliche Vorbereitung war für sie sehr wichtig, sagt sie, um ihre Rolle mit Leidenschaft darstellen zu können. Bei der Rolle der Jessy in "Hinterm Horizont" helfe ihr aber auch ihre Berliner Mentalität: "Ich habe das Gefühl, ich verstehe, was man mit der Rolle zeigen will. Nämlich ein normales Leben im Osten. Es waren ganz normale Menschen mit Träumen und Wünschen. Die kenne ich von meiner Familie."
Sie selbst aber sei ein sehr freiheitsliebender Mensch und deshalb froh, die DDR nicht bewusst miterlebt zu haben. Allerdings: Retropartys, auf denen man sich so anziehen könne wie damals, mag sie. Silvester 2007 war sie auf so einer. Ein Wink des Schicksals oder Zufall? "Wir sagten, wir feiern Silvester 1987. Wir wollten uns nämlich 80er-mäßig anziehen. Für Mitternacht wünschte ich mir beim DJ 'Final Countdown' von Europe. Ich sagte zu ihm, das Jahr werde meine Zukunft verändern. Da hatte ich nämlich gerade angefangen, Musical zu studieren. Wenige Sekunden vor zwölf Uhr spielte er jedoch 'Hinterm Horizont geht's weiter' von Udo Lindenberg. Ich hatte mich damals total totgelacht, weil ich fand, dass es kein Lied ist, das sich zum Tanzen und Zuprosten auf ein Frohes Neues Jahr eignet. Warum ausgerechnet 'Hinterm Horizont'? Als ich die Zusage der Rolle in dem Musical bekam, musste ich daran zurückdenken. Irgendwie hatte sich da so ein Kreis geschlossen."
Drei Jahre später, Silvester 2010, steht sie am Potsdamer Platz. Feiert ins neue Jahr. Direkt neben Udo Lindenberg. In wenigen Tagen ist die Premiere des Musicals. Mit ihr in der Hauptrolle.
Hinterm Horizont macht Unterricht
Zum Musical gibt es auch eine Unterrichtsbroschüre, die vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg für Lehrer/innen erarbeitet wurde. Ziel der Unterrichtsmaterialien ist es, Schüler/innen die jüngste deutsche Geschichte unterhaltsam begreifbarer zu machen. Udo Lindenberg sagte bei der Präsentation in Berlin: "Wir starten eine große Bildungsoffensive. Wir wollen den jungen Leuten von damals erzählen. Von Honni, der Mauer und all den Dramen da drüben. Viele denken ja immer noch, die DDR war ein Insektizid und Honecker eine Knackwurstfirma. Das müssen wir ändern und die ganze Story von der Stasi bis zu unserer 'Bunten Republik Deutschland'“ erzählen!"
Florian Beisswanger, 23, studiert an der Uni Jena.
Foto: Josephin Busch/©Florian Beisswanger
Szenen-Fotos: "Hinterm Horizont"/ ©Stage Entertainement
"Hinterm Horizont geht's weiter", das Video zum Musical
Wikipedia-Eintrag zu Josephin Busch
Unterrichtsbroschüre zu "Hinterm Horizont" (vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg)
Infos zum DDR-Musikfestival "Rock für den Frieden" auf Wikipedia
Kommentare
Dein Kommentar