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"Deutsche arbeiten effektiver"

Holländer in Berlin

8.10.2011 | Nina Aleric | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Holländer und Deutsche verbindet traditionell eine innige Hassliebe. Es kursieren hunderte von Klischees über das jeweils andere Land: Holländer könnten nicht Auto fahren, seien chaotisch und unhöflich; Deutsche trügen immer Lederhosen, würden dauernd Würstchen essen und tränken wahnsinnig viel Bier. Und doch kann es so schlimm nicht sein, denn in Holland leben inzwischen viele Deutsche: 2010 waren es rund 120.000. Und 20.000 Studierende mit deutschem Pass lernen an niederländischen Universitäten.

In Deutschland leben aber auch zahlreiche Holländer: Mit zurzeit genau 136.274 in Deutschland lebenden Menschen bilden Niederländer die zehntgrößte Einwanderer-Gruppe in Deutschland. 2,7 Prozent dieser Holländer wohnen in Berlin. Dort habe ich mich mit drei von ihnen getroffen und gehorcht, wie sich das Leben eines Holländers oder einer Holländerin in der deutschen Hauptstadt so gestaltet. Und welche Klischees über die Deutschen sie bestätigen können.

"Was willst du denn mit einem Deutschen?"

Margo und Anne

Margo und Anne

Margo und Anne, beide 25, leben seit einem guten Jahr in Berlin und arbeiten bei dem Onlineshop Zalando. Sie haben sich dort kennengelernt und inzwischen sind sie Freundinnen. Anne setzte sich bereits in Holland mit der deutschen Kultur auseinander: "Mein Freund kam aus München. Da hieß es natürlich von allen Seiten: Was, ein Deutscher? Was willst du denn mit einem Deutschen?!" Als sie das erzählt, verzieht sie eine Grimasse, um zu demonstrieren, wie genervt sie von solchen Bemerkungen war. "Witzig war aber, dass einige der Klischees über die Bayern bestätigt wurden. Bei meinem ersten Besuch in München habe ich unglaublich viel Fleisch essen müssen. Und dann hieß es nach mehreren Tagen des Fleischessens von meinem Freund: So, heute Abend essen wir was Besonderes! Barbecue! Und ich war mir sicher, ich müsse platzen. Bier gab es natürlich auch immer dazu." Die Klischees, fand Anne heraus, kommen nicht von ungefähr.

Als Anne sich nach dem Studium dazu entschloss, nach Berlin zu gehen, waren ihre Freunde und Verwandte in Holland erneut entgeistert. Was sie bloß in Berlin wolle? Anne verstand die Bedenken nicht. "Die Stadt ist fantastisch. Sie ist dynamisch, immer in Bewegung. Alle, die mich besucht haben, fanden es toll." Ihre Oma war ganz erstaunt über die Freundlichkeit der Deutschen. Und ihrem Vater gefiel es besonders in Kreuzberg: Die Graffitis und die alternative Szene fand er "irgendwie anarchistisch". Annes Freundin Margo sieht es ähnlich: "Berlin ist einfach toll. Es ändert sich von Tag zu Tag, nichts ist statisch."

"Der Humor ist anders"

"Merkt ihr denn Unterschiede in der Mentalität?", möchte ich wissen. Da fällt ihnen einiges ein. Margo erinnert sich besonders an ein Erlebnis: "Der Humor ist hier ganz anders, kaum jemand versteht meine Witze. In einer Runde mit Arbeitskollegen habe ich einen Kollegen gefragt, ob er Haustiere habe und ihm dann gesagt, er hätte Schafe daheim. Das war natürlich ein Scherz! Aber er hatte es gar nicht verstanden. Zu einem anderen Kollegen meinte ich: Guck mal, er hat Schafe als Haustiere! Und habe die Geschichte ein bisschen weitergesponnen. Und dann kam das Komischste: Es entwickelte sich eine Diskussion über Schafe! Das fand ich total witzig. In Holland sagst du so etwas ganz trocken. Und der andere weiß vielleicht gar nicht, ob es ein Scherz ist oder ob du es ernst meinst, aber er zieht einfach mit. Dann entwickeln sich absurde Geschichten. Hier ist das ein bisschen anders."

Auch bei der Arbeit bemerken die beiden Unterschiede. Zum Beispiel bei Arbeitsbesprechungen. "Bei den deutschen Kollegen wird erst mal alles in Betracht gezogen und analysiert", findet Margo. "Sie gehen sehr strukturiert vor. Man kann sich sicher sein, dass es am Ende auch klappt. Deutsche arbeiten effektiver, denke ich." Anne ergänzt: "Und bei der gleichen Aufgabenstellung sagt ein Holländer: Alles klar, auf geht’s! Mit den Problemen setzt man sich erst auseinander, wenn sie auftauchen. Natürlich ist der Weg dann total chaotisch."

Also ergänzen sich Deutsche und Holländer doch sehr gut? "Naja", sagt Margo, "man muss erst einen gemeinsamen Nenner finden. Und man muss sich zunächst das Vertrauen hart erarbeiten. Ist ein Holländer dein Arbeitgeber, dann hat er von Anfang an Vertrauen in dich. Das kann natürlich auch nach hinten losgehen. Und hier ist es genau umgekehrt: Du musst dich erst beweisen, bevor man dir Vertrauen entgegen bringt". Bei den beiden hat es gut geklappt, die Arbeit in Deutschland macht ihnen Spaß. In Berlin wollen sie erstmal bleiben: "Auf jeden Fall!"

Mit Landsleuten in die Bar

Alexander bei ''Berlin Dutch Drinks''

Alexander bei ''Berlin Dutch Drinks''

Alexander, 35 Jahre alt, lebt seit vier Jahren in Berlin. Er hat die Gruppe "Berlin Dutch Drinks" ins Leben gerufen, bei dem sich Holländer und Holländerinnen etwa alle zwei Monate in verschiedenen Bars treffen.

Bevor er nach Berlin kam, lebte er zweieinhalb Jahre in Dublin und nahm auch dort regelmäßig an Treffen holländischer Expats teil. "Leider lag der Altersdurchschnitt bei 65 Jahren", sagt er, "deshalb kam ich auf die Idee, dort 'Dublin Dutch Drinks' zu organisieren, einen Stammtisch, bei dem sich Holländer im Alter zwischen 20 und 35 treffen und zusammen etwas trinken". Das gleiche hat er nun in Berlin gemacht. Die Gruppe startete zuerst bei Facebook, mittlerweile gibt es aber auch eine eigene Website. Alexander hat inzwischen um die 500 Menschen in seinem Verteiler.

Sind es Treffen von Heimwehkranken? Alexander erklärt mir, dass es einfach darum geht, besondere Momente miteinander zu teilen: "Es ist schön, bei nationalen Feiertagen zusammen zu sitzen, oder auch bei der WM oder EM, wo man seine Mannschaft anfeuert. Ansonsten bin ich gar nicht patriotisch!"

Alexander, der im Marketing arbeitet, möchte in ein paar Jahren nach London ziehen. Noch aber genießt er Berlin und die Multikulturalität der Stadt. Wenn ihn auch manchmal die Penibilität der Deutschen ärgert: "Eine Sache nervt mich hier. Wenn es zum Beispiel zwei Uhr morgens ist und ich stehe neben einem Pärchen an einer roten Ampel, kein Auto in Sicht, dann gehe ich einfach rüber. Und von hinten höre ich: Hey, es ist rot!!! Das verstehe ich einfach nicht. Meine Antwort ist dann: Ja, die Tomate!"

Nina Aleric ist Soziolinguistin und arbeitet als freie Journalistin und Jugendbetreuerin in Berlin.

Fotos: Autorin; ©Berlin Dutch Drinks




Links

Berlin Dutch Drinks (nl.)
Der buurtaal-Blog: Niederländisch für Deutsche, Deutsch für Niederländer
Berlin-Infos für Holländer (nl.)
Ein Blog über Holländer in Deutschland (nl.)


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