Elizabeth Kiehl heißt die Heldin des zweiten Romans "Schoßgebete" von Charlotte Roche, eine Engländerin, die in Deutschland lebt und aufgewachsen ist. Es ist deutlich, dass es gewisse Ähnlichkeiten in ihrer Geschichte zu der Biographie der Autorin gibt. Deutlich sind auch die Parallelen zu Roches erstem Buch: Wie Helen Memel aus "Feuchtgebiete", dem Buch, das, wie die Autorin mal sagte, die Verarbeitung ihrer Pubertät gewesen sei, denkt Elizabeth viel und intensiv über sich und ihre Sexualität nach.
Wie Elizabeth lebt auch Charlotte Roche in einer Patchwork-Beziehung mit ihrer Tochter und dem Sohn ihres Mannes. Und auch sie ist seit vielen Jahren in therapeutischer Behandlung. Seit dem Autounfall von 2001, bei dem sie auf einen Schlag ihre drei Brüder verlor. Dieser Unfall, über den Roche vor der Veröffentlichung von "Schoßgebete" nie öffentlich gesprochen hat, ist das beherrschende Thema des fast 300 Seiten dicken Romans. Die anderen zwei großen Themen sind die Therapie und der Sex, der letztlich auch therapeutische Zwecke hat: "Das ist der einzige Moment am Tag, wo ich richtig durchatme."
Roche lässt die Leser/innen drei Tage lang an Elizabeths Leben teilhaben: an den Freuden und Leiden, an den bis ins kleinste Detail geschilderten Routinen, mit denen Elizabeth, die sich seit dem Unfall in einer Art Dauerschockstarre befindet, sich aufrecht hält. Sicher: Wie auch bei "Feuchtgebiete" merkt man der Autorin die Lust an der Provokation an. Nur ist ihre Elizabeth wohl kaum ein Bürgerschreck, als der die 18-jährige Helen Memel noch durchgehen konnte. Aber Roche – oder Elizabeth – möchte ja auch, dass ihre Leser und vor allem Leserinnen was lernen aus der Geschichte. Sie möchte ihre Erfahrungen weitergeben. Was ihr gut getan hat, muss auch gut für andere sein.
Elizabeth, Anfang 30, kämpft dagegen an, von ihrem Trauma in die Tiefe gerissen zu werden, verrückt zu werden. Sie ist wach, immer auf der Hut, bohrend neugierig. Sie will wissen, wie ihr Körper funktioniert, wie sie eine auf Dauer angelegte heterosexuelle Beziehung, also ihre Ehe, lebendig erhalten kann. Und sie will immer wieder ihre Grenzen austesten – auch wenn das viel Mühe kostet, wie die Besuche bei ihrer Therapeutin Frau Drescher oder die Puffbesuche mit ihrem Mann Georg.
Das ist durchaus feministisch gemeint. Auch wenn die Dresche, die Alice Schwarzer im Buch abkriegt – und auf die sie ja bereits in einem offenen Brief an Roche reagiert hat –, auf die falsche Fährte führen kann. Dass Elizabeths pausenloses Um-sich-selbst-Kreisen auch nerven kann, dass der Ton mitunter plapperig daherkommt, kann da in Kauf genommen werden. Roches "Schoßgebete" will keinen Literaturpreis gewinnen.
Charlotte Roche befindet sich mit ihrem zweiten Bestseller jetzt wieder in der unermüdlich mahlenden PR-Mühle: Sie muss Lesungen geben, Bücher signieren, in Talkshows auftreten. Das kann sie. Schließlich war sie Moderatorin bei Viva 2. Roche ist ein Naturtalent auf der Bühne.
Information, Spaß, Entertainment
Bei ihrer Buchvorstellung in Berlin, in Didi Hallervordens Kabarett-Theater "Wühlmäuse", kündigt sie so offenherzig, wie man es von ihr erwartet, an, was Sache ist: Gleich zu Anfang wird sie die "Blaseszene" lesen. Das sind die ersten 20 Seiten. Damit beginne sie immer ihre Lesungen. In der Pause sollen alle bitte schön was trinken, damit es lockerer wird. Und im zweiten Teil der Lesung wird sie alle Fragen beantworten. Man könne sie wirklich alles fragen. Und danach wird sie denen, die wollen, ihre Bücher signieren.
Charlotte Roche trägt hohe Pumps und einen knielangen Shift Dress, ein figurbetonter Look, der durch das Kostümdesign der TV-Serie "Mad Men" populär wurde. Nach der Lesung schreitet sie auf diesen Pumps über die Bühne und beantwortet munter die Fragen aus dem Publikum, auf geradezu kölsch frohgemute Art. Keine Frage ist ihr zu bescheuert, keine zu schwer oder zu einfach. Da ist sie professionell. Dass das Buch stark autobiographisch ist, wissen ja alle. Roche ist klar, dass es den meisten Lesern – und den Zuschauern an diesem Abend – schwerer fällt als ihr, damit umzugehen.
"Habt ihr gestern Abend Harald Schmidt gesehen?", ruft sie in das Publikum. "War er gut?" Schmidt ist ein Vorbild für sie – weil er sich eine perfekte künstliche Bühnenpersönlichkeit zugelegt hat. "Wer möchte schon sehen, wie man wirklich ist?", fragt sie und zeigt gleich, was sie damit meint: eine schluffige Körperhaltung, ein müdes Gesicht, verzögerte Reaktionen, eine Parodie auf die "private Charlotte". Um Authentizität geht es ihr nicht, es geht um Entertainment.
Man muss sich übrigens keine Sorgen machen, dass Roche jetzt ihre gesamte Munition verschossen hat. Das nächste Buch ist bereits in Planung. Es hat nämlich nicht alles, was ihr durch den Kopf ging, in "Schoßgebete" hineingepasst. Was ihr der Lektor herausgestrichen habe, erzählt sie, reiche bereits wieder für ein Buch.
Charlotte Roche: Schoßgebete (Piper 2011, 288 S., 16.99 €, als kindle e-book 12.99 €, als audiobook bei OSTERWOLDaudio für 16.99 €)
Stephanie Wurster lebt als freie Autorin und fluter-Redakteurin in Berlin.
Foto: ©Jochen Schmitz
Der offene Brief von Alice Schwarzer an Charlotte Roche
Der Trailer zu "Schoßgebete" von Charlotte Roche
Trailer zum "Schoßgebete"-Hörbuch
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