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Säurezerfressenes Ochsen-Ripphemd

Gedächtnistrainerin Christiane Stenger im Interview

26.4.2008 | Felix Scheidl | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Christiane Stenger, 20, war 2003 mit 15 Jahren die jüngste Abiturientin Deutschlands. Nach anfänglichen schulischen Problemen holte sie mehrfach den Juniorenweltmeistertitel im Gedächtnissport. In zahlreichen Fernsehauftritten, in ihrem Buch "Warum fällt das Schaf vom Baum" und in ihren Gedächtnistrainings-Seminaren "Keep in mind" erklärt sie uns heute, wie wir unseren Grips trainieren können. Christiane studiert in München Politikwissenschaften im zehnten Semester. Mit fluter.de-Autor Felix Scheidl sprach sie über Geist und Leben.

Felix Scheidl: Christiane, denke einmal fünf Minuten zurück. Was um dich herum konntest du dir bis jetzt merken?

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Christiane Stenger: Ich habe dich vom U-Bahnhof abgeholt. Auf dem Weg haben wir uns unterhalten. Als wir in das Café hier gegangen sind, ist uns ein schwarzer Hund entgegengekommen. Mehr habe ich mir nicht gemerkt.

Im Prinzip bin ich ein fauler Mensch

Von einer hochbegabten Gedächtnistrainerin hätte ich mir mehr erwartet.

Ich merke mir nicht alles – nicht jedes unnütze Detail. Im Prinzip bin ich ein sehr fauler Mensch. Nur Dinge, die ich mir mit meinen Gedächtnistechniken einprägen will, kann ich mir schnell und einfach merken.

Welche Aussage trifft auf dich zu? a) Du bist hochbegabt und kannst dir alles sofort merken, nachdem du es gehört hast. b) Du musst Dinge, um sie dir merken zu können, genauso wiederholen wie andere Menschen. c) Du hast nur mehr Disziplin und die bessere Technik.

Ich nehme b, mit Einschränkungen: Es liegt nämlich nicht nur an der Disziplin, sich hinzusetzen und etwas zu lernen, sondern an der richtigen Technik – der Art, wie man sich etwas einprägt. Durch meine Merktechniken kann man Zusammenhänge besser verstehen und behalten und das Lernen macht nebenbei noch Spaß. Auch heute bin ich noch ein fauler Mensch und lerne weniger als manche Kommilitonen. Sicher aber hilft mir meine Hochbegabung auch. Sonst hätte ich, trotz Gedächtnistraining, mein Abitur nicht mit noch gerade 15 schreiben können.

Hochbegabung durch Disziplin fördern

Wissen hochbegabte Menschen denn mehr als andere?

Nein. Bildung kann durch normale Interessen entstehen. Der Geist jedes Menschen ist wie ein Glas. Und jeder kann es füllen, wie er will. Wenn man nicht hochbegabt ist, kann man mit Disziplin aufholen. Wenn man seine Hochbegabung nicht nutzt oder nicht die Disziplin aufbringt, mit ihr zu arbeiten, dann bringt sie einem auch nicht unbedingt etwas.

Wie machst du deinem Gehirn Informationen zugänglich?

Das Visualisieren spielt hier eine sehr wichtige Rolle. Wir können uns Bilder einfach leichter merken als abstrakte Informationen. Auch die Art, wie wir Informationen verknüpfen, ist entscheidend. Wir müssen also versuchen, uns zu den Informationen kleine Geschichten auszudenken, die möglichst verrückt, außergewöhnlich und besonders sind. Die bleiben dann ohne Probleme im Gedächtnis. Wenn ich mir die Wörter Schaf, Haus und Vase merken will, kann ich mir vorstellen, wie ein Schaf durch mein Haus tanzt und dabei eine Vase umstößt. Auch Fachbegriffe kann ich mir so einprägen. Beispielsweise die Desoxyribonukleinsäure, aus der die DNA besteht. Bei "Des" würde ich an den Genitiv denken, bei "Oxy" an einen Ochsen, bei "Ribo" an ein Ripphemd. "Nuklein" klingt wie nuklear und "Säure" kann ich stehen lassen. Ich habe also das Bild des Ochsen, der ein Ripphemd trägt, das von einer nuklearen Säure zerfressen wird.

Route im Kopf

Schön und gut. Aber wenn ich mir das Wort Desoxyribonukleinsäure merken kann, weiß ich noch lange nicht, was es bedeutet ...

Genau. Hier bietet sich die Loci-Methode an, die schon über 2.000 Jahre alt ist. Auch die Griechen und Römer haben diese Technik schon verwendet, um freie Reden zu halten. Ich suche mir dazu eine Route durch meine Wohnung. Los geht es bei der Haustüre, neben der ein Stuhl steht. Dann kommt eine Kommode und eine Garderobe und so weiter. Mit diesen Gegenständen kann ich jetzt die Informationen, die ich mir einprägen möchte, verknüpfen. Wenn ich also einen Prozess habe, in dem die Desoxyribonukleinsäure an zweiter Stelle eine wichtige Rolle spielt, liegt auf dem Stuhl das Ochsen-Ripphemd, das von einer nuklearen Säure zerfressen wurde. In einem Text streiche ich mir mit einem Marker die wichtigen Textstellen an, visualisiere sie im Kopf und verknüpfe sie mit den Punkten einer meiner Routen. Später brauche ich diese Route nur noch einmal im Geiste abzugehen und habe die Informationen wieder parat.

Maschennetz

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Mit deinen Techniken sollen wir uns nun alles, was wir lernen, für sehr lange Zeit merken können. Doch passen die Informationen überhaupt alle in meinen Kopf? Du hast einmal in einem Interview gesagt: "Ein Gehirn ist ein unendlich weiter Raum … da gibt es keine Begrenzung."

Und das ist auch so. Das Gehirn besteht aus 100 Milliarden Gehirnzellen, die miteinander verknüpft sind. Umso mehr Verknüpfungen unser Gehirn aufgebaut hat, desto mehr Dinge können wir neu aufnehmen. Das ist wie bei einem Fischernetz. Umso enger die Maschen sind, desto mehr bleibt beim Fischen hängen. Unser Gehirn arbeitet ähnlich.

In deiner Kindheit scheinen die Tricks und ein unendliches Gedächtnis wenig geholfen zu haben: In der siebten Klasse warst du versetzungsgefährdet. Wann hast du angefangen, mit diesen Techniken zu lernen?

Insgeheim habe ich aber wohl schon in der achten Klasse angefangen, Dinge erst zu visualisieren, um sie mir dann besser merken zu können. Bewusst genutzt habe ich die Techniken dann erst in der Oberstufe. Als ich das erste Mal wirklich effizient damit auf eine Geschichtsklausur gelernt hatte, habe ich gleich 15 Punkte geschrieben. Für Mathe und Deutsch haben mir die Techniken weniger genutzt. Für das Vordiplom an der Uni habe ich dann fast ausschließlich mit meinen Techniken gearbeitet.

Das effiziente Arbeiten hat sich ausgezahlt: Du hast deine Abiturprüfungen mit 15 Jahren abgeschlossen. Ist es nicht schwer, sich in diesem Alter unter 18- bis 20-Jährigen zu behaupten?

Hochbegabte Mädchen haben es leichter

Mein Glück ist, dass ich schon immer groß war und mich teilweise auch dem Freundeskreis meines zwei Jahre älteren Bruders angschlossen hatte. Ich habe mich also ziemlich gut mit meinen Klassenkameraden angefreundet. Ich hatte nie das Gefühl, das Küken zu sein. Als ich zur Uni kam, haben mich manche Studenten auf mein Alter angesprochen. Sie hatten mich bei einem meiner Fernsehauftritte gesehen. Dann habe ich oft meine Geschichte erzählt und war schnell akzeptiert. Irgendwer hatte wohl auch das Gerücht in die Welt gesetzt, ich wäre 23. Da ist es erst recht niemandem aufgefallen, dass ich noch 16 war.

Deine Hochbegabung hat dir also auch eine soziale Kompetenz verliehen?

In gewisser Weise: Ja. Hochbegabte Jungs haben da oft größere Schwierigkeiten. Wenn sie sich in einem älteren Umfeld nicht profilieren können, reagieren sie öfters aggressiv. Mädchen werden in einem neuen Umfeld eher still und versuchen, sich anzupassen.

Felix Scheidl, 20, aus Weilheim in Oberbayern macht dieses Jahr Abitur und ist nur wenige Wochen jünger als Christiane Stenger. Dank dem fluter.de-Interview ist er jetzt bestens für seine Abschlussprüfungen gewappnet.

Fotos: www.christianestenger.de



www.christianestenger.de
Wissenswertes zu Christiane Stengers Leben und ihren Büchern. Hier kann man sich auch für ihre Gedächtnistrainings-Tagesseminare anmelden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Hochbegabung
Informationen und Links zur Hochbegabung bei Wikipedia




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