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Charlotte Roche: Feuchtgebiete

Auf den Körper fixiert

11.4.2008 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Eigentlich war ihr erstes Buch ja bereits für 2002 angekündigt, Titel: "Die Bärte der Proleten", bei Amazon mit Coverbild, Preisangabe und Redaktionskritik bereits eingestellt. Angekündigter Inhalt und Hiebrichtung, nicht wirklich überraschend: "Wie ihre Moderationen bestechen Charlottes Erzählungen und tagebuchartigen Einträge durch verblüffendes Zusammendenken von disparaten Themen, immer quer zum Zeitgeist. Sie geben einen überraschenden Einblick in ihren Alltag und verraten ihre dadaistische Ader […] Charlottes Buch ist die Fortsetzung ihrer Arbeit mit anderen Mitteln."

Revolutionäre Thematik

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Im Sommer 2001 wurde Roches Leben durch einen schrecklichen Unfall erschüttert – und bis heute ist unklar, ob das Nie-Erscheinen des "Proleten"-Buches damit zusammenhängt. Man kann jedenfalls froh darüber sein, dass ihr Debüt erst jetzt erschienen ist. Denn "Feuchtgebiete" ist ein umwerfender Roman, die Protagonistin Helen eine großartige, springlebendige Heldin, die Sprache eigen und sicher und die Thematik revolutionär. Vom Fleck weg sprang das Buch in die Top Ten und thront dort zur Zeit auf Platz zwei, gleich hinter Ken Follets Mittelalterschmöker "Die Tore der Welt". Kaum vorstellbar, dass ein Debüt besser laufen kann.

In Interview ordnete Roche ihre erste literarische Veröffentlichung indirekt als feministisches Manifest ein und nutzte die Gelegenheit, um ihre Meinung zum Alice-Schwarzer-Feminismus und zu Pornographie klarzustellen. Sie ist nicht die Einzige, die dieses Frühjahr zum Feminismus Stellung nimmt. Das Autorinnentrio Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl veröffentlichten mit "Wir Alphamädchen" gerade eine ausführliche Erklärung darüber, "Warum Feminismus das Leben schöner macht" (Untertitel), und mit Jana Hensels und Elisabeth Raether "Neue deutsche Mädchen" kommt gerade ein weiteres autobiographisch fundiertes Selbstermächtigungs-Sachbuch in die Läden.

Nein zu PorNO

Die Haltung zu Pornographie, einem der Kernthemen des klassischen Feminismus, ist bei den drei Büchern dieselbe: Guter Porno: Ja!, schlechter Porno, in dem Menschen oder Tiere leiden: Nein! Der "PorNO"-Kampagne von Alice Schwarzer und ihrer Zeitschrift Emma wird eine klare Absage erteilt. Im Spiegel-Interview stellt Charlotte Roche überspitzt fest: "Ich habe keine Lust, Frau Schwarzer erst um Erlaubnis zu fragen, bevor ich im Bett richtig loslege." Im Gegensatz zu den anderen Autorinnen geht Charlotte Roche aber noch einen Schritt weiter: Sie spricht Empfehlungen für Porno-Produktionen aus. Mit dieser fachkundigen Hilfe kann man also in die Videothek um die Ecke gehen und endlich mal einen nicht-frauenfeindlichen Porno ausleihen.

Noch mehr über Charlotte Roche und ihre Empfehlungen erfährt man aber aus ihrem Roman, von dem sie selbst sagt, dass er zu 70 Prozent autobiographisch ist. Die 18-jährige Helen liegt mit Hämorrhoiden und einem feinen Riss am "Poloch" im Krankenhaus, und sie malt sich und den Leser/innen alle ihre Hobbies und Vorlieben genau aus: darunter Analsex, Intimrasur, gegen Hygiene kämpfen, Schorf und Popel futtern, und – Überaschung! – Avocadobaumzüchten. Dass Helen gewitzt und schlau ist, dass sie eine zornige Rebellin und eine zarte Seele gleichzeitig ist, versteht sich von selbst.

Das kleine Mädchen in der Frau

Beim Lesen von Charlottes Roches instinktsicherem Jugend-Roman ahnt man, dass die Autorin so gut über Sex und Hämorrhoiden schreiben kann, weil sie auch gut darüber sprechen kann. Denn Frauen, in denen ja meist gut erzogene kleine Mädchen stecken, sprechen weder noch schreiben sie normalerweise über so was. Es könnte daran liegen, dass die Männer auch hier das Sagen haben – wie der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der im "Literarischen Quartett" immer glaubte, die Hoheit über das Analysieren der Sexszenen in den besprochenen Büchern gepachtet zu haben. Der einzigen Frau in der Runde, Sigrid Löffler, fuhr er regelmäßig über den Mund, wenn sie es wagte, auf "erotische Szenen" zu sprechen zu kommen.

Charlotte Roche hatte anfangs vor, ein Sachbuch über Intimhygiene zu machen. Gut, dass sie das nicht gemacht hat, sondern einen durch und durch feministischen, amoralischen und lustigen Roman geschrieben hat, in dem das Wort Feminismus nicht einmal vorkommt. Ein Buch, das für Körperbehaarung und Körpergeruch plädiert, für Körperentdeckung und dafür, aus "geheimen" Körperzonen öffentliche Bereiche mit phantasievollen Namen zu machen. Das kann man eklig finden. Aber es ist auch eine schöne Version der ganzen Wahrheit: "Ich kann tatsächlich von nichts an meinem Körper die Finger lassen. Ich finde für alles eine Verwendung."

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Charlotte Roche: Feuchtgebiete (Dumont 2008, 14.90 €, als Hörbuch mit 5 Audio-CDs bei Random House Audio für 19.95 €)



Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin.

Foto: © Jochen Schmitz



www.charlotteroche.de
Die Seite von Charlotte Roche – mit Terminen ihrer "Feuchtgebiete"-Lesereise




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