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Im Twitter-Stream ist kein Platz für Frontalunterricht

Nichts gelernt und trotzdem was geworden

27.4.2011 | Peter Glaser | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Mein Bildungsweg wurde vorübergehend durch meine Schulzeit unterbrochen", dieses Wort von George Bernard Shaw gilt auch für mich. Ich habe ein Jahr vor dem Abitur (in meiner Heimat Österreich: vor der Matura) das Gymnasium verlassen. Damals wollte ich bereits schreiben.

Ich hatte so ein Vorgefühl, dass der akademische Weg, also etwa über ein Germanistikstudium, eher zur Zerlegung von Texten führt – ich wollte aber Texte zusammenbauen. Ich habe dann ein paar Jahre Hilfsarbeiterjobs gemacht, als Briefträger, Tankwart, Fabrikarbeiter, Vermessungsgehilfe, Zirkusarbeiter, all so was. Ich habe vor allem in der ersten Zeit schockiert erkannt, dass ich in der Schule nichts gelernt hatte als Lernen, und nicht einmal das richtig. Von den Dingen des Lebens hatte ich praktisch keine Ahnung, und ein paar wohlmeinende Arbeitskollegen versuchten, meine immense Bildungslücke zu schließen. Ich will nicht ungerecht sein: Am Gymnasium hatte ich einen Deutschprofessor (in Österreich werden alle Gymnasiallehrer als Professoren bezeichnet), der durch seine Unterrichtsmethoden – Dinge wie "freies Thema" bei schriftlichen Arbeiten – maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich letztlich Schriftsteller werden wollte.

Als ich mit der Computerei angefangen habe, also Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre, hat die Maschine für mich als Katalysator fungiert und verschiedene verstreute oder abgetrennte Kulturbereiche wieder miteinander in Verbindung gebracht, Literatur und Kunst zum Beispiel wieder zu einem osmotischen Austausch mit Naturwissenschaften und Technologie veranlasst. Im Chaos Computer Club (CCC) hat dieser Katalysator dazu geführt, dass ich gelernt habe, wie man in einer inhomogenen Gruppe aus extrem unterschiedlichen Individuen in einen gemeinsamen Diskurs eintritt und leidenschaftliche Debatten über technische und gesellschaftliche Fragen führen kann.

Peter Glaser, Schriftsteller und Journalist, Berlin

Peter Glaser, Schriftsteller und Journalist, Berlin

Der Computer, auch wenn er ausgeschaltet war, hat alle miteinander verbunden. Inzwischen erwecken die immer vielfältigeren Zugänge zu Wissen und inspirierenden Informationen durch das Internet die Ruinen an humanistischem Bildungsgut, über die ich aus der Schulzeit und aus meiner Biografie als Leser und kulturatmender Mensch verfüge, immer wieder zu neuem Leben. Der digitale Lernkatalysator funktioniert also nach wie vor, und er verändert sich. Einen negativen Aspekt will ich nicht verschweigen: Was manche als lebenslanges Lernen feiern, bedeutet zugleich auch, dass Wissen immer schneller entwertet wird.

Was das Lernen anbetrifft, so hat das für mich beim CCC immer auf verschiedenen Ebenen funktioniert. So gehört zum Beispiel eine modernisierte Form von informationeller Nachbarschaftshilfe immer mit zum Grundbestand. Wenn man etwas nicht verstanden hat, war und ist immer einer da, der einem das so einigermaßen erklären kann. Oder man bastelt eben herum, auch mit Ideen, bis der Groschen fällt. Und dann habe ich immer noch ein paar teure Handbücher für komplexe Programme, in die ich dann aber doch nie reingelesen habe – stattdessen habe ich mir die Software von jemandem erläutern lassen, der schon damit umgehen konnte, und dadurch immer sehr praxisbezogen gelernt und viel Zeit und Nerven gespart.

Das gemeinsame Lernen im Netz funktioniert auch in Zeiten von Twitter und Facebook hervorragend. Beide Dienste sind von Haus aus ein einziges gemeinsames Lernen, und zwar in demokratisierter Form. Kein Frontalunterricht mehr, auch keine speziellen Lehrkräfte, vielmehr ist jeder in meiner Timeline jetzt ein Anbieter von potentiell Wissenswertem. Oder es kommt ein guter Schnack, der mich wieder sozusagen lerndurchlüfteter in diese Riesenmengen an hochinteressantem Zeug aus der Weltwissensmasse eintauchen lässt. Bildung ist nur zu einem kleinen Teil eine Frage von Fakten.

Peter Glaser lebt als Schriftsteller und Journalist in Berlin. Für seine Erzählung "Geschichte von Nichts" erhielt er 2002 den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2003 erschien die Erzählung in dem gleichnamigen Erzählband (Kiepenheuer & Witsch). Berühmt-berüchtigt wurde das CCC-Mitglied Glaser durch seine langjährige Kolumne bei dem inzwischen eingestellten Zeitgeist-Magazin Tempo, die meistens "Glasers heile Welt" hieß. Selbstverfasste Mini-Bio: 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden; lebt als Schreibprogramm in Berlin.

Dieser Text ist ein Vorabdruck aus dem Ende Mai erscheinenden Buch "Modell Autodidakt", ein Sammelband zum Thema Bildung, herausgegeben von Krystian Woznicki und Magdalena Taube von der Berliner Gazette (Panama Verlag, 160 S., 12 €).

 

Foto: "Peter Glaser"/ privat

Foto: ©photocase.com/ spacejunkie



Links:

Glaserei: Glaser-Blog bei der Stuttgarter Zeitung
Glaser-Blog bei Technology Review
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Der Chaos Computer Club (CCC) im Netz





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