t

Offene Rechnungen

Wie moralisch ist die Wirtschaft?

16.1.2006 | Imke Rosebrock | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Moral in der Wirtschaft - kann es das überhaupt geben? Oder ist nicht vielmehr die kapitalistische Produktionsweise, der Wettbewerb, das Streben des Einzelnen nach Gewinn und Profit mit jeder Moral unverträglich? Wir haben mit Prof. Dr. Dr. Karl Homann, Wirtschaftsethiker an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, gesprochen - über Heuschreckenkapitalismus und soziale Marktwirtschaft, gute Profite und unchristliche Vorzugsbehandlungen.

Herr Hohmann, kann die Wirtschaft moralisch sein?

Die Wirtschaft kann nicht moralisch sein, wenn wir Moral mit Altruismus, also Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit gleichsetzen. Und dann behaupten, dass das Streben nach Gewinn per se unmoralisch ist. Aber ein solcher Moralbegriff ist weder durch die philosophische noch christliche Tradition gedeckt. Gäbe es diesen Gegensatz wirklich, müssten wir entweder auf Wohlstand verzichten, oder aber auf Moral - das ist keine wirklich attraktive Aussicht. Wir müssen also das Verhältnis von Moral und Profit differenzierter fassen.

Dann tun Sie das doch bitte mal.

Moralisch ist ein Verhalten dann, wenn der Einzelne nach individuellen Vorteilen in einer solchen Weise strebt, dass auch die anderen Vorteile davon haben. Diese Vorteile für die anderen Menschen sind aber nicht als milde Gaben zu verstehen, sondern ergeben sich durch die ganz normalen Austauschprozesse auf den Märkten, in Form von guten, innovativen und preiswerten Produkten beispielsweise. Unmoralisch wäre dann ein Verhalten, wenn das Streben nach individuellen Vorteilen auf Kosten anderer geht. Es kommt also darauf an, ob die Akteure ihren Gewinn mit Angeboten machen, die die anderen wünschen.

Wenn ein Unternehmen hohe Gewinne macht, aber trotzdem Arbeitnehmer/innen entlässt, ist das dann moralisch oder unmoralisch?

Die Arbeitsplätze werden ja nicht einfach abgebaut, sondern anderswo wieder aufgebaut. Es gibt in einer christlichen oder aber auch universalistischen Moral keine Bevorzugung der Inländer. Was würden die Entwicklungsländer oder Schwellenländer sagen, wenn dort keine Fabriken errichtet würden? Unser Problem ist, dass wir nicht mehr konkurrenzfähig sind. Und wer denkt, dass die deutsche Bevölkerung bei deutschen Unternehmen eine Vorzugsbehandlung verdient, der hat keine universalistische Moral im Hintergrund, sondern eine, die auf die Sonderinteressen der deutschen Bevölkerung pocht. Das ist unchristlich.
Manche Politiker sagen: Ihr Unternehmer/innen habt von unseren gut ausgebildeten Leuten profitiert, jetzt seid ihr auch moralisch verpflichtet, dem eigenen Land, also den Arbeitnehmern/innen hier, etwas zurückzugeben.

Es muss sich für ein Unternehmen ökonomisch rechnen, hier am Standort zu bleiben. Mit Moral lassen sich die grundlegenden Gesetze der Ökonomie ebenso wenig aushebeln wie die Fallgesetze Galileis mit der Religion. Da holt sich die Moral immer eine blutige Nase. Der Wettbewerb ist international, und Unternehmer/innen können nur dann Leute einstellen, wenn sie etwas dabei verdienen. Das ist völlig legitim. Zugleich verdienen ja auch die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, ebenso der Staat, der jetzt Steuern eintreiben kann.

Es werden aber zu wenig Menschen eingestellt. Und die hohe Arbeitslosigkeit schadet doch der Volkswirtschaft.

Wir diskutieren immer über Schutz der einheimischen Arbeitsplätze. Aber dieser Schutz wird bezahlt durch die überhöhten Preise, die die Konsumenten am Ende zahlen müssen. Ein Beispiel dafür ist der Irrsinn in der Agrarpolitik: Wir unterstützen die Bauern mit Subventionen und zahlen zusätzlich höhere Preise für Butter und Zucker als auf dem Weltmarkt. Doch dann produzieren die Bauern zu viel, wir zahlen noch die Einlagerung, dann die Exportsubventionen, um die Produkte schließlich an die Entwicklungsländer loszuwerden. Das macht wiederum die dortige Landwirtschaft kaputt. Die Menschen werden dadurch erst richtig arm, und wir versuchen, diesen Schaden, den wir selbst angerichtet haben, schließlich durch Entwicklungshilfe zu kompensieren. Das alles hat mit Marktwirtschaft überhaupt nichts zu tun.

Wer gegen Heuschreckenkapitalismus oder den Shareholder-Value wettert, bellt also den falschen Baum an?

Ja. Diese Kritik ist absolut kontraproduktiv. Wir leben in Deutschland in und von der Marktwirtschaft. Und wir leben nicht schlecht davon. Aber in unseren emotionalen Vorstellungen sind wir immer noch gegen den Markt und den Wettbewerb. Nach dem Motto: Verschone uns bitte mit den Entlassungen, den Firmenpleiten und den unangenehmen Dingen, die mit der Marktwirtschaft verbunden sind. Das geht nicht. Wir müssen den Markt spielen lassen und ihn sogar entfesseln. Aber Entfesselung heißt eben gerade nicht simple Deregulierung! Sondern die Entfesselung der Märkte bedeutet, dass wir auf bestimmte Dinge, etwa Raub und Erpressung, Umweltverschmutzung und Vertragsbruch verzichten. Nur dann lassen sich die anderen auf Geschäfte mit uns ein. Mit Staaten ohne stabiler Rechtsordnung treiben wir nur den minimal notwendigen Handel, weil ausgebaute Beziehungen mit langfristigen Investitionen viel zu unsicher sind.

Das Vorteilsstreben des Einzelnen treibt die Wirtschaft an und nützt damit allen. Das hat Adam Smith, der englische Ökonom, schon vor gut zweihundert Jahren gesagt. Braucht die Wirtschaft wirklich keine Regeln?

Adam Smith hat Folgendes vorausgesetzt: Die Konkurrenz auf den Märkten bringt keine Ordnung hervor, sondern setzt schon eine Ordnung voraus. Wir brauchen also eine Rahmenordnung, ähnlich wie auf dem Fußballfeld, wo es Spielregeln gibt und der Schiedsrichter darauf achtet, dass alle sich an diese Regeln halten.

Moralisches Verhalten wird der Wirtschaft also doch von außen vorgegeben.

Nein, nicht nur. Denn andererseits kann sich ein moralisches Verhalten auch für die Unternehmen lohnen. Wer seine Kunden nicht übers Ohr haut, Verträge einhält, integer ist, die Angestellten vernünftig behandelt und insgesamt eine gute Unternehmenskultur hat, ist zugleich auch ein attraktiver Geschäftspartner. Zudem können viele Firmen damit werben, die Umwelt zu schützen oder Kultur zu fördern.

Die Wirtschaftsethik ist also schon in den Unternehmen angekommen?

Für die Wirtschaft ist es in den vergangenen Jahren zumindest immer wichtiger geworden, sich mit dem Grenzbereich zwischen Philosophie, Politik und Wirtschaft auseinander zu setzen und dort Kompetenzen zu entwickeln. Die Unternehmen sind in der Defensive, nicht zuletzt durch die so genannte Heuschreckendebatte. Mit PR-Maßnahmen à la "Du bist Deutschland" kommt man meines Erachtens da nicht mehr weiter. Stattdessen werden so genannte "Codes of conduct" inzwischen immer wichtiger. Das sind Leitlinien, die sich die Unternehmen freiwillig und in eigener Verantwortung geben. Mehr Transparenz und Offenheit sind Aspekte, um die es dabei geht. Diese Selbstverpflichtungen entstammen der englischen Tradition. Sich integer, anständig und fair zu verhalten - eine solche Unternehmenskultur wird immer mehr als Erfolgsfaktor gesehen.

Imke Rosebrock schreibt für Zeitungen und Magazine. Sie lebt in Berlin.


www.bpb.de/Soziale_Marktwirtschaft
Was bedeutet die soziale Marktwirtschaft? Eine Antwort aus dem Politik-Lexikon

www.bpb.de/Soziale_Marktwirtschaft_und_globale_New_Economy
Der Wandel von der nationalen Industriegesellschaft zur globalen "New Economy" wird die Soziale Marktwirtschaft verändern.

www.bpb.de/Wirtschaftsethik
Eingriffe in die globalisierte Wirtschaft sollten weniger einen ideologischen Hintergrund haben, als vielmehr pragmatischen Zielen folgen.

Kommentare

Dein Kommentar