t

SAID

Vaterland im Kopf

5.1.2006 | Claudia Kramatschek | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Iran, ein Land, das seit den New Yorker Anschlägen unter Generalverdacht steht – besonders, seit Donald Rumsfeld es öffentlich als “Schurkenstaat“ bezeichnete –, ist auch die Heimat von SAID, einem Schriftsteller, der seit 1965 in Deutschland lebt und auch auf Deutsch schreibt. Sein neuestes Buch heißt "Ich und der Islam". Darin denkt SAID darüber nach, was es heißt, seit 9/11 Muslim zu sein – und was passiert, wenn im Zeichen der Religion Krieg gemacht wird. SAID selbst kann nicht mehr in den Iran zurück, weil er den Staat und seine Politik immer wieder kritisiert hat. Von 2000 bis 2002 war er übrigens Präsident des deutschen Schriftstellerverbandes P.E.N. Claudia Kramatschek hat sich für fluter mit SAID unterhalten.


 

 

 

 

 

Claudia Kramatschek: Es ist jetzt über 40 Jahre her, dass Sie vom Iran nach Deutschland gekommen sind. Wie würden Sie die Wegstrecke zwischen 1965 und 2005 beschreiben?

SAID: Als eine Wechselwirkung zwischen den beiden Ländern. Das ist es, was mich beschäftigt. Fast alles, was ich schreibe – auch die Liebesgedichte – haben mit dieser Diskrepanz, mit dieser Zweizeitigkeit, sage ich bewusst, zu tun.

Schere zwischen Arm und Reich

“vom sozialen umfeld her bin ich muslim”, so heißt es an einer Stelle im neuen Buch. Wie aber wirkt sich das seit 9/11 nun immer feindlicher werdende soziale Umfeld im Westen auf Ihr Verhältnis zu einer Religion aus, die Sie nie ausgeübt haben?


In der letzten Zeit – dank einiger Bombenwerfer aus der islamischen Ecke – ist natürlich eine Haltung in Europa aufgekommen, dass man den Islam gerne in diese Ecke tut. Ich gehe sofort auf die Barrikaden, wenn ich so was höre. Denn man muss sich auch die Frage stellen, und das besonders im Westen, warum der Islam in den letzten 20 Jahren zu Bomben gegriffen hat. Wenn man mir sagt, das ist Koran-immanent – dann antworte ich: Es ist das soziale Umfeld – oder es ist jene legendäre Schere zwischen Arm und Reich, die immer wieder zu solchen Taten führt.

Sind Sie es manchmal müde, dem Westen den Iran erklären zu müssen?

Ich versuche, die Rolle des Erklärers durch die Wiedergabe der Fakten abzustreifen. In dem neuen Buch habe ich Nachrichten praktisch nackt wiedergegeben, die der iranischen und der deutschen Presse entnommen sind. Damit hoffe ich, dass ich Bruchstellen offenbare. Tue ich das, dann brauche ich die erklärende Rolle nicht.

Jugendliebe Iran

Liebe, so schreiben Sie, bedeutet, auch die Bruchstellen noch mit in die Beziehung zu nehmen. Ist der Iran in diesem Sinne noch eine Geliebte?

Das Land ist eine Geliebte, sicherlich. Aber eine Jugendliebe, die inzwischen zu einer öffentlichen Dame geworden ist. Darunter leidet man. Im Grunde genommen leidet man unter seinen eigenen Erinnerungen. Das Land leidet nicht, das Land entwickelt sich – ob es mir gefällt oder nicht. Aber das Bild bleibt. Bilder, die ich von meiner Kindheit, von meiner Jugend habe. Das aber ist letztendlich die Tragödie eines jeden Emigranten: Der Emigrant hat eine Art Vaterland im Kopf, und dieses Bild ist statisch. Die Realität ist eine andere. Wenn der Emigrant zurückkehrt, prallen diese Ebenen aufeinander. Ich muss nicht betonen, wer auf der Strecke bleibt.

Wie nahe, wie fern sind sich Christentum und Islam – und damit der Islam und der Westen?

Das ist wie alles andere in der Frage der Religion eine Interpretationsfrage. Ein banales Beispiel: Als Ayatollah Chomeini den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie mit der Fatwa belegte, hat der Präsident der Al-Azhar-Universität in Kairo, der ältesten Universität in der islamischen Welt, sich davon distanziert. Beide sind Moslems! Den wild gewordenen Islam – den muss man politisch behandeln, nicht theologisch. Der Islam an sich ist ja nicht per se antisemitisch oder antichristlich.

Dies ist nicht das 18. Jahrhundert


Der neue Band enthält auch die Erzählung “Mina”, die authentische Geschichte einer Folter. Was bedeutet diese Erzählung für Sie?


Die Folter, die im Gefängnis hinter verschlossenen Türen durchgeführt wird, hat sehr viel zu tun mit dem, was tagtäglich auf der Straße geschieht, mit der Art, wie die Menschen auf der Straße miteinander umgehen. Diese beiden Ebenen auseinander zu dividieren, wäre ein fataler Fehler. Den Fehler möchte ich nicht begehen. Es ist ja auch die Aufgabe der Literatur – zumindest ich bin davon überzeugt – einen Schritt weiter zu gehen als die Presse. Und an einer einzigen Geschichte darzustellen, dass die Folter weitergeht, mit anderen Mitteln. Und dass die Einsamkeit, die am Ende dasteht, wahnwitzig groß ist.

Wie erleben Sie das wachsende Interesse des Westens am Iran? Ich verweise auf Autoren wie Navid Kermani oder den Comic-Band “Persepolis“, oder “Lolita lesen in Teheran” von Azar Nafisi.

Ich freue mich darüber. Dieses Land ist literarisch und kulturell nicht tot. Wir sind nicht im 18. Jahrhundert, und das Land war immer offen nach außen, vor allem nach Westen. Und vielleicht begreift hier nun jeder Bürger, dass dieses Land nicht nur aus Bombenlegern und Opfern besteht.

SAID: Ich und der Islam (C.H. Beck Verlag 2005, 14.90 €)





Weitere Bücher von SAID:

In Deutschland leben. Ein Gespräch mit Wieland Freund (2004)




Außenhaut Binnenträume. Neue Gedichte (2002)





Landschaften einer fernen Mutter (2001)





Der lange Arm der Mullahs. Notizen aus meinem Exil (1995)





Alle Bücher sind im Verlag C.H. Beck erschienen.

Foto, oben: ©maik_kel / photocase.com



www.said.at
SAIDs Homepage




Kommentare

Dein Kommentar