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Nasrin Alavi: Wir sind der Iran

Junge persische Weblog-Szene

22.1.2006 | Martin Zähringer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der Iran macht derzeit in zweierlei Hinsicht von sich reden. Zum einen erzielt der Präsident Ahmadinedschad mit seinen antiisraelischen und radikalfundamentalistischen Parolen ein weltweites Medienecho, zum anderen erreichen uns mehr und mehr oppositionelle Stimmen aus dem Iran. Diese Stimmen machen deutlich, dass die Kluft zwischen dem Regime der Mullahs und der breiten Bevölkerung kaum noch zu überbrücken ist. Was der Hardliner im Präsidentenamt von sich gibt, ist nicht die Meinung des iranischen Volkes. Dafür spricht nicht nur der Friedensnobelpreis für die Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi. Sondern vor allem die Stimmen im inzwischen wichtigsten Forum der iranischen Öffentlichkeit, dem Internet.

Ein aktuelles Meinungsbild

Die ehemalige Managerin Nasrin Alavi hat jetzt ein Buch veröffentlicht, in dem die Meinungen der Iraner/innen der letzten Jahre aus den unzähligen Weblogs übersetzt und präsentiert werden. Diese Blogs werden in der persischen Sprache ”Farsi” geschrieben, der inzwischen vierthäufigsten Sprache der Bloggerszene. Alavis Auswahl aus allen Lebensbereichen meist junger Iraner/innen – 70 Prozent sind unter dreißig, meistens gut ausgebildet und informiert – ist kombiniert mit einem Begleittext der Autorin, der über Geschichte, politische und kulturelle Verhältnisse, internationale Ausrichtungen und die "Iranische Revolution" berichtet. Mit dieser Revolution ist nicht Chomeinis Islamische Revolution von 1979 gemeint, sondern ein über 100-jähriger demokratischer Prozess, der zwar Rückschläge erlitten hat, aber immer noch weiter gärt.

“Wir sind der Iran“ zeigt, dass gegen die vielfältigen Repressionen des Mullah-Regimes ein nicht mehr lange zu bändigender Freiheitswille der jungen Iraner/innen steht. Ihre West-Orientierung ist zwiespältig. Man liest in den Weblogs Begeisterung über den Valentinstag – das Fest der Verliebten, das sich im Iran langsam durchsetzt – ebenso wie über das jahrtausendealte Ashura-Lichtfest. Stolz auf die iranischen Symbolfiguren des Protestes und der Zivilcourage wird ebenso geäußert wie die Lust auf Hollywoodfilme, Marilyn Manson, Harry Potter und andere Ikonen der Konsumkultur. Der amerikanischen Politik gegenüber äußern sich die Blogger/innen deutlich zurückhaltend – das leidgeprüfte iranische Volk ist für schöne Versprechungen nicht leicht zu haben.

Vorsichtiger Optimismus

Das liegt nicht nur an der erfolglosen US-Militärpräsenz im Irak und am bedrohlichen Aufmarsch an den Landesgrenzen, sondern vor allem am Engagement der USA gegen den ehemaligen Präsidenten des Iran, Mohammad Mossadegh, heute eine zentrale Symbolfigur demokratisch-revolutionärer Ideen im Iran. 1953 wurde er in einem Putsch mit Unterstützung von Amerikanern und Briten abgesetzt, es folgte das Regime des Schah Reza Palevi. Die wirtschaftlichen Interessen der USA waren unübersehbar, Mossadegh hatte kurz vorher die Ölvorkommen verstaatlicht. Mit dieser historischen Erfahrung und der Lage im Irak vor Augen findet ein amerikanisches Engagement gegen das derzeitige Regime keine Zustimmung bei den Bloggern/innen, ein Krieg schon gar nicht. Die "Internet-Revolution" der iranischen Jugend muss ihren eigenen Takt finden. Nach der Lektüre dieses Buches spürt man ihn.

Nasrin Alavi: Wir sind der Iran. Aufstand gegen die Mullahs - die junge persische Weblog-Szene (Kiepenheuer & Witsch Verlag 2005, 9.90 €)



Martin Zähringer lebt in Berlin und arbeitet als freier Literaturjournalist, Übersetzer und Kritiker.



www.iranian.com
Ein umfangreicher iranischer Blog (englisch/farsi)

http://de.wikipedia.org
Wikipedia erklärt den Iran

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