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Rechtes Modechaos

Businesshemd mit Runenversatz

6.9.2004 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Der fünfte Graf von Lonsdale, der Boxfan Hugh Cecil Lowther, wälzt sich seit Jahren in seinem Grab: Dass die Sportlerkluft, die Muhammed Ali oder Joe Frazier trugen, als Erkennungsmerkmal rechter Nazi-Skins dient, das hätte sich der Organisator der ersten Handschuh-bewehrten Boxkämpfe wohl nicht träumen lassen.

Einfach das hintere "L" per Edding erweitern oder sich flugs das "P" dazudenken bei der traditionsreichen Sportswearmarke "Lonsdale": fertig ist der Nazi-Pulli mit überdeutlicher Anlehnung an die Nationalsozialistische Arbeiterpartei. Gerne wird auch die offene Bomberjacke links und rechts neben N und D angenäht.

Seit Ende der 90er-Jahre versucht die Marke ihr Image auf dem deutschen Markt zu polieren. Jetzt läuft die Kampagne "Lonsdale loves all Colours": Mit farbigen Models oder etwa dem Sponsoring des Christopher Street Days in Köln will Lonsdale weg von der Glatzkopf-Szene.

"Say no to racism" - na und?

Der Düsseldorfer Kreisligafußballklub "African United", ein von Schwarzafrikanern ins Leben gerufener Verein, trabt komplett in Lonsdale verpackt über den grünen Rasen. In den "neuen Bundesländern" sponsert Lonsdale antirassistische Organisationen wie das "Netzwerk Sachsen" oder "Augen auf!". Auch der in Berlin geborene ghanesische Medienstar Detlef "D!" Soost grinst für Lonsdale.

"Die versuchen, unseren braunen Kunden einen reinzuwürgen", lacht der Verkäufer im "Doorbreaker" mitten im Einkaufsparadies Linden-Center, Berlin-Hohenschönhausen. Ein "Lonsdale loves all Colours"-Plakat hängt hier nicht; der Ausländeranteil in dem Krisenstadtteil beträgt weniger als ein Prozent. Man amüsiert sich über die Kampagne. Rechts sein, rechte Mode ist hier längst gesellschaftsfähig.

Im "Doorbreaker" hängen auf jeden Fall noch Lonsdale-Shirts griffbereit neben markenrechtlich beim Patentamt geschützten Neonazi-Trendmarken wie Walhall oder Masterrace; die Schriftzüge sehen einander verblüffend ähnlich. Hinter den als Trendsetter für die rechte Szene aufgemachten Klamottenvertrieben stecken handfeste wirtschaftliche Strukturen.

Die Rechten sorgen für Umsatz. Michael Weiss vom "Antifaschistischen Pressearchiv - apabiz": "Mit legal erworbenen Marktanteilen etabliert sich die rechte Konsumgesellschaft nicht nur in der Warenwelt."

Rechte Fashion-Victims

Es ist vorbei mit dem Abgrenzungsimage, das die rechten Marken noch vor wenigen Jahren umgeben hat. Michael Weiss sieht zwei Trends: Da ist einmal der leger-poppige Neonazi, vom klassischen Skinheadlook längst weit entfernt, auf Shopping-Tour durch seine rechte Boutique. Beunruhigend findet Weiss, dass es kaum noch Berührungsängste anderer Szenegänger mit rechter Symbolik gibt.

Der Geschäftsmann und Szene-Aktivist Franz Glasauer, ehemaliger Abnehmer von Lonsdale aus Landshut, ist zwar mit seinem Label Consdaple am Patentamteintrag gescheitert. Das Kürzel NSDAP auf der Brust, da sagte der Verfassungschutz "Stopp"! Trotzdem läuft Glasauers Patria-Versand prächtig. Übers Internet gibt es Kleidung für die ganze Nazifamilie: Die lieben Wikingerkinder tragen Streifenpolo mit Runenzeichen, die Mutti, ganz poppige Rechtsrockerin von heute, schmückt ein knappes "Skingirl"-Top und der Herr Vater mischt accessoiresicher seine Herrenrassenkleidung per runenbesticktem Baseballcap auf.

Modischer Crossover in der Disse

Der Pressesprecher des Berliner Verfassungsschutzes, Claus Guggenberger, sieht eine neue Tendenz im rechten Milieu: die Chamäleon-Taktik. Rechte Mode ist nicht mehr klar zu unterscheiden, sie ist ganz einfach trendiger. Auch Michael Weiss findet, dass die Naziszene ihre Eindeutigkeit verloren hat. "Viele Neonazis sind nicht mehr als solche zu erkennen: Sie fallen in den Dorfdiscos kaum auf. Wenn heute ein Hardcore-Fan Neonazi wird, dann schneidet er sich nicht mehr den Ziegenbart ab und die Piercings bleiben." Die modischen Codes werden ohne Scheu gemischt.

Auch auf den Katalogseiten der "Blood & Honour"-Nachfolge-Versände wünscht man zwischen Poplifestyle und Anglizismen einen guten Start ins Kampfjahr 04: Hier rekeln sich waschblonde Girlies in Bauchtanzpose; die deutsche Frau trägt keine Bluse, sondern knappe Tops mit fliegenden 8-Balls Billardkugeln. Und auf der Internetseite beim Musik- und Bekleidungsversand "Endzeit" heißt es zum Thema Unternehmensphilosophie: "Als erstes bieten wir euch eine Produktlinie mit einem dezenten Bruststick, was eine gewisse Art von 'Gesellschaftsfähigkeit' gewährleistet." Nazistyle goes Mainstream.
Silke Kettelhake ist fluter-Redakteurin.

Foto: © Lonsdale UK



www.bpb.de/Rechtsextremismus
Der Schwerpunkt der bpb zum Thema Rechtsextremismus: Bücher, Interviews, Filme. Denn: "Fremdenfeindliche Übergriffe und Aufmärsche neonazistischer Organisationen reißen nicht ab. Zugleich scheint ein alltäglicher Rassismus um sich zu greifen - Polenwitze und antisemitische Schmierereien an Gedenkstätten sind Beispiele hierfür."

www.apabiz.de
Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e. V.

www.berlin.de
Der Berliner Verfassungsschutz veröffentlicht in nächster Zeit den Verfassungsschutzbericht für 2003

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