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Kleine Frau, was nun?

Die Probleme der Unternehmerin Muni Uddin

1.9.2004 | Jan Joswig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Eine No-Name-Windjacke aus dem Supermarkt, auf der außen "Kidz have more fun" steht und innen "Made in Asia". Made in Asia? Langweiliger Durchschnitt? Du ahnst gar nicht, was für Schicksal du mit dir herumträgst. Zum Beispiel das von Frau Uddin.

Es war 1997, zwei Jahre nach dem Beitritt Bangladeshs zur World Trade Organisation (WTO), als Frau Uddin eine Textilverarbeitungsfabrik mit 40 Arbeiterinnen in einer von Bangladeshs Freihandelszonen übernahm. Das war der Einstieg in eine viel versprechende Branche. Denn Bangladeshs Textilwirtschaft profitierte von den internationalen Quotenregelungen zur Ausfuhr von Textilien.

Frau Uddins Chance?

Seit 1994 schützen sich die Industrieländer wie Deutschland und die USA gegen Importe aus den Billiglohnländern Asiens, Südamerikas oder des ehemaligen Ostblocks. Sie beschränkten die Einfuhrmenge durch eine Quote, die im "Multi-Fibre Agreement" verankert wurde. Ein Land mit enormem Entwicklungspotenzial wie China wurde dadurch in seinem Expansionsdrang behindert. Aber die "Least Developed Countries" (am geringsten entwickelten Länder) wie Bangladesh oder Sri Lanka waren wegen ihrer miserablen Ausgangslage von der Quotenregelung befreit und konnten im Schutze dieser Protektion ihre Wirtschaft vergleichsweise stark ausbauen.

Das ist ein Trumpf, dachte sich Frau Uddin und ärgerte sich nicht allzu sehr darüber, dass seit 1995 die Einhaltung des Kinderarbeitsverbotes in Bangladesh strengstens überwacht wird. Eigentlich vertritt sie ja den Standpunkt, wenn Bangladesh schon kaum eigene Rohstoffe hat, keine Maschinen zur Textilverarbeitung selbst produziert, also Material aus dem Ausland zu den Bedingungen des Auslands beziehen muss und dadurch gegenüber autarkeren Ländern benachteiligt ist, dann sollte man wenigstens die kostengünstige Kinderarbeit nicht aufheben. Aber, na gut, Kinderarbeit ist international geächtet und schadet dem Ruf Bangladeshs, also beugt sie sich und stellt niemanden unter 14 Jahren ein.

Warum ab 2004 in den Freihandelszonen Bangladeshs Gewerkschaften tätig werden dürfen, kann
sie allerdings nicht so ganz einsehen. Ihre 40 Arbeiterinnen haben es doch gut: Es gibt Ventilatoren in der Wellblechhalle, während der Menstruation müssen die Frauen nur 8 statt 16 Stunden täglich arbeiten und fehlerhafte Stücke zieht sie ihnen nicht vom Lohn ab.

Frau Uddin baute eine gut funktionierende Geschäftsbeziehung zu einer Agentur auf, die im Auftrag einer englischen Supermarktskette Kinderkleidung bei ihr schneidern ließ. Zweimal im Jahr kamen die Vertreter der englischen Firma rüber, murmelten irgendeine Beschwerde wegen der schon wieder zugestellten Fluchtwege in ihren Bart, nahmen die Musterschnitte ab, beglückwünschten sie dazu, dass es immer noch keine Versammlungsfreiheit für Arbeiter/innen in Bangladesh gibt, und flogen wieder ab.

Frau Uddins "Non Sweatshop"-Zone

Als Frau Uddin merkte, dass ihre Geschäftspartner ab 2001 immer mehr Economy- statt Business-Flüge buchten, machte sie sich Gedanken. Mehr unbezahlte Überstunden können nicht die einzige Antwort auf die allgemeine Wirtschaftskrise sein. Und am Horizont, Ende 2004, drohte die Aufhebung des Multi-Fibre-Agreements und damit der schützenden Quotenregelung. China oder Indien werden ihr dann vielleicht den englischen Kunden wegfischen, zumal Chinas Textilimporte nach dem Wegfall der Quotenregelung um 50 Prozent steigen sollen.

Aber Frau Uddin gehört nicht zu denen, die den Kopf in den Sand stecken. Spezialisierung ist das Zauberwort, das durch die Branche geistert. Wenn schon Gewerkschafts- statt Kinderarbeit gilt, dann geht sie eben gleich zwei Schritte weiter: Sie modelt ihre Fabrik zur "Non Sweatshop"-Zone um. Die den Arbeits- und Menschenrechten der Industrienationen spottenden Ausbeuterfabriken, "Sweatshops", sind spätestens seit Naomi Kleins Bestseller "No Logo" in die Kritik sozial bewusster Konsumenten geraten - und werden damit auch von den westlichen Auftraggebern, den großen Modemarken, kritisiert, weil sie plötzlich einen Imageschaden befürchten.

Frau Uddin steht vor dem Ruin

Ein führender Konzern wie Puma pflegt sein anti-sweatshop "Fair Trade"-Image und eine kleine T-Shirt-Firma wie American Apparel setzt komplett auf eine "Non Sweatshop"-Identität, um sich gegen die Konkurrenz zu positionieren. Da sieht Frau Uddin ihren Silberstreif. Am 3. Mai 2004 besucht sie eine der Fabriken in Dhaka, die bereits nach "Non Sweatshop"-Maximen geleitet werden.

Plötzlich aber wird Feueralarm ausgelöst, die Arbeiter/innen stürmen zu den Fluchttüren. Aber der Fluchtweg ist versperrt durch Stoffballen - wie in ihrer Fabrik. Von hinten drücken die Arbeiter/innen in unkontrollierbarer Panik. Neun Frauen werden dabei zerquetscht, Frau Uddin überlebt schwer verletzt, sie kann wochenlang nicht arbeiten.

Drei Monate später überfluten und verwüsten gigantische Wassermassen weite Teile Bangladeshs. Die Fabrik von Frau Uddin wird hinweggeschwemmt und völlig zerstört, wie der größte Teil der übrigen Textilfabriken auch. Stoffe sind ruiniert, Maschinen zerstört, Arbeiter/innen obdachlos, Seuchen-geplagt oder ertrunken. Aufträge können gar nicht ausgeliefert werden oder mit so großer Verzögerung, dass die westlichen Auftraggeber ihre Order stornieren. In einem viertel Jahr wird die Quotenregelung aufgehoben. Frau Uddin steht vor dem Ende.

Made in Asia? Langweiliger Durchschnitt? Wohl eher nicht.


Jan Joswig arbeitet als Redakteur für das Magazin De:Bug in Berlin.

Foto: © American Center for International Labor Solidarity / BIGUF


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www.cleanclothes.de
Clean Clothes Campaign - der Kampf für eine "saubere" Kleidung

http://www.wto.org/
Die Welthandelsorganisation im Netz

www.maketradefair.com
Für einen fairen Handel weltweit

www.sweatshopwatch.org
Wie und wo arbeiten die berüchtigten Sweatshops und wo gibt es Alternativen





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