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Black Atlantic

Schwarze Diaspora

13.9.2004 | Christoph Braun | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mit dem Anblick eines Segelschiffes verbinden die meisten Mitteleuropäer ziemlich angenehme Dinge: Sei es die Geschichte der Hanse, das Knutschen an der Mole im letzten Urlaub oder einfach eine bekannte Biermarke - für die mit einem Segeltörn geworben wird. Ein Segelschiff besitzt entweder Museums- oder aktiven Freizeitwert; in jedem Fall gilt es als harmlos. In anderen Regionen der Welt, mit anderen historischen Erfahrungen, sind die Assoziationen zum Segelschiff den mitteleuropäischen geradezu entgegengesetzt.

Der Kulturtheoretiker Paul Gilroy etwa hat 1992 den Begriff "Black Atlantic" geprägt. In seinem gleichnamigen Buch zeigt der Yale-Professor, was das Segelschiff für Afrika bedeutete: Vereinzelt seit dem 16. Jahrhundert, systematisch ab dem 17. Jahrhundert wurden mit ihm Kinder, Männer und Frauen aus Afrika in die Sklaverei geschickt. Über den Ozean - deshalb nennt Gilroy das historische Phänomen "Schwarzer Atlantik". Zunächst wurden die Sklaven auf den Zuckerplantagen als reine Arbeitskräfte missbraucht: Spanien ließ das modische Süßungsmittel auf karibischen Inseln in großem Stil anbauen, Portugal in der Kolonie Brasilien. Später stieg auch England in den Sklavenhandel mit ein.

Ausbeutung als Grundlage der Moderne

Als im späteren US-Bundesstaat Massachusetts Ende des 18. Jahrhunderts die "Baumwollentkernungsmaschine" erfunden wurde, brach auch in der "Neuen Welt" die Zeit der systematischen Sklaverei an. Max Annas weist in "Black Beats", einem neuem Sammelband mit Schlüsseltexten afroamerikanischer Geschichte, auf das fatale Patent hin: "Jetzt war die Tür geöffnet für die hemmungslose Ausdehnung der Plantagen. Keine andere Erfindung ließ den Bedarf an Sklaven so in die Höhe schnellen wie Herrn Whitneys Wundermaschine." Und die Segelschiffe brachten immer neue Sklaven aus Afrika.

Solche Fakten erhärten Paul Gilroys These, dass die westliche Welt des 19. Jahrhunderts ihren Reichtum - also auch ihre Blüte in den Geisteswissenschaften und den Künsten - auf der Grundlage schieren "Terrors" erbeutete. Erst 1863 wurden die Sklaven in den USA offiziell für "frei" erklärt. Es dauerte aber noch über 100 Jahre, bis Afroamerikaner/innen in allen Belangen dieselben Rechte wie weiße US-Amerikaner bekommen. In Südafrika, einer ehemaligen Kolonie der Niederlande, endete das rassistische System der "Apartheid" erst 1994.

In dem Buch "Die Seelen der Schwarzen", einer für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung bedeutenden Essaysammlung, schildert der Afroamerikaner W.E.B. Du Bois die Situation des schwarzen Amerika in der Zeit nach der Aufhebung der Sklaverei. In einer so melancholischen wie bestimmten Sprache kehrt Du Bois immer wieder zu seinem Grundtenor zurück: Die Schwarzen verfügen durch die erlittene Geschichte zwangsläufig über ein "doppeltes Bewusstsein": "Es ist sonderbar, dieses doppelte Bewusstsein, dieses Gefühl, sich selbst immer nur durch die Augen anderer wahrzunehmen, der eigenen Seele den Maßstab einer Welt anzulegen, die nur Spott und Mitleid für einen übrig hat."

Diaspora-Identitäten

Überall, wohin Schwarze verschleppt worden sind, mussten sie sich an einer definitionsmächtigen Bevölkerungsgruppe orientieren. Du Bois selbst konnte als einer der ersten Schwarzen in Europa studieren, unter anderem beim Soziologen Max Weber in Berlin. Er eignete sich die westliche Moderne also gedanklich an, erlegte sich selbst dabei ein extremes "doppeltes Bewusstsein" auf. Seine Teilnahme am Denken der Aufklärung bildete eine Grundlage für jene "schwarze Identität", die Paul Gilroy im Bild des "schwarzen Atlantiks" zeichnet: als "Netz aus Diaspora-Identitäten". Hier taucht das Schiff wieder auf. Denn mit der erlittenen Geschichte einer brutalen Verschleppung verfügten die Schwarzen auf allen Seiten des Atlantik über wirkmächtiges Wissen - ein Erfahrungsschatz, der nicht zuletzt für die Kritik an der westlichen Geschichte des Denkens ermächtigte.

Christoph Braun lebt als freier Autor in Berlin.

Foto: "Paul Gilroy" / Yale University

Paul Gilroy: The Black Atlantic: Modernity and Double-Consciousness (Harvard University Press 1995, vergriffen, gebraucht bei www.amazon.de


Max Annas und Martin Baltes (Hg.): Black Beats
(Orange Press 2003, 15 €)



W.E.B. Du Bois: Die Seelen der Schwarzen
(Orange Press 2003, 24 €)




www.hkw.de
Im Berliner "Haus der Kulturen der Welt" beginnt im September 2004 die Veranstaltungsreihe "Black Atlantic" (bis Mitte November) - mit einem eigenen Radiosender, Musik, Gesprächen, Bustouren, Ausstellungen, Filmen und Lesungen. Die Veranstaltung wurde zusammen mit Paul Gilroy entwickelt

www.testcard.de
Die Zeitschrift beschäftigt sich in ihrer aktuellen Ausgabe ausgiebig mit dem Begriff der "Black Music"

www.isdonline.de
Die "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland" (ISD) will die "Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland vertreten, ein Schwarzes Bewusstsein fördern, Rassismus entgegentreten und die Vernetzung Schwarzer Menschen und ihrer Organisationen und Projekten organisieren."

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