Doris ist das “kunstseidene Mädchen“ – sie lebt in einer Stadt, die unschwer als Köln zu identifizieren ist, es zieht sie in eine weitaus größere Stadt, Berlin. 1932 war Berlin der Inbegriff einer verrufenen, vertrackten, verwirrenden Stadt, einer Stadt, die schrecklich groß, schrecklich schnell und schrecklich isolierend war. Hier konnte man sein Glück machen, hier konnte man es verlieren.
Ein Glanz sein
Doris will aber nicht nur nach Berlin, sie muss auch. Ihren Sekretariatsjob hat sie geschmissen, eine kleine Rolle am Theater ebenfalls, denn alles bedrängt sie. So stiehlt sie einen Pelzmantel, leiht sich von einer Freundin Geld und flieht in die Hauptstadt. Sie will ein “Glanz“ werden, eine schöne, edle Frau, die nicht nur von Anwaltsgehilfen und Kleinschauspielern, von Kneipenbekanntschaften und Halbkriminellen begehrt wird. Sie will etwas sein. Sie will sein, was sie sich von sich erträumt.
Doris endet auf dem Wartesaal im Bahnhof Friedrichstraße, dort, wo sie ankam in Berlin. Der Roman lässt offen: Geht sie zurück nach Köln oder nicht, wird sie die Gattin eines kleinen Handwerkers oder eine Hure? Es ist egal; denn in dem Roman “Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun geht es weniger um die Naivität eines jungen Mädchens, dass ihren Träumen nachhängt. Doris meint: “Es ist gut, wenn ich unglücklich bin, denn wenn man glücklich ist, kommt man nicht weiter. Das habe ich gesehen an Lorchen Grünlich, die heiratete den Buchhalter von Gebrüder Grobwind und ist glücklich mit ihm und schäbigem Pfeffer- und Salzmantel und Zweizimmerwohnung und Blumentöpfen mit Ablegern und Sonntagsnapfkuchen und gestempelten Papier, dass ihr der Buchhaltrige gestattet, um nachts mit ihm zu schlafen, und einen Ring.“
Schlimm verliebt Diesen kritischen Blick auf die Ehe der kleinen Leute verliert sie nicht. Sie kennt etwas anderes. Denn Doris kannte den Studenten Hubert, den einzigen ihrer vielen Liebhaber in Köln, den sie wirklich geliebt hat. In Berlin trifft sie, die ständig davon lebt, von Männern ausgehalten zu werden, auf Ernst, einen “Gebildeten“, der seiner früheren Gattin nachtrauert, sie zunächst ignoriert - und gerade darum gut behandelt. Dieses Gutbehandeltwerden, dieses Gutleben, dieses Sanftangesprochensein liebt Doris. Und so liebt sie bald auch, nach einer langen Gewöhnungsphase, den Ernst, liebt ihn so sehr, dass sie ihn verlässt, als er, obschon er sich in Doris verliebt, seine Frau nicht vergessen kann. Sie liebt Ernst sogar so sehr, dass sie ihm die Ex-Gattin zurückholt.
Ernst weiß diese Liebe nicht zu schätzen. Ihm gefällt Schubert, ihr gefällt fast jeder Schlager. Seine “liebe kleine Doris“ ist nicht mit ihm auf Augenhöhe. Er nimmt sie hin und er mag sie - doch er schätzt Doris nicht für das, was sie ist. Doris ist ihm Ersatz für seine Frau: Kunstseide statt Seide.
Die Autorin Keun weiß, worüber sie schreibt. Zunächst war sie, die in einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen ist, Schreibkraft im Betrieb ihres Vaters, lernte also auch die heimlichen Träume ihrer Kolleginnen kennen. Und war dann, bis an ihr Lebensende, auch nicht mehr für großbürgerliches Gehabe zu gewinnen. Nach einer kurzen Laufbahn als Schauspielerin wurde sie 1931 mit 26 Jahren, dank ihres ersten Romans, “Gilgi, eine von uns“, berühmt. Das Buch wurde schnell ein Bestseller. Der Folgeroman, “Das kunstseidene Mädchen“ (1932) verkaufte sich noch mal so gut. Alfred Döblin, Kurt Tucholsky und andere lobten sie überschwänglich: Die Keun war ein literarischer Star.
“Antideutsche“ Mädchen Die Nazis, die ein Jahr nach Erscheinen des zweiten Romans die Macht an sich rissen, erkannten recht schnell, dass die Keun’schen Bücher von “antideutschen Tendenzen“ geprägt waren und junge Frauen präsentierten, die das Gegenteil des Hitler-Mädel-Ideals waren. Die Keun-Mädchen waren, bei aller Naivität, stolze und selbstbewusste Frauen, die sich auch in der hitzköpfigsten Liebe nicht verloren, die schön waren, gewitzt, zielsicher und nicht von Männern abhängig. Irmgard Keun emigrierte 1935 nach Holland. An ihren Gatten, der sich den Nazis andiente, schrieb sie aus dem Exil: “Schlafe mit Juden und Negern. Lass dich endlich scheiden. Irmgard!“
Nachdem die Niederlande von den Deutschen überfallen wurden und viele ihrer Freunde starben, kehrte sie, die als tot galt, nach Deutschland zurück und versteckte sich bis Kriegsende bei Freunden. In der Nachkriegszeit konnte sie an die alten Erfolge nicht anknüpfen. Ihren grandiosen, im Exil veröffentlichten Roman “Nach Mitternacht“ etwa wollte das deutsche Publikum nicht lesen. Irmgard Keun schrieb ab und an, jedoch zunehmend gehemmt. Und der Alkohol, zu dem sie griff, um der Wirklichkeit zu entfliehen, wie man so beschönigend sagt, machte es nicht besser.
Humor und Stil Erst spät wurde Irmgard Keun wieder von einem großen Publikum entdeckt. Da war sie durch Alkoholabhängigkeit und Misstrauen schon so frustriert, dass sie einen neuen Roman nur noch ankündigte, aber nicht mehr schrieb. Unterkriegen ließ sie sich aber nicht: “Jammern ist nicht meine Sache.“
Irmgard Keun starb 1982. Das fünfzig Jahre zuvor erschienene “Kunstseidene Mädchen“ ist noch immer wichtig, vielleicht sogar noch ein wenig wichtiger als vor ein paar Jahren; in Zeiten, in denen die Schere zwischen Arm und Reich wieder so weit aufklafft. Denn der Roman zeigt detailgenau, in welche Rolle junge Frauen aus der Unterschicht und der unteren Mittelschicht gedrängt werden, und zeigt auch, wie sie dem begegnen können. Deshalb bietet er auch kein dummes Happy End. Gerade weil Doris nicht in einer “billigen“ Ehe Erfüllung findet, gerade weil sie weiterkämpfen muss, werden auch die Leser/innen nicht erlöst. Eine solche Geschichte ändert sich erst, wenn die Verhältnisse aktiv geändert werden.

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (List Verlag 2004, 7.95 €)
Mehr von Irmgard Keun:
“Gilgi, eine von uns“, “Nach Mitternacht“ und “Kind aller Länder“, alle in den letzten Jahren im List Verlag neu erschienen.
Jörg Sundermeier schreibt unter anderem für die tageszeitung und die Jungle World.
www.hypies.de/hallfame/keun/keun.html Hier findet sich unter anderem ein Ausschnitt aus “Das kunstseidene Mädchen“
www.fembio.org/frauen-biographie/irmgard-keun.shtml Ausführliche Biographie von Irmgard Keun
www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/sachlichkeit/ Mehr über die Kunst- und Literaturepoche “Neue Sachlichkeit“ auf der Seite des Deutschen historischen Museums
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