Studiare statt studieren, exams statt Klausuren, restau-u statt Mensa. Immer mehr deutsche Studenten lernen den internationalen Unialltag kennen. Ob Italien, England oder Frankreich - von den gut zwei Millionen Hochschülern gehen nach Angaben des Statistischen Bundesamts jährlich über 50.000 in Ausland. Die deutschen Studenten werden immer mobiler.
Katja Usunow ist eine der 50.000. Die 24-jährige Raumplanungsstudentin lebt für ein Jahr in Italien. Erst ging es zum Sprachkurs in die Toskana, dann hat sie an der Uni in Rom studiert und jetzt macht sie noch ein Praktikum in Palermo. Katja möchte durch das Auslandsjahr vor allem ihren Horizont erweitern. "Und es macht sich natürlich gut im Lebenslauf. Sowohl der Aufenthalt als auch die Sprache." Für sie war schon im ersten Semester klar, dass sie nicht nur in Deutschland Scheine sammeln würde: "An der Uni wurde ich nämlich mit den Worten begrüßt: 'Ein Raumplaner ohne Auslandserfahrung ist kein Raumplaner.'"
Auf eigene Faust
So einen Satz hört zwar nicht jeder "Ersti", doch Franz Piesche-Blumtritt vom europäischen Arbeitsinformationsservice der Bundesagentur für Arbeit sagt: "Ein Auslandssemester ist inzwischen oft selbstverständlicher Bestandteil der universitären Ausbildung." Heutzutage gehen nach den Zahlen des Statistikamts fast dreimal so viele Studenten weg wie noch vor zwanzig Jahren. Und jedes Jahr machen sich ein paar tausend mehr auf den Weg. Allerdings kennt niemand die exakten Daten, denn bei der großen Zahl an Austausch-Organisationen und Stipendienprogrammen hat selbst der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) keinen genauen Überblick. Viele Studenten ziehen auch auf eigene Faust los und tauchen in keiner Statistik auf.
Was die angehenden Betriebswirte, Ingenieure und Informatiker an ausländische Unis treibt, liegt für Piesche-Blumtritt auf der Hand: "Wer interkulturelle Kompetenz erwirbt, mit anderen Nationalitäten und Mentalitäten umgehen kann, hat gute Job-Chancen bei großen Unternehmen." Siegbert Wuttig, Referatsleiter für EU-Austauschprogramme beim DAAD, bestätigt: "Arbeitgeber erwarten heute so ein Qualifikationsprofil: Mobilität, Flexibilität, Sprachkenntnisse."
Genau diese Fähigkeiten gewinnt man im Ausland, findet der Dortmunder BWL-Student Christian Mathé. Er studiert für ein Semester im spanischen Oviedo: "Wer mobil ist, ist gleichzeitig flexibel, weil unterwegs ein Haufen unvorhergesehener Sachen passiert, mit dem man klarkommen muss." Vieles wird zur Herausforderung: Wohnung suchen, Stundenplan organisieren, den billigsten Supermarkt finden, die besten Partys.
Wenn alles gut läuft
Christian ist mit dem Erasmus-Programm nach Spanien gegangen. Das ist in Deutschland der "größte Motor für Hochschulmobilität", so Siegbert Wuttig. Erasmus ist ein von der EU finanziertes Programm, das den Austausch von Dozenten und vor allem von Studenten in Europa fördert. Jeder Erasmus-Student bekommt ein "Mobilitätsstipendium" von etwa 100 Euro im Monat, außerdem fallen eventuelle Studiengebühren weg. Die ausländischen Scheine werden an der Heimatuni angerechnet. Zumindest, wenn alles gut läuft.
An deutschen Hochschulen ist Erasmus ein "Riesenerfolg", so Franz Piesche-Blumtritt. Etwa 21.000 Studenten waren im Hochschuljahr 2003/2004 mit Erasmus im Ausland, nur in Frankreich gab es mehr Teilnehmer. Hierzulande gibt es die höchsten Zuwachsraten bei dem EU-Programm, um die zehn Prozent pro Jahr. "Erasmus ist eine Marke geworden, es wird gleichgesetzt mit europäischer Mobilität", sagt Siegbert Wuttig. Und die soll noch weiter gesteigert werden. Bis 2011 will die EU europaweit drei Millionen junge Leute mit Erasmus in Bewegung gebracht haben. Das sind dreimal so viele wie heute.
Ankommen und dableiben
Die Ziele sind ehrgeizig, weil hinter Erasmus und Co auch politische Motive stecken. "Es geht darum, dass Bürger sich treffen, miteinander kommunizieren, sich verstehen", erklärt Wuttig. Diese sprachliche und kulturelle Annäherung hat Journalistik-Studentin Jennie Theiß geschafft. Sie studiert gerade mit dem DAAD-Programm "Go East" in Litauen. Nach fünf Monaten versteht Jennie nicht nur endlich den Busfahrer besser, sondern das ganze Land. "Billiglöhne, Ostblock, Europas Armenhaus - Solche Vorurteile habe ich hinter mir gelassen, weil sie der Wirklichkeit nicht gerecht werden", sagt sie inzwischen.
Auf lange Sicht soll der Studenten-Austausch in Europa auch die Mobilität in der Arbeitswelt verbessern. Die Freizügigkeit der EU-Bürger könnte so Realität werden: "Wer im Ausland studiert hat, überlegt sich eher, dort später einmal zu arbeiten", sagt Franz Piesche-Blumtritt. Bei Raumplanerin Katja scheint diese Rechnung aufzugehen. Nachdem sie erlebt hat, wie man in Italien wohnt, isst, diskutiert, feiert und arbeitet, fühlt sie sich dort zu Hause: "Ich kann mir auch durchaus vorstellen, mein Leben hier zu leben."
Sonja Leister studiert Journalismus in Dortmund.
www.europaserviceba.de
Infos zum Studium in Europa von der BA, hier arbeitet Franz Piesche-Blumtritt.
www.eu.daad.de
Infos des DAAD zum Erasmusprogramm
www.europa.eu.int Infos der EU zu Erasmus, sehr ausführlich
www.daad.de Rundum-Infos des DAAD zum Studium im Ausland: Stipendien, Kooperationspartner, Auslandsbafög etc.
www.wissenschaft-weltoffen.de Daten und Fakten zu deutschen Studenten im Ausland und zu ausländischen Studenten hier, das Problem: Die Zahlen zu Deutschen im Ausland sind veraltet, sie stammen von 2001.
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