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Jobnomadin

Wie es ist, ständig neu anzufangen

13.6.2005 | Heinrich Geiselberger | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Heute soll man mobil und flexibel sein. Anna zur Brügge (26) erzählt, wie es sich anfühlt, ständig in andere Städte umzuziehen.

Wenn man viel unterwegs ist, kann es vorkommen, dass der Körper den Kopf überholt. Das merkt man an den Details. Ich bemühe mich zum Beispiel immer in Tübingen "Weckle" zu sagen, in Berlin "Schrippe", in München "Semmel". Aber manchmal komme ich durcheinander und bestelle auf dem Viktualienmarkt ein Leberkäs-"Weckle" und die Leute schauen wieder komisch.

Vielleicht haben mich meine Eltern unbewusst für diese Herausforderungen erzogen. Als ich noch klein war, haben wir in Versailles gewohnt und ich war auf einer zweisprachigen Schule. Mein Vater hat in Paris für eine amerikanische Firma gearbeitet. Zwar auch im Ausland, aber immerhin war er vom Examen bis zur Rente beim gleichen Arbeitgeber. Meine Eltern sind noch nicht so richtig rumgehoppelt, aber heute ist das eben absolut notwendig, wenn man auf Jobsuche ist. Und Frankreich hat mich darauf vorbereitet.

Als ich 13 war, sind wir nach Tübingen umgezogen. Das war der erste von sechs Umzügen. Wenn man mich heute fragt, wo ich herkomme, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Wenn ich sage, aus Frankreich, dann sagen die Leute: "Die dekadente Kuh." Wenn ich sage, aus Tübingen, dann fällt auf, dass ich keinen schwäbischen Akzent habe. Und oft war ich auch nicht in Tübingen. Ich hatte schon in der Schule einen Freund in einer anderen Stadt.

Natürlich hatte ich damals einen Traumberuf. Ich wollte am liebsten Geographie oder Meteorologie studieren. Aber wenn man nicht gerade die Wettermaus im Fernsehen wird, ist das ja eher brotlose Kunst. Da bin ich doch Pragmatikerin. Ich wollte was studieren, was mich weiterbringt, womit ich nachher einen Job bekomme, der Kohle bringt, damit ich unabhängig bin. Also sind nur Jura und Wirtschaft übrig geblieben, und Jura liegt mir nicht. Ich habe mich dann in Mannheim beworben, weil das für Wirtschaftswissenschaften die beste Uni war.
Die ZHS hat mich aber nach Freiburg geschickt. Die ZHS hat mir damit zum ersten Mal klargemacht, dass man es nicht immer selbst in der Hand hat, wo man landet. Nach dem Vordiplom habe ich mich entschlossen, in die USA zu gehen. Wirtschaft studieren viele. Wenn du nicht noch eine Extra-Qualifikation hast, haste wenig Chancen bei den Personalchefs. Einen MBA hat nicht jeder und weil ich schon Französisch konnte, wollte ich an meinem Englisch arbeiten. Ich hätte auch nach Australien gehen können, aber da wäre ich wahrscheinlich mit einer kaputten Leber und einem kleinen Hirn wiedergekommen.

So bin ich also nach Fort Worth in Texas. Am Anfang hatte ich nur meinen Laptop, mein Bett habe ich da von einem Professor geschenkt bekommen. Als ich in den USA angefangen habe, habe ich mir gesagt: Die nächsten zwei Jahre heißt es Augen zu und durch! Mit war klar, dass ich in den USA kein Studentenleben mehr haben würde wie in Deutschland. 6 Wochen lernen und dann 17 Wochen feiern geht in Amerika nicht. In den USA ist ein Tag mit 24 Stunden oft nicht genug. Morgens hatte ich Uni. Nachmittags hatte ich zwei verschiedene Jobs. Abends habe ich gelernt, Aufsätze geschrieben oder Präsentationen vorbereitet. In Amerika freut man sich als Student auf den Beruf, weil man weiß, dass man dann endlich Feierabend hat.

Nach dem Studium erst mal Praktika

Nach meinem Abschluss im Sommer 2003 bin ich wieder nach Deutschland. Bei der Ausreise hatte ich genau ein Stück Gepäck mehr als bei der Einreise - ein neues Fahrrad. Danach habe ich in drei verschiedenen Städten gearbeitet: In Stuttgart habe ich ein Praktikum bei einem Automobilkonzern gemacht, in Berlin bei einer IT-Beratung. Leider haben sie mich bei beiden Firmen nicht übernommen, dafür kam dann das Angebot von einem Autozulieferer aus München. Seit Februar bin ich jetzt bei der Firma und mache Finanzen.

Die Umzüge waren nicht besonders stressig, weil ich immer noch nicht viele eigene Möbel habe. Alle meine Sachen passen in meinen alten Jeep. Ich versuche, in WGs zu ziehen, weil da immer schon viel da ist. Außerdem hat man dann auch gleich eine Anlaufstelle. Man ist am Anfang nicht allein und lernt die Freunde von den Mitbewohnern kennen. Das Problem ist nur, dass man immer nur irgendwie mitgenommen wird. Bis man wieder einen gewachsenen Freundeskreis hat - das dauert länger. Aber ich bin auch in dieser Hinsicht kompromissbereiter geworden. Dabei habe ich ja viele alte Freunde, aber ich wohne eben nicht mit denen an einem Ort. Ich habe Leute kennen gelernt, die jetzt in Vietnam arbeiten, in Chile, Boston oder in San Francisco. Ich kann also immer jemanden besuchen und außerdem halten wir über Messenger den Kontakt. Man muss sich das vorstellen: Ich habe in München eine sehr gute Freundin, die ich in Fort Worth kennen gelernt hatte. Dabei haben wir vorher beide in Freiburg studiert und sie hat eine Straße weiter gewohnt. Aber getroffen haben wir uns in Amerika!

Abschiedsschmerz und Fernweh

Flexibilität ist heute für den Beruf unglaublich wichtig. Natürlich hat man bei jedem Chef einen Bonus, wenn man sich schnell eingliedern kann, wenn man schnell mit neuen Herausforderungen zurechtkommt. Als ich das Praktikum in Berlin gemacht habe, war ich selbst im Recruiting und ich habe viele Bewerbungen gesehen von Leuten mit guten Noten und mit tollen Praktika. Aber das reicht nicht, wenn die dabei immer zu Hause gewohnt haben und Klausuren die schwierigsten Situationen waren, die die bisher erlebt haben. Ich habe durch die Zeit in Amerika heute das Gefühl, dass kommen kann, was will: Das ist alles Kindergeburtstag.

Natürlich kommt es vor, dass ich bei einem Abschied Rotz und Wasser heule. Und wenn ich heute nach Tübingen komme, sagen alle: "Schau, da kommt die Weltenbummlerin, mal sehen, wie lang sie dieses Mal bleibt." Ich habe mir ja nicht vorgenommen, Weltenbummlerin zu werden. Aber ich bin jetzt gerade mal drei Monate in München. Wenn ich jetzt sonnabends weggehe und mit jemandem rede, der an irgendeinem Ort war, den ich noch nicht kenne, dann werde ich gleich wieder neidisch und bekomme Fernweh.

(aufgezeichnet von Heinrich Geiselberger)


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Generation Praktikum - wie ein Begriff Karriere macht

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Wir müssen draußen bleiben. Müssen wir wirklich?

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