Marzahn-Hellersdorf, an der Grenze zu Brandenburg: Die Wohlsituierten ziehen weg, die unteren Einkommensschichten nach. Hier leben in den Plattenbauten 255.000 Menschen, darunter sind etwa 55.000 Kinder und Jugendliche. Die Anzahl von Jugendlichen, die durch das Jugendamt betreut werden, ist relativ hoch, mit steigender Tendenz. Besonders im Trend: Schule schwänzen.
Den Stimmbruch hat er hinter sich, das war in dem Jahr, mit 15, als er nicht mehr zur Schule gegangen ist. Tony trabte morgens wie immer aus dem Haus – aber vor der Schule machte er die Biege. Irgendwie passte er da nicht mehr rein in die Schultür. Abschlüsse machen, Klausuren schreiben, das schaffen, was die anderen scheinbar mit links können, die Eintrittskarte ins Leben erreichen mit dem Ziel der Klasse: Regelrecht schlecht wurde ihm bei dem Gedanken an Schule. Der kalte Schweiß brach ihm aus, die Hände zitterten. Dann lieber versuchen, in der Lüge zu Hause zu sein. Doppelleben. Die Zeit totschlagen und sich selbst auch ein bisschen. Nicht wissen wohin mit sich, im Center rumlaufen ohne Geld in der Tasche. "Na ja, langweilig war´s schon", sagt Tony. Dann ist er halt als der Kleinste und Schmalste in der Gruppe mit ein paar Kumpels zu Saturn gegangen, Games ausprobieren oder Musik hören. Die Schlingen der Einsamkeit und der Verzweiflung zogen sich immer enger.
Prinzip Hoffnung
Irgendwann bekam er Wind von dem Projekt "Coole Schule" an der Jean-Piaget-Schule inmitten der Hellersdorfer Plattenbauten, in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und dem Jugendhilfeträger Tandem. Die Jean-Piaget-Schule ist die viertgrößte Hauptschule Berlins. Tony hat`s kapiert, seine Familie kann aufatmen: Schule schwänzen macht alles kaputt. Hier in der "Coolen Schule" können Jugendliche nicht nur wieder lernen, zur Schule zu gehen. Wichtig ist auch der Praxisbezug: Mittwoch ist schulfrei, da ist Praktikum angesagt. Tony will IT-Systemadministrator werden, sein Praktikum absolviert er in einem Computerladen. Und bastelt zu Hause an der eigenen Homepage.
Schuldistanziert
Ein Jahr Zeit zum Luftholen haben die Jugendlichen während des neunten oder zehnten persönlichen Schuljahres, dann ist er hoffentlich nicht mehr so groß, der Horror vor dem Unterricht. In der Sprache der Pädagogen heißt das: Schulverweigerung, -müdigkeit, -abwesenheit, -verdrossenheit, vermeidendes Verhalten, kurz: Schule schwänzen. Kennt irgendwie jeder, das Gefühl, ich geh' da jetzt nicht mehr hin. Wenigstens heute. Nur, dass aus dem heute dann manchmal mehr als ein Jahr wird. Mädchen, so sagt die Forschung, schwänzen angeblich häufiger, aber kürzer, Jungs schwänzen dafür länger. Die Gründe fürs Langzeitwegbleiben sind allerdings kaum erforscht. 50 Prozent haben noch nie geschwänzt, 20 Prozent tun´ s gelegentlich. Und manche bleiben gleich ganz weg. 300 bis 500.000 "schuldistanzierte" Jugendliche werden von der Bürgerstiftung Berlin genannt. Die Bürgerstiftung Berlin hat vor rund fünf Jahren als eine der ersten Institutionen in Berlin Schulverweigererprojekte initiiert. Die Betreuung durch Sozialpädagogen und Lehrer funktionierte: 70 Prozent kehrten nach sechs bis zwölf Monaten in den Regelunterricht zurück.
Im Testballon
Ähnlich erfolgreich läuft das Projekt "Coole Schule": Rosalie will sogar studieren, ungefähr 60 Prozent besuchen anschließend berufsqualifizierende Maßnahmen, rund 30 Prozent schaffen die Regelklassen. Viele davon machen einen Hauptschulabschluss. Immerhin, Lehrerin Ingrid Specht und ihre zwei Sozialpädagogen sind stolz auf die etwa zehn Jugendlichen. Es gibt einen Unterrichtsraum, eine Küche und einen Gemeinschaftsraum, bei dessen Betreten alle die Schuhe ausziehen. Freiwillig. Denn dafür, wie es hier aussieht, sind sie selbstverantwortlich, sagt die Lehrerin mit den lustigen braunen Augen. "Jeden Morgen gibt es erstmal Frühstück für alle", so Specht. "Viele kommen mit leerem Magen in die Schule." Die Jugendlichen stammen aus ganz unterschiedlichen Familien. Denen eins gemeinsam ist: das Auseinanderbrechen, "vielschichtige Probleme im familiären Alltag", benennt Ingrid Specht.
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