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"Mit dem Bauch entschieden"

Wie geht es in Europa jetzt weiter?

2.6.2005 | Jost Kaiser | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Frankreich sagt "Non", die Niederlande sorgen mit einem "Nee" für eine weitere Niederlage. Jetzt fragt sich ganz Europa, wie es weitergehen soll mit der ambitionierten Idee einer gemeinsamen EU-Verfassung. Wir sprachen mit Peter Becker, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin.

Herr Becker, die EU-Verfassung ist in Frankreich und in den Niederlanden gescheitert. Ist das Vorhaben endgültig am Ende? Wie geht es weiter?

Es gibt zwei Ebenen: die politische und die rechtliche. Europarechtlich ist es so, dass alle 25 Mitgliedsstaaten den Verfassungsvertrag ratifizieren, also anerkennen müssen. Das ist nicht erfolgt. Solange das nicht der Fall ist, gilt der Vorgängervertrag, also der Vertrag von Nizza. Jetzt muss es politisch weitergehen. Und dafür existieren ja Vorbilder: Es gab ja schon gescheiterte Referenden, so hat etwa Irland den Vertrag von Nizza abgelehnt, weil die Abtretung außen- und sicherheitspolitischer Souveränität den Iren zu weit ging. Also hat man den Iren da Zugeständnisse gemacht und die haben bei einer neuen Abstimmung schließlich zugestimmt. Genauso die Dänen: Die wollten ihre Währung behalten, also haben sie bis heute keinen Euro. Genauso könnte es in Frankreich und den Niederlanden laufen: Zugeständnisse machen und noch einmal abstimmen lassen.

Aber in der EU-Verfassung ging es um Grundwerte. Wo soll da der Kompromiss herkommen?

Das ist das große Problem. Der Vertrag von Nizza und der von Maastricht hatten souveräne nationale Rechte auf die europäische Ebene verlagert. Da konnte man verhandeln. Der Verfassungsvertrag sollte aber ein Wertefundament und neue Verfahren bei der Abstimmung in der EU etablieren. Da kann man jetzt keine Zugeständnisse machen, nach dem Motto: Da müsst ihr nicht mitmachen. Es wird kaum möglich sein zu lokalisieren, was den Franzosen oder den Niederländern nicht gepasst hat: Es gab Nein-Sager bei der Rechten wie bei der Linken und so gibt es kaum eine Handhabe, den Verfassungsvertrag so zu ändern, dass schließlich doch noch zugestimmt wird.

Wenn sich nicht einmal kulturell und mental sich nahe stehende Länder auf gemeinsame Werte einigen können, welches Licht wird dann damit auf die EU geworfen?

Die Holländer und Franzosen haben mit dem Bauch entschieden, es war so ein Unwohlsein: Wo will die EU überhaupt hin, bekommen wir die totale Bürokratisierung, müssen wir zu viel nationale Souveränität abgeben und wo finden wir uns in dem erweiterten und vertieften Europa wieder? Das wurde nicht hinreichend deutlich. Das muss in Zukunft deutlicher werden.

Bedeuten die Abstimmungen das Aufleben von Nationalismus? Haben wir die Idee "Europa" überschätzt?

Ich denke, nein. Es gibt aber ein Problem. Europa wird sehr stark konsumiert: Man genießt die grenzenlose Reisefreiheit, die Möglichkeit in ganz Europa zu studieren, die Möglichkeit mit einer Währung zu bezahlen, wenn man in den Urlaub fährt. Das sind Vorteile, die man einfach so mitnimmt, aber nicht "Europa" gutschreibt. Das Negative wird hingegen immer "Brüssel" zugeschrieben - siehe "Teuro"-Debatte. Das Zweite ist die fehlende Identität. Denn Nationalstaaten bieten immer noch Geborgenheit - die EU aber löst konkrete Angst aus, etwa wenn es um die Osterweiterung und die Folgen für die Arbeitsmärkte geht. Die EU kann aber diese nationale Identität nicht ablösen, schließlich wollen wir ja keinen EU-Bundesstaat, sondern eine Mischung aus Bundesstaat und Staatenbund.

Die EU-Verfassung hat 448 Artikel, das Grundgesetz nur 146. Eine Verfassung soll prägnant und knapp sein. Bestätigte dieses Mammutwerk nicht alle Bedenken gegen Europa als Bürokratenparadies? Warum reichten nicht auch 150 Artikel?


Man muss eines sehen: Es ging nicht um eine dem Grundgesetz ähnliche Verfassung, sondern um einen Vertrag, eben einen Verfassungsvertrag. Das ist eine zweischneidige Sache. Es gab gute Gründe, beides zusammenzufassen: Es gibt dort eine Wertegrundlage, um eine Basis zu schaffen, die die 25 Mitgliedsstaaten zusammenhält; der andere Teil dient als Handhabe für die Verwaltungen, die Unternehmen und die konkreten Auswirkungen für die Bürger - das ist der Vertragscharakter, sozusagen der technische Teil. Damit sind wir in der Zwickmühle. Man hat das zusammengefasst, weil die Mitgliedstaaten auf beides Einfluss nehmen wollten.

Könnte man sagen: erst durch die Ablehnung ist die Verfassung in aller Munde? Entsteht - groteskerweise - im Scheitern der Verfassung das, was Europa sonst so fehlt, das große öffentliche Interesse?

Nein, denn es ist ja eine negative Öffentlichkeit. Das bringt die europäische Integration nicht weiter. Das Interesse müsste sich auf die großen Fragen richten: Warum wollen wir Europa und was wollen wir mit "Europa" erreichen?

Wie geht es ganz konkret weiter?

In 14 Tagen ist die nächste EU-Ratssitzung, dort wird man das weitere rechtliche und politische Vorgehen beraten.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jost Kaiser, freier Journalist, lebt in Berlin.

Foto: "Peter Becker" / © Stiftung Wissenschaft und Politik


www.swp-berlin.org
Wichtiger "Think Tank":
Die Stftung Wissenschaft und Politik in Berlin

www.bpb.de
Hier gibt es die EU-Verfassung im Wortlaut zum nachlesen.




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