t

Familienbeschreibung

Judith Kerrs Exil-Trilogie

23.8.2004 | Jörg Sundermeier | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Zwei Kinder sitzen in Zürich, die neunjährige Anna und ihr älterer Bruder Max. Sie sprechen über das, was sie noch haben, das, was sie verloren haben: “’Ich wusste immer, dass wir die Spiele-Sammlung hätten mitnehmen sollen’, sagte Max. ’Hitler spielt wahrscheinlich im Augenblick Dame damit!’ ’Und hat mein rosa Kaninchen lieb!“, sagte Anna und lachte. Aber gleichzeitig liefen ihr Tränen über die Wangen. ’Na, wir haben Glück, dass wir überhaupt hier sind’, sagte Max.“

Grad noch entkommen

Das ist der zentrale Wortwechsel im Buch “Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr. Anna weiß tatsächlich noch nicht, was es heißt, Hitler entkommen zu sein. Die beiden Geschwister ahnen kaum, wie knapp es war. Ihr Vater, ein entschiedener Gegner der Nazis, hatte sich stets gegen die “braune Pest“ gewandt und war somit doppelt unerwünscht im sich gründenden so genannten “Dritten Reich“. Denn der Vater war nicht nur erfolgreich, sondern auch Jude. In “Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (1971) und den beiden Fortsetzungen “Warten bis der Frieden kommt“ (1975) und “Eine Art Familientreffen“ (1979) schildert Judith Kerr die Odyssee dieser Familie, ihre Entfremdung von der Stadt, in der Max und Anna aufwuchsen, die Entfremdung von der Sprache, von bis dahin selbstverständlichen Umgangsformen und Gepflogenheiten. Die Familie muss sich immer wieder anpassen und umdenken - zunächst in Zürich, dann in Paris, schließlich in London.

Die heute 81-jährige Judith Kerr, die unter anderem Trägerin des Deutschen Jugendliteraturpreises ist, weiß, wovon sie schreibt: Als Grundlage für die drei Bände diente ihre eigene Biographie. Kerr ist Tochter des Kritikers Alfred Kerr, eine, der bedeutendsten Feuilletonisten der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Alfred Kerr, 1867 in Breslau (heute Wrocław) geboren, war bereits um 1900 ein überaus einflussreicher Theaterkritiker. Einigen seiner Lieblingen, etwa Henrik Ibsen oder George Bernard Shaw, bereitete er in Deutschland überhaupt erst den Weg auf die großen Bühnen. Gerhart Hauptmann förderte er, bis dieser sich 1933 der neuen, braunen Regierung andiente, der junge Robert Musil wurde von Kerr entdeckt.

Streitbarer Star-Kritiker

Gleichzeitig stritt Kerr vehement gegen alles, was er nicht mochte: Bertolt Brecht etwa erschien ihm unausgereift, Kritikerkollegen wie Franz Blei oder Maximilian Harden verspottete er. Seine wortreich ausgetragenen Streits mit Karl Kraus sind, gerade wegen der Häme und des beißenden Spottes, wunderbar zu lesen. Gleichzeitig engagierte sich Alfred Kerr für den politischen Regisseur Erwin Piscator, der ein soziales Theater einforderte, und warnte schon früh vor der NSDAP.
1933, nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten, verließ Kerr Deutschland sofort. Er wusste, was ihm drohte. Seine Bücher wurden von der NSDAP verbrannt, auf ihn selbst ein Kopfgeld ausgesetzt. Nach Prag, Zürich und Paris - Städte, in denen der einstmals gut verdienende Kerr sich kaum über Wasser halten konnte -lebte die Familie schließlich mehr schlecht als recht in London. Nach dem Krieg kehrte Kerr mit seiner Frau nach Deutschland zurück, nahm allerdings zugleich die britische Staatsbürgerschaft an. Er starb 1948 in Hamburg.

Deutschland wird fremd

Die Bücher seiner Tochter Judith schildern das Leben als Flüchtling aus der Kinderperspektive – stets ist die Familie von Geldsorgen bedroht, zugleich muss sie fürchten, dass die Nazis im nächsten Augenblick ein weiteres europäisches Land überfallen und die Flucht weitergehen muss. In “Warten bis der Frieden kommt“ beschreibt Kerr die Nächte, in denen die Deutschen London bombardierten, ein Kapitel des Zweiten Weltkrieges, das in Deutschland gerne verschwiegen oder herabgespielt wird. In dem Roman “Eine Art Familientreffen“ schließlich, in dem die inzwischen erwachsene Anna, die in Großbritannien geblieben ist, ihre Mutter in Deutschland besucht, die “kleine Person in der Fremde“, berichtet Judith Kerr eindrucksvoll, wie sehr sie dieses Land, in dem sie geboren wurde, befremdet. Es hat ihr schließlich alles geraubt, nicht das nur geliebte rosa Kaninchen. Anna ist dabei gar nicht unversöhnlich eingestellt, zunächst. Sie ist einfach, wie so viele, die nicht mit Hitler und seinen Millionen marschieren wollten, eine Art “displaced person“, ein Mensch am falschen Platz, in einer falschen Welt, dort, wo man sie nicht haben wollte, noch will.

Wie Judith Kerr selbst immer wieder erzählte, hat sie sich nach dem Weltkrieg und der Befreiung der Deutschen vom Nazismus nie wieder für Deutschland erwärmen können. Sie ist Britin durch und durch geworden. Daher hat sie, die ein gutes Deutsch spricht, ihre Romane auch in englischer Sprache verfasst und auch nicht selbst ins Deutsche übersetzt. Deutschland, ein Land, aus dem sie verstoßen wurde, ist ihr für immer fremd und unheimlich geblieben.

Doch auch Deutschland hat sich weder für Judith Kerr noch für ihren berühmten Vater je wieder erwärmen können. Judith Kerrs zahlreiche, sich nicht mit dem Nazismus auseinander setzende Bücher sind bis heute nicht auf Deutsch lieferbar. Einige von Alfred Kerrs Büchern sind in den letzten Jahren mit Erfolg neu aufgelegt worden, doch seine Artikel und Reden gegen die Nazis sind beispielsweise nicht mehr zu bekommen. Alfred Kerr konnte, wie seine einstigen Konkurrenten Blei oder Harden, die entweder ermordet wurden oder in der Emigration starben, nie wieder auch nur annähernd die Anerkennung finden, die er einst hatte. Insofern haben die Nazis den Krieg gegen die Kultur, den sie zeitgleich mit anderen Kriegen führten, letztendlich doch gewonnen – die Vertriebenen bleiben vertrieben.

Judith Kerr: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (Ravensburger Verlag, 5.95 €)



Judith Kerr: Warten bis der Frieden kommt
(Ravensburger Verlag, 6.95 €)



Judith Kerr: Eine Art Familientreffen
(Ravensburger Verlag, 5.95 €)




Jörg Sundermeier schreibt unter anderem für die tageszeitung und die Jungle World.

Foto: "Judith Kerr", © Ravensburger Verlag



www.hseidensticker.de/JKerr.htm
Ein Porträt von Judith Kerr und ihrem Mann Tom Kneale

http://de.wikipedia.org/wiki/Judith_Kerr
Lexikon-Eintrag bei Wikipedia über Judith Kerr




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)