Alles über Anne

Der Teenager hinter dem Mythos

9.8.2004 | Magdalena Taube | Kommentar schreiben
Anne Frank wäre dieses Jahr 75 geworden.
| | | mehr...

Seit das “Tagebuch der Anne Frank“ 1947 veröffentlicht wurde, ist es fast ausschließlich im Kontext des Nationalsozialismus wahrgenommen worden. Aus dem Mädchen Anne, das sich während des Zweiten Weltkriegs vor den Nazis versteckte, ein Tagebuch führte und 1945 in einem Konzentrationslager ums Leben kam, wurde die Symbolfigur für das Grauen des nationalsozialistischen Völkermords.

In diesem Jahr wäre Anne Frank 75 Jahre alt geworden. Zahlreiche Publikationen, Ausstellungen und Aktionen nehmen ihren Geburtstag zum Anlass, sich dem Mythos zu nähern. Jenseits dieser Maschinerie gibt es aber auch andere Ansätze, Anne Frank in das öffentliche Bewusstsein zurückzuholen. So ist zum Beispiel das Buch “Ich heiße Anne, sagte sie, Anne Frank“ von Jacqueline van Maarsen veröffentlicht worden, die Photoausstellung “Anne Frank und ihre Familie“ wird in Amsterdam, New York und Berlin gezeigt - und es wurde der Kreativwettbewerb “Ein Buch für Anne Frank“ ausgerufen. Statt Anne Frank wie einen Markenartikel zu behandeln, werden hier neue Perspektiven auf ihr Leben und Schaffen eröffnet.

Die beste, liebste, schwierigste Freundin

Im “Tagebuch der Anne Frank“ taucht Jacqueline van Maarsen unter dem Namen Jopie auf. Sie war Annes beste Freundin, bevor diese untertauchen musste. So überrascht es nicht, dass van Maarsen es schafft, aus dem Mythos Anne Frank wieder ein Mädchen aus Fleisch und Blut werden zu lassen. Dies gelingt ihr vor allem dadurch, dass sie Anne einfach so beschreibt, wie sie sie kennen gelernt hat. Sie hebt Anne nicht auf ein Podest – betont aber, was für eine intensive Freundschaft die beiden ungleichen Mädchen für ein kurzes Jahr verband und welch großen Eindruck die quirlige, charmante Anne auf sie gemacht hat. So eröffnet das Buch eine neue Perspektive: weil es sich nicht scheut, den Menschen Anne Frank in den Mittelpunkt zu rücken: Anne ist ein Mädchen wie viele, aber sie hatte schon als Teenager einen beeindruckenden Charakter.

Die Photoausstellung, die zurzeit im Anne-Frank-Zentrum in Berlin zu sehen ist, zeigt zum Teil bisher unveröffentlichte Bilder aus dem Privatleben der Familie Frank. Der Vater Otto Frank hat sie aufgenommen, bevor die Familie sich in dem Amsterdamer Hinterhaus verstecken musste. Es sind größtenteils Moment-Aufnahmen einer unbeschwerten Kindheit. Die Unbeschwertheit wirkt befremdlich, weil wir Annes Schicksal kennen. Und “Glück“ ist ein Wort, das sonst nicht mit Anne Frank in Verbindung gebracht wird. Die Rezensent/innen waren sich bisher dann auch ziemlich einig, dass die Fotos eine Illusion zeigen; eine heile Welt, in die sich die bürgerliche Familie Frank in den Zeiten des nationalsozialistischen Terrors rettete. Ob das stimmt? Die Besucher/innen müssen es letztlich selbst herausfinden.

Beobachten wie Anne

Auch der jüngst ausgerufene Wettbewerb des Berliner Anne-Frank-Zentrums, “Ein Buch für Anne Frank“, lädt dazu ein, hinter den Mythos von Anne zu blicken – hier wird der Blick auf das literarische Talent eines jungen Mädchens gelenkt, deren Traum es war, Schriftstellerin zu werden. Kinder und Jugendliche zwischen zehn und sechzehn Jahren können bis Ende September 2004 Texte, Photos oder Zeichnungen einreichen, in denen sie illustrieren, wie sie in ihrem Alltag mit Vorurteilen, Hass und Gewalt umgehen. Die besten Beiträge werden ausgewählt und am Ende des Jahres in einem Buch veröffentlicht.

Bei diesem Wettbewerb werden Jugendliche dazu angeregt, sich intensiv mit sich selbst und der eigenen Umwelt auseinander zu setzen. Genaus das war typisch für Anne. Jenseits der Symbolträchtigkeit steht Anne und ihr Tagebuch doch vor allem für eines: das Leben eines Teenagers, mit den dazugehörigen Problemen und Glücksmomenten. Die Kinder und Jugendlichen, die das Buch lesen, verstehen es ohnehin viel besser, sie zu begreifen, als die Erwachsenen. Sie lesen, was sie geschrieben hat. Das allein reicht, um von ihr begeistert zu sein. Aber auch diese Anne-Frank-Projekte werden über kurz oder lang in die Verwertungsketten der Mythosmaschinerie eingegliedert werden. Der virtuelle Rundgang durch das Hinterhausversteck, der im Anne-Frank-Zentrum angeboten wird - übrigens auch auf CD-ROM zu kaufen – hat Ähnlichkeit mit einer Merchandise-Idee aus dem Hause Hollywood ...

Magdalena Taube ist 20 Jahre alt, studiert Neuere Deutsche Literatur und ist Redakteurin des "digitalen Mini-Feuilletons" Berliner Gazette.

Jaqueline van Maarsen: Ich heiße Anne, sagte sie, Anne Frank (Fischer Verlag 2004, 17.90 €)



Miep Gies: Meine Zeit mit Anne Frank (Bechtermünz Verlag 1999, vergriffen, gebraucht bei www.amazon.de oder www.zvab.de)


Anne Frank: Tagebuch (Fischer Verlag 2001, 7.90 €)




Anne Frank Tagebuch - Erläuterungen und Dokumente (Reclam Verlag 2003, 3.80 €)



Anne Frank – Das fehlende Kapitel (VHS, Polyband 2000, 15.99 €)



Fotos: © Anne Frank Stichting, Amsterdam & Anne Frank-Fonds, Basel


| | | mehr...

www.annefrank.de
Der Internetauftritt des Anne-Frank-Zentrums in Berlin – hier gibt es auch Informationen zum Wettbewerb “Ein Buch für Anne Frank“

www.ein-maedchen-aus-deutschland.de/
Website zur interaktiven Ausstellung “Anne Frank – Ein Mädchen aus Deutschland“ in Frankfurt a. M.

www.cine-holocaust.de/mat/fbw001473dmat.html
Ein Artikel von Hanno Loewy über die “Universalisierung von Anne Frank“, Theaterfassungen und die us-amerikanische Verfilmung des “Tagebuchs“ von 1959

www.shoa.de
Shoa.de informiert umfassend über den Holocaust und seine Nachwirkungen bis heute

www.uen.org/utahlink/lp_res/AnneFrankFloorPlan.gif
Hier kann man sich den Grundriss des Amsterdamer Verstecks der Franks anschauen

Kommentare

Dein Kommentar