Last Exit L.A.

Hollywood für alle

26.7.2004 | Andreas Busche | Kommentar schreiben
Deutsche Schriftsteller im kalifornischen Exil.
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1943 fand in Hollywood eine denkwürdige Wiedervereinigung statt. Denkwürdig weniger nach filmhistorischen Maßstäben, sondern als ein hoffnungsvolles Signal für die deutschen Emigrant/innen, die sich nach der Machtergreifung Hitlers über die Umwege Frankreich, Portugal und Schweiz an der amerikanischen Pazifikküste angesiedelt hatten. Der Filmregisseur Fritz Lang, der seine Koffer schon 1934 gepackt hatte, holte zusammen mit Bertolt Brecht den Komponisten Hanns Eisler von New York, wo Eisler an der “New School for Social Research“ unterrichtete, nach Hollywood - um gemeinsam an dem antifaschistischen Film “Auch Henker sterben” zu arbeiten. Eisler nahm die Einladung Langs dankbar an. Schließlich hatten sich mit Brecht und seinem ehemaligen Lehrer Arnold Schönberg zwei gute alte Freunde ebenfalls in Los Angeles niedergelassen.

“Schauhaus des easy going“

Zu diesem Zeitpunkt war der große Traum von einem unbeschwerten Leben in Amerika bei vielen der Exilant/innen aber bereits wieder zerplatzt. Brecht notierte 1941 in seinem Arbeitsjournal, dass ihm an keinem anderen Ort das Leben so schwer gefallen sei wie “in diesem Schauhaus des easy going”.

Nicht zuletzt die Hoffnung auf eine lukrative Anstellung in Hollywood hatte Star-Schriftsteller der Weimarer Republik wie Erich Maria Remarque, Thomas und Heinrich Mann, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin oder Leonhard Frank nach Los Angeles verschlagen - wo deshalb der Begriff “New Weimar” populär wurde. Nur wenige von ihnen sollten allerdings die Vorzüge eines glamourösen Celebrity-Daseins genießen.

Traum und Albtraum

Der Widerspruch zwischen einer europäischen Kulturauffassung und der amerikanischen Kulturindustrie, später von dem Philosophen Adorno - der seinen Kulturpessimismus auch einige Jahre unter kalifornischer Sonne und Palmen pflegte - in “Résumé über Kulturindustrie” (1963) ausführlich beschrieben, war für viele der deutschen Exilant/innen ein Schock. Nochmal Brecht (aus seinen “Hollywood Elegien”): “Die Stadt Hollywood hat mich belehrt. Paradies und Hölle können eine Stadt sein.”

Die Schriftsteller Alfred Döblin, Leonhard Frank und Heinrich Mann (anders als sein Bruder Thomas) kamen in Hollywood wohl am übelsten unter die Räder. Ein-Jahres-Verträge mit Filmstudios wie Warner oder MGM verhalfen ihnen, wie vielen anderen ihrer Kolleg/innen, zwar zunächst zu den begehrten Einreise-Visa - aber das schmerzhafte Gefühl der Diaspora und die Unzufriedenheit mit den amerikanischen Lebensgewohnheiten (Frank war nicht einmal der englischen Sprache mächtig) stürzte sie in tiefe persönliche Krisen.

Die Anerkennung, die sie in Deutschland vor 1933 genossen hatten, blieb ihnen in Kalifornien verwehrt. Als ihre Autorenverträge nicht verlängert wurden, konnten sie sich finanziell kaum noch über Wasser halten. Von 1500 deutschen und österreichischen Emigrant/innen, die in den 30er-Jahren eine Anstellung in den Hollywood-Studios finden konnten, schafften es nur die wenigsten, sich an die amerikanischen Verhältnisse anzupassen.

Zufluchtsorte vor der "kulturellen Barbarei" der Amerikaner waren die Villen der Schriftsteller Lion Feuchtwanger (“Jud Süß“) und Franz Werfel (“Der veruntreute Himmel“). “Almas Salon“ - eine kleine Extravaganz von Franz Werfels Frau - lockte die deutschsprachige Intelligenzija regelmäßig für einige Stunden in ein schöngeistiges Exil-im-Exil. Werfels Domizil kann man noch heute unweit vom Sunset Boulevard zwischen luxuriösen Landhäusern und mexikanischen Hacienda-Bauten finden. Von hier aus genossen Werfels Gäste einen imposanten Ausblick auf die Hollywood Hills.

New Weimar

Noch etwas besser erging es Lion Feuchtwanger. Auch ihm war es gelungen, im amerikanischen Exil erfolgreich weiterzuarbeiten. Das erschriebene Geld investierte er in ein repräsentatives Wohnhaus, das noch heute vom ehemaligen Glanz einer deutschen Künstlerkolonie in Los Angeles zeugt. Feuchtwangers “Villa Aurora“, die mittlerweile eine Stiftung des Kulturaustauschs beherbergt, bildete mit ihrer 30.000 Bücher umfassenden Bibliothek Anfang der 40er-Jahre das Herz der deutschen Künstlerkolonie. Hier trafen sich regelmäßig die Manns, Brecht, Einstein, Döblin, Eisler, Schönberg, Adorno, Lang, Weill, Chaplin sowie berühmte amerikanische Verleger, Wissenschaftler und Politiker zu Lesungen und Debattierabenden. Thomas Mann nannte diesen Ort “ein wahres Schloss am Meer“.

Dass es sich die Autoren von “Buddenbrooks”, “Professor Unrat”, “Berlin Alexanderplatz” oder “Die Dreigroschenoper“ für einige Jahre ausgerechnet zwischen Prachtboulevards und den malerischen Pacific Palisades eingerichtet hatten, klingt heute einigermaßen absurd. Die Bilder von Thomas Mann, wie er mit Sonnenhut auf seiner Terrasse an “Dr. Faustus” arbeitet, wirken heute komisch, zeigen aber auch, dass einige Exilanten den “American Way of Life” richtig genießen konnten.

Die wachsende antikommunistische Stimmung im Land sorgte jedoch ab Ende der 40er-Jahre dafür, dass viele von ihnen wieder die Koffer packen mussten. Die Rechnung der McCarthy-Ausschüsse war sehr einfach: Die Deutschen waren vor den Nazis geflohen, also mussten sie Kommunisten sein. Zu denen, die wieder nach Europa zogen, gehörten unter anderem Brecht und Thomas Mann. Manns Bruder Heinrich starb 1950, kurz vor seiner Rückkehr nach Ostberlin, im Exil. Die Villa Aurora blieb noch für einige Jahre das letzte Domizil der Künstlerenklave “New Weimar” am Pazifik.

Andreas Busche schreibt über und für die Kulturindustrie.

Fotos: "Villa Aurora", © Hyde Flippo, villa-aurora.org


Ein paar gute Exillesebücher:

Helmut G. Asper: “Etwas Besseres als den Tod ...“ Filmexil in Hollywood – Porträts Filme, Dokumente (Schüren Presseverlag 2002, 34.80 €)
Ein dickes Nachschlage- und Lesebuch über die deutschen Filmschaffenden, die vor den Nazis nach LA flüchteten.


Holger Gumprecht: "New Weimar" unter Palmen: Deutsche Schriftsteller im Exil in Los Angeles (Aufbau Verlag 1998, vergriffen, noch gebraucht zu bekommen bei www.zvab.de oder www.amazon.de)

Anthony Heilbut: Kultur ohne Heimat. Deutsche Emigranten in den USA nach 1930 (Rowohlt Verlag 1991, vergriffen, noch über www.zvab.de oder www.amazon.de zu bekommen)

Taylor, John Russel: Fremde im Paradies. Emigranten in Hollywood 1933-1950 (W. J. Siedler Verlag 1984, gebraucht bei www.zvab.de)

Eike Middell, Alfred Dreifuss, Volker Frank: Exil in den USA (Rödenberg Verlag 1980 (vergriffen, noch über www.zvab.de oder www.amazon.de zu bekommen)


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www.exil-club.de
Die Seite des Exil-Clubs biete viele Informationen zu Exil – hier geht’s direkt zu dem Kapitel “Deutsche in Amerika“

www.pen-deutschland.de
Der P.E.N.-Club (die Initialien stehen für Poets, Essayists, Novelists) engagiert sich seit den 20-er Jahren für verfolgte, exilierte und inhaftierte Schriftsteller/innen aus aller Welt.

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