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Rocko Schamoni: Dorfpunks
Die Freiheit auf dem Lande
Malte Wicking | 19.7.2004
Der Musiker Rocko Schamoni hat eine wilde Lebensgeschichte, konnte man nach seinem Erstlingswerk “Risiko des Ruhms" denken. Und jetzt kommt die “Queen Mum des linken Punk-Entertainment“ (Intro) daher und schreibt ein Buch, in dem es wieder um das Leben des Rocko Schamoni geht. Wieder mit viel künstlerischer Freiheit, ebenfalls wild auf eine eigene Weise.
Mit "Dorfpunks“ gibt Rocko Schamoni den Blick frei auf die Gedanken und Gefühle eines Jugendlichen vom Land. 1976 zieht er in die 5000-Seelen-Stadt Lütjenburg in Schleswig-Holstein. Dort gibt es nur einen Weg in die Gemeinschaft der Jungs: Härte. Erst nach einer Schlägerei wird Rocko aufgenommen. In seiner neuen Umwelt frisieren die Jungs Mofas und ritzen sich mit Klingen aus Bleistiftspitzern die Arme auf. Im Zuge dieser
selbstzerstörerischen Entwicklung werden sie mit der Zeit Punks.
Anti-Haltung zur Anti-Haltung
Zum Geburtstag bekommt Rocko ein altes Schlagzeug, bald folgt die erste Bandprobe. Punkgeschrammel im Elternhaus. Die Musik nimmt ihren Lauf und andere Dinge laufen schief. Rocko bleibt sitzen und bricht die Schule ab. Die entsetzten Eltern schicken ihn zur Heilsarmee, später fängt er eine Lehre als Töpfer an. Die Routine beginnt ihn einzuengen. Aber sie hält ihn auch auf dem Boden der Tatsachen.
Die Punk-Freunde gründen ihre erste Band: “Warhead“. Sie lösen sich auf und gründen sich mehrmals neu, schließlich als “Die Amigos“ mit dem Song “Chico war geritten“. Punks, die Schlager spielen! Anti-Haltung zur Anti-Haltung nennt Rocko Schamoni das. Ihr beinahe größter Moment wird es, als Campino von den Toten Hosen Rocko bittet, zum Abschluss ihres Berliner Konzerts mit den “Amigos“ aufzutreten. Leider ist Punk-Kollege Fliegevogel völlig besoffen und der Auftritt wird zur Blamage. Tragisch. Aber dann ziehen sie eben noch ein paar Tage durch besetzte Häuser in Berlin und landen schließlich wieder in Schmalenstedt.
Ein versöhnlicher Blick zurück
Dort zerbröselt inzwischen die Punk-Szene. Es wird einsamer. Aus seiner lethargischen Routine, die aus Töpfern, Saufen und alleine Musizieren besteht, rettet Rocko die erste große Liebe: Maria. Schließlich schafft er sogar die Gesellenprüfung zum Töpfer mit einer Drei. Das Tor zur Freiheit ist offen, und das Tor heißt: Hamburg, die Großstadt voller Bands und Clubs.
“Dorfpunks“ ist ein einfühlsamer Rückblick, mitreißend geschrieben mit viel Sinn für Komik und Tragik. Die Langeweile der Dorfpunks wird klar, wie auch ihre Sehnsucht nach echtem Gefühl, nach Freiheit und Rock'n'Roll. Rocko äußert auch Reue über Verletzungen, die er anderen zugefügt hat. Über seine Mutter schreibt er: “Ich konnte sie nicht verstehen. Sie mich auch nicht. Es tut mir leid.“
Schonungslos offen und gleichzeitig versöhnlich werden die Jugenderlebnisse ausgebreitet. Ob cool oder uncool, vernünftig oder unvernünftig. Gering geschätzt werden sie nie. Schamoni nimmt seinen Weg an als den, den er gegangen ist. “Entschuldigung, es ging nicht anders“, ist der sehr treffende Untertitel dieses Buches. Vielleicht ist auch das eine Punk-Haltung.
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Rocko Schamoni: Dorfpunks
(Rowohlt Verlag 2004, 11 €)
Mehr von Rocko Schamoni:
Risiko des Ruhms (Rowohlt Verlag 2000, 7.50 €)
Malte Wicking ist 21 Jahre alt und studiert in Dortmund.
www.rockoschamoni.de
Die offizielle Website von Rocko Schamoni
www.rock-links.de/gruppen/schamoni/
Ein Interview mit Rocko von 2000
www.intro.de
Der Intro-Autor Linus Volkmann kocht mit Rocko und fragt ihn dabei aus
www.pudel.com
Der von Rocko Schamoni mitbetriebene “Golden Pudel Club“ in Hamburg