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Unschuldige Kriminelle

Ein Gespräch mit den arabisch-israelischen Rappern von DAM

30.10.2007 | Igal Avidan | Artikel drucken

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In Israel ist DAM eine angesagte HipHop-Band. Das ist nicht unbedingt selbstverständlich, denn DAM ist eine arabisch-palästinensische Band. Der Name steht auf Englisch für "die arabischen Mikrophon-Kontrolleure", für "Blut" auf Hebräisch und "unsterblich" auf Arabisch. Ihr Rap wendet sich gegen die Diskriminierung der 1,4 Millionen arabischen Israelis. Die DAM-Mitglieder, die Brüder Tamer (28) und Suhell (24) Nafar und ihr Freund Mahmud Jreri (25), wohnen in der arabisch-jüdischen Stadt Lod zwischen Tel Aviv und Jerusalem. In Lod leben 54.000 Jüdinnen und Juden und knapp 20.000 Araber/innen. Die vielen Spannungen in Lod bieten reichlich Stoff für die scharfzüngigen Texte von DAM, die hauptsächlich auf Arabisch rappen. Ihre Musik ist eine Mischung aus arabischem Rythmus, nahöstlicher Lyrik und westlichem HipHop. Zu den DAM-Fans gehört der israelische Pop-Sänger Aviv Gefen, der mit dem Trio eine neue Fassung ihres Hits "Innocent Criminals" ("Unschuldige Kriminelle") aufgenommen hat. Mit DAM hat Igal Avidan gesprochen.

Bei unserem letzten Gespräch 2003 habt ihr gesagt, dass ihr umziehen wollt, weil ihr eure Gegend hasst und ihr es leid seid, euren behinderten Vater immer in den zweiten Stock hochtragen zu müssen. Hat es geklappt?

Tamer Nafar: Mit Gottes Hilfe ziehen wir in drei, vier Monaten in einen besseren Stadtteil in Lod um. Wir haben schon ein Haus gekauft, in einem guten Viertel.

In einem jüdischen?

Tamer Nafar: Nein, dort lassen sie doch keine Araber rein.

Aber ihr seid doch Israelis und ihr seid bekannt.

Tamer Nafar: Aber zuallererst sind wir Araber.

Und was bedeutet ein guter Stadtteil?

Tamer Nafar: Einer, der frei von Drogen ist. Die meisten Nachbarn sind Araber, aber auch Juden leben dort. Aber irgendeine radikale jüdische Gruppe hat an unser noch unfertiges Haus ein Flugblatt geklebt. Darauf fordert sie uns auf, das Haus zu verkaufen, sonst werde man es uns auf anderen Wegen wegnehmen. Ich habe das gleich ins Feuer geworfen. So was erschreckt mich nicht.

Werdet ihr in dem neuen Haus geräumiger leben?

Tamer: Wir werden nicht mehr zu sechst, sondern zu siebt wohnen. Im nächsten Frühjahr heirate ich meine arabisch-muslimische Freundin.

Kannst du dir auch vorstellen, eine Jüdin zu heiraten?

Tamer: In der jetzigen politischen Situation lieber nicht. Wozu Probleme schaffen? Dann wird das Kind auch jüdisch sein. Nicht dass ich gegen Juden bin, aber der Junge müsste dann zur Armee. Außerdem liebe ich meine Kultur und Sprache, daher habe ich mich eben in eine Frau verliebt, die diese Kultur teilt.

Jreri: Auch ich habe kaum Kontakt zu Juden, abgesehen von Schule und Arbeit. Niemals hatte ich jüdische Freunde, die mich besuchten und mit mir zusammen ausgingen.

Als ich euch besuchte, habt ihr euch über die Enge beschwert. Lebt ihr beide immer noch in einem Raum?

Tamer: Leider ja.

Eure Tracks entstehen auch zu Hause?

Suhell: Wir schreiben zu Hause die Texte, bereiten die Skizzen mit Stift und Papier vor und hören Musik am PC, machen aber keine Aufnahmen dort.

Mahmoud, deine Familie ist schon einmal aus einem rein arabischem Viertel ausgezogen. Warum?

Mahmoud Jreri: In unserem Block wurde mit Drogen gedealt. Das war üblich in unserem Stadtteil, Neve Jerek, auf Hebräisch "Die grüne Aue", das alle aber nur "Wohnsiedlung der Araber" nannten. Ich wuchs auf mit Kindern, die Drogendealer wurden, zu Geld kamen, dann im Knast landeten und später selbst Junkies wurden. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Auch manche Araber wurden drogensüchtig.

Suhell: Ein Sprichwort lautet: Am Ende wird der Koch sein Gericht essen.

Und du selbst hast als Schüler im jüdisch-arabischen Dorf Neve Shalom gewohnt?

Suhell Nafar: Ich habe dort nur studiert und wurde jeden Morgen mit dem Schulbus etwa 20 Minuten hingefahren. Die Schule war damals neu und in aller Munde, wir waren nur vier Kinder in der Klasse.

Und eure Mutter unterrichtete dort, stimmt’s?

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Jreri: Ja. Woher weißt du das alles?

Suhell: Bestimmt vom israelischen Inlandsgeheimdienst (lacht).

Als ich euch das letzte Mal besucht habe, seid ihr mit mir durch Lod gefahren und habt mir die Villen der Drogenbarone gezeigt. Stimmt es, dass die palästinensischen Informanten, die der israelsche Geheimdienst nach den Oslo-Verträgen aus dem Westjordanland nach Lod übersiedelte, hinter Stacheldraht leben?

Tamer: Nein, die Drogenbosse leben hinter Stacheldraht, nicht die Informanten (Pause). Aber die meisten Drogenhändler sind Informanten.

In diesen Tagen ist der aktuelle Armutsbericht in Israel erschienen. Danach leben unter der Armutsgrenze dreimal so viele arabische Familien wie jüdische. Spürt ihr diese Armut?

Jreri: Als Araber in Israel muss man für seine Existenz kämpfen, weil man benachteiligt wird, auch die Schulen sind schlechter. Die Armut ist nicht nur finanziell, sondern auch mental.

Was meinst du?

Jreri: Als ich 17 war, organisierte ein Freund mir ein Vorstellungsgespräch in einem nahe gelegenen Restaurant. Der Chef fragte mich gleich, wie ich heiße. "Mahmoud", sagte ich. "Du musst deinen Namen ändern." "Warum?" Dieser sei kundenunfreundlich. Ich sollte mich "Amir" nennen. Aber ich bin nicht mehr hingegangen. Ich wurde erzogen, stolz zu sein auf das, was ich bin.

Die Hälfte der arabischen Häuser in Lod wurde ohne Genehmigung gebaut. Warum?

Tamer: Weil die Gesetzgeber die "Judaisierung" Lods betreiben und die Araber hinausdrängen wollen. Weil das Gesetz uns benachteiligt, soll man sich nicht daran halten.

Suhell: Um die jüdische Mehrheit zu erhalten, errichteten sie jüdische Siedlungen in Lod. Die Araber werden ghettoisiert, denn sie dürfen ihre Häuser nicht erweitern. Sie warten jahrelang auf eine Baugenehmigung – auf eigenem Grundstück. Inzwischen wächst die Familie. Sollen wir uns wegen der Bauverwaltung nicht vermehren, nicht bauen und nicht normal leben?

Dafür wurde in Lod eine Mauer errichtet.

Jreri: Sie trennt einen arabischen Stadtteil vom wohlhabenden jüdischen Dorf Nir Zwi, dessen Bewohner die Slums nicht sehen wollten. Dann aber hat das Oberste Gericht den Bau gestoppt, also ersetzten sie die Betonmauer durch einen Schutthügel.

In welcher Sprache singt ihr?

Suhell: Nur auf Arabisch, wie auf unserer CD, "Dedication" ("Hingabe"), die im Oktober 2006 erschien. Bis dahin hatten wir nur Singles in eigener Produktion veröffentlicht. Zum ersten Mal haben wir eine offizielle CD, die durch die britische Plattenfirma RCM überall auf der Welt vertrieben wird. Es war aber nicht leicht und ziemlich teuer und zeitraubend, unsere CDs nach Israel einzuführen.

Wollte keine israelische Musikfirma euch unter Vertrag nehmen?

Suhell und Mahmoud: Wir hatten einige interessierte Musikfirmen, aber sie wollten, dass wir unsere Texte moderater machen. Das hat uns nicht gefallen, daher mussten wir ins Ausland gehen, um die CD fürs Inland zu produzieren.

Eure Musik wurde ausgerechnet in der HipHop-Sendung des Militärsenders Galei Zahal gespielt, "Essek Schachor". Wie kam es dazu?

Tamer: Die Macher sind toll und ihr Programm hat eine hohe Qualität. Sie haben uns keinen Gefallen getan, sondern uns als Teil der guten Musik gesendet – ohne nationale oder religiöse Einschränkungen. Sie sendeten uns und die Zuhörer liebten es. Alle Radiosender sollten so offen sein und uns nicht nach unserer Herkunft beurteilen.

Wie stellt ihr euch die Zukunft zwischen Israelis und Palästinensern vor?

Suhell: Wir sind gegen jegliche Grenzen, sowohl die von 1967 als auch die von 1948. Das ist doch das Heilige Land, dann sollen alle dort leben.

Wollt ihr einen gemeinsamen Staat?

DAM: Ja, einen demokratischen Staat für alle Bürger, nicht für eine bestimmte Religion.

Aber wenn die Araber im Heiligen Land die Mehrheit bilden, werden die Juden gar keinen Staat mehr haben.

Tamer: Aber mit einer jüdischen Mehrheit werden die Palästinenser keinen Staat haben. Natürlich habt ihr das Recht auf einen jüdischen Staat, aber warum auf Kosten anderer? Haben wir den Holocaust verursacht? Wenn ihr schon ein Land besetzt, dann besetzt Deutschland.

Igal Avidan lebt als israelischer Korrespondent in Berlin. Zurzeit arbeitet er an einem Buch über die Geschichte Israels.

Fotos: ©Steve Sabella



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