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In Israel ist DAM
eine angesagte HipHop-Band. Das ist nicht unbedingt
selbstverständlich, denn DAM ist eine arabisch-palästinensische
Band. Der Name steht auf Englisch für "die arabischen
Mikrophon-Kontrolleure", für "Blut" auf Hebräisch
und "unsterblich" auf Arabisch. Ihr Rap wendet sich gegen
die Diskriminierung der 1,4 Millionen arabischen Israelis. Die
DAM-Mitglieder, die Brüder Tamer (28) und Suhell (24) Nafar und
ihr Freund Mahmud Jreri (25), wohnen in der arabisch-jüdischen
Stadt Lod zwischen Tel Aviv und Jerusalem. In Lod leben 54.000 Jüdinnen und Juden
und knapp 20.000 Araber/innen. Die vielen Spannungen in Lod bieten
reichlich Stoff für die scharfzüngigen Texte von DAM, die
hauptsächlich auf Arabisch rappen. Ihre Musik ist eine Mischung aus arabischem Rythmus, nahöstlicher Lyrik und westlichem HipHop. Zu den DAM-Fans gehört
der israelische Pop-Sänger Aviv Gefen, der mit dem Trio eine
neue Fassung ihres Hits "Innocent Criminals" ("Unschuldige
Kriminelle") aufgenommen hat. Mit DAM hat Igal Avidan gesprochen.
Bei
unserem letzten Gespräch 2003 habt ihr gesagt, dass ihr umziehen
wollt, weil ihr eure Gegend hasst und ihr es leid seid, euren
behinderten Vater immer in den zweiten Stock hochtragen zu müssen.
Hat es geklappt?
Tamer
Nafar: Mit Gottes Hilfe ziehen wir in drei, vier Monaten in einen
besseren Stadtteil in Lod um. Wir haben schon ein Haus gekauft, in
einem guten Viertel.
In
einem jüdischen?
Tamer
Nafar: Nein, dort lassen sie doch keine Araber rein.
Aber
ihr seid doch Israelis und ihr seid bekannt.
Tamer
Nafar: Aber zuallererst sind wir Araber.
Und
was bedeutet ein guter Stadtteil?
Tamer
Nafar: Einer, der frei von Drogen ist. Die meisten Nachbarn sind
Araber, aber auch Juden leben dort. Aber irgendeine radikale jüdische
Gruppe hat an unser noch unfertiges Haus ein Flugblatt geklebt.
Darauf fordert sie uns auf, das Haus zu verkaufen, sonst werde man
es uns auf anderen Wegen wegnehmen. Ich habe das gleich ins Feuer
geworfen. So was erschreckt mich nicht.
Werdet
ihr in dem neuen Haus geräumiger leben?
Tamer:
Wir werden nicht mehr zu sechst, sondern zu siebt wohnen. Im nächsten
Frühjahr heirate ich meine arabisch-muslimische Freundin.
Kannst
du dir auch vorstellen, eine Jüdin zu heiraten?
Tamer:
In der jetzigen politischen Situation lieber nicht. Wozu Probleme
schaffen? Dann wird das Kind auch jüdisch sein. Nicht dass ich
gegen Juden bin, aber der Junge müsste dann zur Armee. Außerdem
liebe ich meine Kultur und Sprache, daher habe ich mich eben in eine
Frau verliebt, die diese Kultur teilt.
Jreri:
Auch ich habe kaum Kontakt zu Juden, abgesehen von Schule und Arbeit.
Niemals hatte ich jüdische Freunde, die mich besuchten und mit
mir zusammen ausgingen.
Als
ich euch besuchte, habt ihr euch über die Enge beschwert. Lebt
ihr beide immer noch in einem Raum?
Tamer:
Leider ja.
Eure
Tracks entstehen auch zu Hause?
Suhell:
Wir schreiben zu Hause die Texte, bereiten die Skizzen mit Stift und
Papier vor und hören Musik am PC, machen aber keine Aufnahmen
dort.
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Jreri:
Ja. Woher weißt du das alles?
Suhell:
Bestimmt vom israelischen Inlandsgeheimdienst (lacht).
Als
ich euch das letzte Mal besucht habe, seid ihr mit mir durch Lod
gefahren und habt mir die Villen der Drogenbarone gezeigt. Stimmt es,
dass die palästinensischen Informanten, die der israelsche
Geheimdienst nach den Oslo-Verträgen aus dem Westjordanland nach
Lod übersiedelte, hinter Stacheldraht leben?
Tamer:
Nein, die Drogenbosse leben hinter Stacheldraht, nicht die
Informanten (Pause). Aber die meisten Drogenhändler sind
Informanten.
In
diesen Tagen ist der aktuelle Armutsbericht in Israel erschienen.
Danach leben unter der Armutsgrenze dreimal so viele arabische
Familien wie jüdische. Spürt ihr diese Armut?
Jreri:
Als Araber in Israel muss man für seine Existenz kämpfen,
weil man benachteiligt wird, auch die Schulen sind schlechter. Die
Armut ist nicht nur finanziell, sondern auch mental.
Was
meinst du?
Jreri:
Als ich 17 war, organisierte ein Freund mir ein Vorstellungsgespräch
in einem nahe gelegenen Restaurant. Der Chef fragte mich gleich, wie
ich heiße. "Mahmoud", sagte ich. "Du musst
deinen Namen ändern." "Warum?" Dieser sei
kundenunfreundlich. Ich sollte mich "Amir" nennen. Aber ich
bin nicht mehr hingegangen. Ich wurde erzogen, stolz zu sein auf das,
was ich bin.
Die
Hälfte der arabischen Häuser in Lod wurde ohne Genehmigung
gebaut. Warum?
Tamer:
Weil die Gesetzgeber die "Judaisierung" Lods betreiben und
die Araber hinausdrängen wollen. Weil das Gesetz uns
benachteiligt, soll man sich nicht daran halten.
Suhell:
Um die jüdische Mehrheit zu erhalten, errichteten sie jüdische
Siedlungen in Lod. Die Araber werden ghettoisiert, denn sie dürfen
ihre Häuser nicht erweitern. Sie warten jahrelang auf eine
Baugenehmigung – auf eigenem Grundstück. Inzwischen wächst
die Familie. Sollen wir uns wegen der Bauverwaltung nicht vermehren,
nicht bauen und nicht normal leben?
Dafür
wurde in Lod eine Mauer errichtet.
Jreri:
Sie trennt einen arabischen Stadtteil vom wohlhabenden jüdischen
Dorf Nir Zwi, dessen Bewohner die Slums nicht sehen wollten. Dann
aber hat das Oberste Gericht den Bau gestoppt, also ersetzten sie die
Betonmauer durch einen Schutthügel.
In
welcher Sprache singt ihr?
Suhell:
Nur auf Arabisch, wie auf unserer CD, "Dedication" ("Hingabe"), die im Oktober 2006 erschien. Bis dahin
hatten wir nur Singles in eigener Produktion veröffentlicht. Zum
ersten Mal haben wir eine offizielle CD, die durch die britische
Plattenfirma RCM überall auf der Welt vertrieben wird. Es war
aber nicht leicht und ziemlich teuer und zeitraubend, unsere CDs
nach Israel einzuführen.
Wollte
keine israelische Musikfirma euch unter Vertrag nehmen?
Suhell
und Mahmoud: Wir hatten einige interessierte Musikfirmen, aber sie
wollten, dass wir unsere Texte moderater machen. Das hat uns nicht
gefallen, daher mussten wir ins Ausland gehen, um die CD fürs
Inland zu produzieren.
Eure
Musik wurde ausgerechnet in der HipHop-Sendung des Militärsenders
Galei Zahal gespielt, "Essek Schachor". Wie kam es dazu?
Tamer:
Die Macher sind toll und ihr Programm hat eine hohe Qualität.
Sie haben uns keinen Gefallen getan, sondern uns als Teil der guten
Musik gesendet – ohne nationale oder religiöse
Einschränkungen. Sie sendeten uns und die Zuhörer liebten
es. Alle Radiosender sollten so offen sein und uns nicht nach unserer
Herkunft beurteilen.
Wie
stellt ihr euch die Zukunft zwischen Israelis und Palästinensern
vor?
Suhell:
Wir sind gegen jegliche Grenzen, sowohl die von 1967 als auch die von
1948. Das ist doch das Heilige Land, dann sollen alle dort leben.
Wollt
ihr einen gemeinsamen Staat?
DAM:
Ja, einen demokratischen Staat für alle Bürger, nicht für
eine bestimmte Religion.
Aber
wenn die Araber im Heiligen Land die Mehrheit bilden, werden die
Juden gar keinen Staat mehr haben.
Tamer:
Aber mit einer jüdischen Mehrheit werden die Palästinenser
keinen Staat haben. Natürlich habt ihr das Recht auf einen
jüdischen Staat, aber warum auf Kosten anderer? Haben wir den
Holocaust verursacht? Wenn ihr schon ein Land besetzt, dann besetzt
Deutschland.
Igal Avidan lebt als israelischer Korrespondent in
Berlin. Zurzeit arbeitet er an einem Buch über die Geschichte
Israels.
Fotos: ©Steve Sabella