t

Jens Friebe: Gespenster

Internetpornographie in der Popmusik

7.8.2009 | Martin Conrads | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Jens Friebe / ©J. Zimmermann

Zum Stichwort "Pornosonntag" fällt einem mit ein bisschen Vorstellungskraft so einiges ein. Doch selten kam Phantasie fetter weg als bei den Begriffen "Porno und Gebäck" oder "Porno und Pfannkuchen". Auf diesen Effekt werden auch die Betreiber der christlichen Internetseite xxxchurch.com gesetzt haben. Diese "# 1 Christian Porn Site" geht unter dem Aspekt der Beichte und anschließenden Reinigung (und zwar sowohl der Festplatte als auch des Geistes) einer Frage nach, die auch vor Kirche und Gläubigen nicht halt macht: Wie spricht man öffentlich über den privaten Konsum, die eigene Abhängigkeit von Internetpornographie?

In kurzen Filmausschnitten sieht man einen so genannten "Pornopriester", der quer durch die USA reist und Gesprächsrunden zu diesem Thema mit betroffenen Frauen ("Porn & Pastries") und Männern ("Porn & Pancakes") anbietet. Dass auch Teenager zur Zielgruppe von xxxchurch zählen, dürfte nicht weiter überraschen, existieren doch längst englischsprachige Internetseiten, auf denen junge Kenner des Genres diskutieren, welche Musik in einem bestimmten Pornofilm im Hintergrund läuft. In Deutschland sorgte die ZDF-Dokumentation "Generation Porno" für Diskussionsstoff, als sie den Konsum von Internetpornograhie bei Kindern und Jugendlichen bis hin zur Sucht thematisierte. Die Frage, wie über dieses zum Teil noch tabuisierte Thema in der Öffentlichkeit und im Privaten zu sprechen ist, zählt sicherlich zu den größeren psychologischen Herausforderungen der Gegenwart.

Satellitensex

Dabei setzt sich die Popmusik schon seit langem mit dem Thema auseinander. Bereits 1995, also noch in den Anfangszeiten des World Wide Web, hatte der aus Schottland stammende Musiker Momus den Konsum von Internetpornographie poetisch zu fassen versucht: "But still I need you here tonight, Let's make love by satellite, Da da da, da da, da da, By high speed uplink, error free, Be my Virtual Valerie, Da da dum, da dum, da dum". Die New Yorker Anti-Folk-Gruppe The Moldy Peaches um Adam Green wurde im Jahr 2001 schon etwas expliziter. In ihrem Song "Downloading Porn With Davo" (nach einer gleichnamigen Porn-Domain) heißt es unter anderem: "Put a latch on the door so Mama don't know, That I'm downloading porn with Davo" ("Riegele die Tür ab, damit Mama nicht mitbekommt, dass ich auf Downloading Porn With Davo surfe").

In der deutschsprachigen Popkultur griff der Berliner Sänger und Autor Jens Friebe das Thema auf. Der Text seines 2004 erschienenen Liedes "Gespenster" (das auf Friebes Website auch als "Free Sex Pics" aufgelistet ist), beschäftigt sich erst auf den zweiten Blick, dann aber umso behutsamer, mit dem Konsum von Netzpornographie und seiner Psychologie: "Denk dir irgendeine Farbe, Wünsch dir irgendeine Zahl, 19 year old redhead, Das ist deine Wahl, Und du verliebst dich in Gespenster".

Jens Friebe / ©J. Zimmermann

Porno paranormal

Ein von der Pornoindustrie erdachtes System macht es möglich, pornographische Inhalte im Internet nach Kategorien wie Haarfarbe und Alter auszuwählen. In diesem System erkennt Friebe eine gespenstische Ordnung, die auf Irreales setzt, auf die Erfüllung unwirklicher Wünsche. Friebes Kniff, die virtuellen Sexualpartner als "Gespenster" zu beschreiben, hebt so einen Aspekt der Internetpornographie hervor, der selten bedacht wird, aber zur Analyse ihrer psychologischen Dimension ein interessantes Argument hinzufügt. Hier zeigt sich nämlich die alte Weisheit, nach der Medien (oder deren Inhalte) etwas Geister- oder Gespensterhaftes an sich haben sollen: Man denke nur an die merkwürdigen Geschichten von Verstorbenen, die aus dem Jenseits über verborgene Radiofrequenzen mit den Lebenden kommunizieren, an den "Geist in der Maschine" oder an die Legende von den satanischen Botschaften auf rückwärts abgespielten Vinyl-Schallplatten.

Indem Friebe die "Free Sex Pics" aus dem Internet in jene Reihe medialer Gespenstermythen stellt und dabei auch die technischen Erscheinungsbedingungen der Gespenster benennt ("Und du schließt das Fenster, Und du vergisst deine Gespenster"), erklärt er die Pornosequenzen im Internet zu Geistergeschichten unserer Zeit. So öffnet Friebes mediengeschichtlicher Hinweis einen verlockenden und vermutlich sehr ergiebigen Weg, um über das Thema Internetpornographie zu sprechen. Man müsste also anfangen über "Pornohalloween" nachzudenken statt über "Pornosonntag"!

Martin Conrads lebt u.a. als freier Autor in Berlin.

Fotos: "Jens Friebe" / ©Joachim Zimmermann



Links

www.jens-friebe.de
Jens Friebes Website

www.youtube.com
The Moldy Peaches - Downloading Porn with Davo

www.phespirit.info
Momus: Virtual Valerie

www.37grad.zdf.de
TV-Film "Generation Porno"





Kommentare

Dein Kommentar