Gott und die Welt

Von Beruf: Evangelischer Pfarrer

17.8.2009 | Jennifer Hertlein | Artikel drucken
Martin Irmer ist 31, kommt ursprünglich aus Amberg in der Oberpfalz. Er studierte unter anderem in Neuendettelsau, in Erlangen, im Wuppertal – und zwei Semester in Kingston, Jamaika. Martin Irmer ist Theologe und arbeitet seit dem ersten März 2009 als Pfarrer in der mittelfränkischen Kleinstadt Neustadt an der Aisch. Dem Bild des konservativen Predigers entspricht er eher nicht. Stattdessen berichtet er voller Begeisterung von seinen Erlebnissen in der Karibik. Er will Kirche global sehen und leben!

Nach dem Abitur sind viele Jugendliche erst mal planlos, was sie machen sollen. War für Sie sofort klar, dass sie evangelischer Theologe werden?

Nein! Zuerst wollte ich klassische Archäologie studieren. Aber ich habe als Jugendlicher schon Kindergottesdienste geleitet, wählte Religion als eines meiner Abiturfächer. Nach der Schule absolvierte ich als Sanitäter den Grundwehrdienst. Dort hieß es schnell: Das ist der, der Theologie studieren will. Mir selbst war das noch gar nicht klar. Währenddessen verfestigte sich jedenfalls die Idee, Theologie zu studieren. Außerdem konnte ich meine Bundeswehrzeit als Praxisjahr für das Theologiestudium anrechnen lassen.

Sie sind in das Theologiestudium also quasi reingerutscht?

Aus der Perspektive eines deutschen Jugendlichen: ja! Meine Freunde in der Karibik würden hingegen sagen: das war Gottes Berufung. Anfangs wollte ich kein Pfarrer werden, sondern zum Beispiel als Diplomtheologe zu den Vereinten Nationen gehen. Ich hätte auch Vertreter werden können, für Staubsauger. Solche Firmen suchen teils Theologen, mit der Begründung: Ein Theologe kann jedem Mütterchen alles erzählen. Dazu braucht es aber kein Theologiestudium, sondern Übung. Für mich wäre das nichts gewesen!

Reden Theologiestudenten die ganze Zeit nur über Gott? Oder gehen sie abends genauso feiern wie alle anderen auch?

Es gibt beides. Zum einen Studierende, die Bier trinken gehen und dabei über Gott und die Welt reden – oder nur über die Welt. Und es gibt Studierende, die nicht Bier trinken gehen und dabei auch über Gott und die Welt reden – oder eben nur über die Welt. Das kommt ganz auf den Einzelnen an!

Sie haben ein Jahr in Jamaika studiert – ein ziemlich außergewöhnlicher Studienort, den erst mal niemand mit Theologie in Verbindung bringt. Wieso ausgerechnet Jamaika?

Ich habe im ersten Semester eine Veranstaltung zum Thema Missions- und Religionswissenschaften besucht. Da drehte sich alles um Afrika, afrikanische Religionen und afrikanisches Christentum. Das faszinierte mich. Ich wollte selbst Erfahrungen sammeln. Die Insel Jamaika bot sich an, weil sie zum einen afrikanisch, aber auch latein- und nordamerikanisch geprägt ist. Außerdem konnte ich dort auf Englisch studieren, ein klarer Vorteil, dachte ich zumindest. Mein Schulenglisch bedurfte aber noch einer Generalsanierung!

War das Studium in Jamaika ganz anders als in Deutschland?

Für mich hatte es Pioniercharakter, denn meines Wissens war ich dort der erste deutsche evangelische Theologiestudent. In Jamaika gab es schon das Bachelor-Master-System. Ich fand das als Deutscher zu Beginn meines Studiums super, denn es gab mir Struktur vor. In Deutschland hätte ich mein Studium freier gestalten können. Das mag zwar eine Chance sein, aber man muss in einem großen weiten Meer erst mal überlegen, in welche Richtung man paddelt.

Bei Karibik denkt man zuerst an Urlaub. War es das für Sie?

Überhaupt nicht! In Kingston habe ich wenig von Urlaubsstimmung mitgekriegt. Ich habe nachts Schüsse gehört, musste hinter Stacheldraht wohnen und konnte mich abends nicht mehr frei durch die Stadt bewegen. Das war eine große Herausforderung! Aber ich habe mich daran gewöhnt. Trotzdem genoss ich es, als ich zurück in Deutschland wieder frei auf der Straße herumlaufen konnte. Einmal lernte ich einen Franzosen kennen. Er wollte aus einer Laune heraus Priester in der Karibik werden. Nach einer Woche reiste er ab und kam nie wieder. Er hatte eher den Reisekatalog im Kopf!

Haben Sie noch mehr außergewöhnliche Aktionen in ihrem Studium gemacht?

Um Geld zu verdienen, arbeitete ich auf einem Bau. Ich wollte mit Menschen in Kontakt kommen, die mit Hammer und Meißel die Welt gestalten. Da lernte ich vieles für den Gemeindebau. Nicht für das Gebäude, sondern für die Struktur. Dann war ich noch ein paar Wochen in Ostafrika, in Tansania. Dort absolvierte ich ein Praktikum in einer Bibelschule in Mwika am Kilimandscharo. Ich konnte in die Ausbildung von Evangelisten reinschnuppern, durfte auf Englisch Altgriechisch unterrichten und lernte Suaheli. Ich kam das erste Mal mit Halbnomaden, den Massai, in Kontakt. Die Erlebnisse dort haben mich bestärkt, Pfarrer zu werden und gleichzeitig die Kirche global zu denken.

Jetzt sind Sie in der Kleinstadt Neustadt/Aisch angekommen. Ist das nicht das krasse Gegenteil zu Jamaika und Afrika?

Eben nicht! Denn genauso wenig wie ich Mwika am Kilimancharo kannte, kannte ich vorher Neustadt an der Aisch. Das war für mich völlig neu! Genau das ist die Chance des Pfarrberufes, dass man sich mit ganz unterschiedlichen Situationen im Leben zurechtfinden muss. Meine Familie und ich sind gerade dabei uns einzuleben. So einen Koffer auszupacken dauert immer lange. Und vor allem, den nicht nur auszupacken, sondern auch einen Platz im Leben für die Gegenstände aus der neuen Umgebung zu finden.

Was gehört denn überhaupt zu den Aufgaben eines Pfarrers, außer Gottesdienste vorbereiten? Wie sieht Ihr Alltag jetzt aus?

Mein Alltag ist von Zufälligkeiten geprägt, denn nach Plan wird weder geboren noch gestorben! Ein Pfarrer richtet sich nach den Lebensereignissen der Menschen, von Taufe bis zum Tod, von Lebensberatung bis zu Geburtstagen, Hochzeiten und Konfirmationen. Außerdem gebe ich auch noch Schulunterricht. Das ist mir wichtig, um auch mit den jüngeren Generationen über den Glauben und das Leben zu sprechen – was man nicht voneinander trennen kann!

Was ist denn das Besondere an evangelischen Pfarrern? Sehen Sie entscheidende Unterschiede zu Ihren katholischen Kollegen?

Ich sehe gerade einen ganz entscheidenden: Ich bin verheiratet und soeben Vater geworden! Das werden katholische Priester – in der Regel zumindest – nicht. Für mich ist das die Chance, mein Leben so zu leben wie auch die Menschen in meiner Gemeinde. Ich mache Erfahrungen wie Windelwickeln, schlaflose Nächte und dass man sich in einer Beziehung einigen muss. So kann ich als evangelischer Pfarrer über Erfahrungen sprechen, die ich selbst gemacht habe, und muss keine Theorien aufstellen!

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Wie lange wollen Sie in Neustadt bleiben?

Also ich bin hier quasi im Probedienst, der drei bis fünf Jahre dauert. Danach bekomme ich hoffentlich die Bewerbungsfähigkeit verliehen. Längerfristig haben wir schon den Wunsch, wieder ins Ausland zu gehen. Wir wollen die Beziehung der Menschen nicht nur in einem Dorf sehen, sondern in einem weltweiten Kontext. Und so Gott will, werden wir später wieder im Ausland arbeiten.

Jennifer Hertlein (17) ist Kollegiatin aus Fürth und schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien.

Foto: ©Jennifer Hertlein



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Wie wird man eigentlich evangelischer Pfarrer? Alle Informationen um das Studium und den Beruf