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Unter Haien

Die Pressevielfalt in Deutschland könnte größer sein

21.3.2005 | Oliver Gehrs | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Für den Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann sieht der optimale Konsument so aus: Morgens, nach dem Aufstehen, schaltet er den Fernseher an und schaut sich die Nachrichten auf RTL an. Später am Frühstückstisch blättert er in der Financial Times Deutschland. In der Mittagspause kauft er sich den Stern, Brigitte und für die Kinder GEOlino. Und abends schaut er sich Big Brother bei RTL2 an oder einen guten Spielfilm bei Vox.

Mit der Senderkette RTL, RTL2 und Vox gehört Bertelsmann der größte Anteil am deutschen Privatfernsehen, seine 100prozentige Verlagstochter Gruner Jahr ist auf dem Zeitschriftenmarkt dominant und mit einem Viertel sogar am Spiegel beteiligt. Mit anderen Worten: Rund zwei Drittel des Marktes für Nachrichtenmagazine (auf dem es neben Stern, und Spiegel nur noch Focus aus dem Burda-Verlag gibt) werden maßgeblich von Gruner Jahr bestimmt.

Alles aus einem Haus

Freilich ist Deutschland von italienischen Verhältnissen weit entfernt. Es gibt keinen Berlusconi, der seine geballte Medienmacht zur politischen Einflussnahme nutzt, Redakteure entlässt und in Fernsehsendungen Regierungserklärungen abgibt. Aber dennoch gibt es auch hier bedenkliche Entwicklungen bzw. Zustände, die die Vielfalt der Presse schon seit längerem begrenzen.
So wird etwa der Markt der regionalen Tageszeitungen oft von Monopolen beherrscht, weil es alteingesessene Verlagshäuser gibt, gegen die neue Konkurrenten keine Chance haben. In Freiburg lesen fast alle die Badische Zeitung, Hannover wird vom Madsack-Verlag dominiert, der neben der Hannoverschen Allgemeinen noch die Neue Presse herausgibt und damit den Markt fast komplett abdeckt. Wer etwas anders lesen will als die Madsack-Blätter muss lange suchen.

Dasselbe gilt für Köln, das der Verleger Neven Du Mont fest im Griff hat. Neben dem Kölner Stadtanzeiger gibt er dort das Boulevardblatt Express heraus. Meinungsvielfalt gleich null. In Rostock dominiert die Ostseezeitung, die zum Springer-Konzern gehört, in Leipzig die Volksstimme. Das ist viel Macht in der Händen von wenigen: Insgesamt haben die Regionalblätter einen Marktanteil von 70 Prozent, werden also weitaus mehr gelesen als die überregionalen Blätter wie die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ.

Groß und mächtig

In Deutschlands Medienbetrieb gibt es Machtballungen, wohin man nur schaut: So hat der Springer-Konzern allein schon durch die Bild-Zeitung, die sich rund 4 Millionen Menschen täglich kaufen eine Vormachtstellung auf dem Markt der Boulevardpresse. Der Holtzbrinck-Konzern aus Stuttgart (Handelsblatt, Wirtschaftswoche, Zeit) wiederum ist führend in der Wirtschaftspresse.

Dass die Medienunternehmer nicht immer zimperlich mit ihrer Macht umgehen, konnte man im Herbst vergangenen Jahres erleben. Da schmiedeten die Manager aus dem Spiegel-Verlag und von Springer den Plan, die Rechtschreibreform zu boykottieren und wieder nach den alten Regeln zu schreiben. Man erreiche schließlich mit allen Publikationen zusammen die große Mehrheit der Bevölkerung, verkündeten die renitenten Presseleute stolz und untermauerten durch diese schiere Größe den Anspruch darauf, als vierte Gewalt Politik zu machen.

Der nächste Bissen

Den größten Horror haben hiesige Medienunternehmer vor ausländischen Konkurrenten. Dann warnen sie selbst gern vor zuviel Machtballung und versuchen zu verhindern, dass ausländische Mediengrößen wie Rupert Murdoch oder Silvio Berlusconi deutsche Zeitungen kaufen. Tatsächlich sind Leute vom Schlage eines Murdoch oder Haim Saban Haie, die um die Welt schwimmen; auf der Suche nach den besten Brocken.

So war denn auch die Aufregung groß, als der Milliardär Saban aus Hollywood die Senderkette ProSiebenSat.1Media AG übernahm. Saban ist indes nur ein Spieler, während Medienmogul Murdoch seine Macht ungeniert nutzt, um in den USA und England seine politischen Ansichten durchzusetzen. Von solchen Zuständen sind wir in Deutschland Gott sei Dank weit entfernt.

Oliver Gehrs beobachtet die nationale und internationale Medienszene. Er lebt in Berlin.


www.bpb.de
Alles rund um die Beziehung zwischen Medien und Gesellschaft.




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