
Wie ein digitaler Goldesel beschert uns das Internet fast schon mit schöner Regelmäßigkeit einen neuen Trend, einen neuen Hype. Natürlich ist nicht alles, was aus den Tiefen der weltumspannenden Netzwerke auf den Bildschirmen auftaucht, dabei der begehrte Goldtaler. Doch nun scheint eine junge Spielart der bekannten Internet-Homepages auch von Massenmedien, Öffentlichkeit und Industrie aufgegriffen und damit zu einem weiteren Meilenstein des Internets zu werden: Weblogs.
Die Berichterstattung über Weblogs hat sich dabei in den letzten Monaten fast überschlagen und war alles andere als ausgewogen. Denn nur drei Dinge scheinen wirklich unstrittig zu sein: Der Begriff Weblog ist ein Kunstwort aus "Web" und "Logbuch", die Kurzform von Weblog lautet "Blog" und die Anwender von Weblog-Systemen werden "Blogger" genannt. Aber sonst gehen die Ansichten heftig auseinander, was Weblogs nun eigentlich genau sind, und hunderte von Definitionen verwirren die Öffentlichkeit.
Blog around the world
In der Seefahrt halten Logbücher die Reiseroute und die vorgefallenen Ereignisse in chronologischer Reihenfolge fest. Ein Weblog ist quasi das Logbuch eines Reisenden durch das World Wide Web, bei dem interessante Beobachtungen auf dieser Reise ins Log eingetragen werden. Weil dieses Log im Web, also im benutzerfreundlichen Teil des Internet steht, können alle mitlesen.
Die Einträge in Weblogs sind meistens Verweise, Hyperlinks, auf andere Websites und können sich auf Texte oder Dateien wie Fotos, Videofilme, Animationen, Musikstücke beziehen. Diese Verweise werden von den Bloggern kommentiert und eingeordnet und geben damit oft auch ihre Meinung wieder. So werden Weblogs zu einem persönlichen Filter für ein spezielles Thema. Alle, die sich für solch ein Thema interessieren, finden in diesen Weblogs schnell und viele Informationen, die sie oft mit eigenen Kommentaren bestätigen, ergänzen oder korrigieren können.
Weblogs werden entweder von zentralen Dienstleistern im Internet betrieben, die kostenlos oder kostengünstig allen Internetnutzern den Betrieb eines Weblogs ermöglichen, oder von den Internetnutzern selbst, die auf ihrem eigenen Webspace eines der zahlreichen Weblog-Systeme installiert haben. Die bekanntesten wie "Sunlog", "WordPress", "b2Evolution" oder "pLog" sind sogar kostenlos erhältlich, andere wie "MovableType" oder "TypePad" des kalifornischen Herstellers "Six Apart" gegen Gebühren.
Inhaltlich ist bei den Verweisen und Kommentaren in Weblogs alles möglich, von privaten Dingen wie der neuen Liebe, dem letzten Beziehungskrach, Erlebnissen in der Freizeit, Familie, Beruf und vielem mehr bis hin zu öffentlichen Debatten, Skandalen oder weltweit bedeutenden Ereignissen. Wegen der vielen privaten Themen werden Weblogs oft auch als die Online-Nachfolger des Tagebuchs bezeichnet.
Schneller als die Massenmedien
Bei den angesprochenen Themen gibt es also kaum Unterschiede zu anderen Angeboten im WWW wie Website, Webforum oder Chat. Doch die persönlichen Notizen zu den Verweisen sind gerade einer der Erfolgsfaktoren für die Weblogs, andere Gründe sind die einfache Bedienbarkeit der Weblog-Systeme, die auch Internet-Laien schnell und mühelos die Veröffentlichung von Inhalten ermöglichen, die kostenlose Nutzung von Weblog-Systemen, die ortsunabhängige Aktualisierung von jedem Computer, PDA oder Mobiltelefon und zu jedem beliebigen Zeitpunkt sowie die interaktive Kommunikation mit der Leserschaft und anderen Bloggern. Die Leser von Weblogs schätzen die Schnelligkeit der Blogger, die bei manchen Ereignissen wie dem 11. September 2001, Kriegen oder Naturkatastrophen wie dem Tsunami sogar noch vor den Nachrichtenagenturen und Massenmedien von ihren eigenen Eindrücken berichteten.
Eines der bekanntesten deutschsprachigen Weblogs ist der "Schockwellenreiter" von Jörg Kantel, welches enorme Besucherzahlen aufweist. Selbst Politiker finden Gefallen an den Weblogs. Nicht nur die Präsidentschaftskandidaten im US-Wahlkampf 2004, sondern auch die EU-Kommissarin und Vizepräsidentin der EU-Kommission, die Schwedin Margot Wallström, teilt ihre Erlebnisse und Gedanken in einem englischsprachigen Weblog mit, um der Öffentlichkeit einen bestimmten Einblick zu gewähren.
Bloggen gegen Saddam
Als berühmtesten Blogger der Welt bezeichnet das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" einen 29-jährigen Iraker, der unter dem Pseudonym "Salam Pax" im September 2002 mit einem Weblog über die Situation in Bagdad in den letzten Tagen der langen Tyrannei Saddam Husseins großes Medieninteresse erzeugte. Salam berichtete von der bevorstehenden Invasion, seiner Todesangst durch amerikanische Bomben oder irakische Geheimpolizei, von seiner Leidenschaft für Musik und Popkultur, von seiner Homosexualität, seinen Freunden, dem Verschwinden von Personen und seiner Arbeit als Übersetzer für einen westlichen Journalisten.
Es gibt außerdem bereits einige Weblogs, die nicht mehr von Einzelpersonen, sondern von mehreren Bloggern gemeinsam betrieben werden. Das "BILDblog" ist dabei eines der prominentesten, vier Journalistinnen und Journalisten beobachten täglich die Boulevardzeitung "Bild" und prangern in ihrem Weblog Fehler durch mangelhafte Recherche, Textklau, Mauscheleien und Stimmungsmache in der "Bild"-Zeitung und bei "Bild Online" an.
Interessant sind nicht nur viele Weblogs, sondern auch die Diskussionen, die Blogger, Journalisten, Internetnutzer und Unternehmen über die Bedeutung und Zukunft von Weblogs führen. Strittig ist zum Beispiel immer noch, ob Weblogs eine neue Form des Journalismus, eine echte Gegenöffentlichkeit oder einfach nur die logische Weiterentwicklung der Webkommunikation sind. Es bleibt also weiterhin lebhaft und spannend.
Oliver Pritzkow arbeitet als freier Journalist und Autor für Zeitungen und Magazine. Er lebt in Berlin, wo er auch das Magazin Medienjournalismus herausgibt.
Foto: Ole Brömme
www.ojour.de
Interessantes Dossier zum Thema
www.bildblog.de
Notizen über eine große deutsche Boulevardzeitung
www.schockwellenreiter.de
Der Schockwellenreiter - Die tägliche Ration Wahnsinn
www.weblog.jrc.cec.eu.int
Weblog von Margot Wallström, EU-Kommissarin für Institutionelle Beziehungen und Kommunikation
www.stefanbucher.net
Fragen und Antworten zu Weblogs
www.unblogbar.com
Übersicht über fast alle Weblog-Systeme mit Angabe der Funktionen, Kosten und Hersteller-Websites
www.blogbinders.com
Netter Gag: Turn your weblog into reality
www.sunlog.org
Sunlog
www.wordpress.de
WordPress
www.b2evolution.net
b2Evolution
Zwei Wege zum eigenen Weblog
Du kannst mit deinem Weblog entweder direkt bei einem der Weblog-Dienstleister im Internet starten. Diese Anbieter haben die Weblog-Systeme auf ihren eigenen Webservern installiert und richten es dir nach einigen Arbeitsschritten ein, die hauptsächlich darin bestehen, Formularfelder wie Weblogtitel und so weiter auszufüllen.
Oder du installierst dir eines der zahlreichen Weblog-Systeme auf deinem Webspace. Dazu sind schon etwas mehr Kenntnisse nötig als bei den Weblog-Anbietern. So musst du die technischen Voraussetzungen kennen, da die meisten Systeme auf PHP und einer Datenbank wie MySQL basieren. Außerdem ist die Auswahl an Systemen größer als bei den Dienstleistern und manche unterscheiden sich nicht in der Anzahl der Funktionen, sondern bei der Bedienung. Es kann also sein, dass du erst einige Systeme ausprobieren musst, bevor du das für dich passende findest.
Eine gute Übersicht über Weblog-Anbieter und Weblog-Systeme (dort "Weblog-Software" genannt) liefert das PlasticWiki von Stephan Mosel: www.plasticthinking.org
In der www.weblog-werkstatt.de von Carola Heine finden sich drei Anleitungen zur Installation der Weblog-Systeme "pLog", "WordPress" und "TextPattern" auf Webservern:
- http://weblog-werkstatt.de/article/6/plog-installation-auf-dem-webserver
- http://www.weblog-werkstatt.de/article/10/wordpress-installation-auf-dem-webserver
- http://www.weblog-werkstatt.de/article/2/textpattern--installation-auf-dem-webserver
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