In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Zeitungen und Magazine eingestellt, die Verlagshäuser und Rundfunkanstalten haben vor allem junge Journalist/innen entlassen, gleichzeitig werden die Geschichten in den Zeitungen immer flacher und das Fernsehen flirtet immer öfter mit dem Boulevard. Wie geht es weiter mit dem Journalismus? Ingrid Kolb, die Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg, gibt im Gespräch mit Andreas Trabusch einen kritischen Ausblick.
Frau Kolb, gibt es für junge Menschen derzeit berufliche Perspektiven im Journalismus?
Man ist natürlich ein bisschen skeptischer geworden nach der wirtschaftlichen Entwicklung, die wir hinter uns haben und in der wir teilweise noch drinstecken. Ich glaube aber, dass dieser Beruf eher noch wichtiger geworden ist. Bei der Flut von Informationen - mehr oder weniger unterhaltsam verpackt oder gelegentlich sogar versteckt - braucht man Leute, die das gelernt haben: das Wesentliche herauszufiltern und es verständlich aufzubereiten. Und damit einem großen Publikum die Möglichkeit zu geben, an der öffentlichen Meinungsbildung in den wichtigen Fragen teilzuhaben. Nach wie vor sind es Journalisten, die das tun.
Sie würden also jemandem, der diesen Beruf ergreifen will, angesichts der wirtschaftlichen Lage der Branche nicht abraten?
Wenn jemand das Gefühl hat, dass das der Beruf ist, den er machen möchte, und wenn er Leidenschaft dafür mitbringt, dann würde ich keinem Menschen davon abraten. Ich würde ihm vielleicht ein paar selbstkritische Fragen auferlegen, die man sich vorher stellen sollte. Es ist kein Beruf, den man ergreifen sollte, weil es irgendwie chic ist oder weil man denkt, da kommt man mit den Promis der Glamourwelt zusammen. Sondern es ist ein Beruf, in dem man Verantwortung tragen muss, in dem man hart arbeiten und belastbar sein muss. Ganz vorneweg kommt natürlich die Lust am Schreiben und am Erzählen und das Talent dazu.
Wie sieht es da mit der Verantwortung des einzelnen Journalisten aus, die Sie beschworen haben?
Natürlich ist das wichtig, dass er die Selbstkritik beibehält. Und sich fragt: Was mache ich da jetzt eigentlich? Und für wen? Wem nützt das? Spannt mich hier jemand für seine Zwecke ein?
Aber der einzelne Journalist ist eingebettet in das Mediensystem. Und wenn Medien - also die Verlagsspitzen, die Eigentümer oder das Top-Management - ihre Standards senken und bestimmte Prinzipien aufgeben, ist der einzelne Journalist mit seinem Ethos schnell am Ende. Und dennoch gilt: Vielleicht sollte er oder sie mal von einem Blatt weggehen, wenn das alles nicht mehr zu verantworten ist.
Wohin lässt sich wechseln? Hat es nicht insgesamt eine Verflachung gegeben - auch im so genannten Qualitätsjournalismus - etwa bei der Frage der Themengewichtung?
Ja, das ist ein schleichender Prozess. Die Umfänge sind nicht größer geworden, sondern durch ein reduziertes Anzeigenaufkommen eher kleiner. Und wenn man jetzt auch als seriöses Medium an bestimmten Themen nicht mehr vorbeikommt, dann fällt etwas anderes dafür durch den Rost. Ich bin in einer "Initiative Nachrichtenaufklärung". Das ist eine Idee aus Amerika. Wir kommen einmal im Jahr zusammen und wählen aus verschiedensten Vorschlägen die zehn Themen, die unserer Meinung nach von Medien vernachlässigt worden sind, die aber wichtig gewesen wären.
Welches Thema war im vergangenen Jahr Ihre erste Wahl?
Die Frage, was mit Asylbewerbern in ihren Ländern passiert, nachdem sie aus Deutschland abgeschoben wurden. Man kann natürlich nicht von jedem Medium verlangen, dies kontinuierlich nachzurecherchieren. Aber es ist wichtig, sich dieses Problem mal in den Kopf zu holen. Es gab da ein paar ganz krasse Beispiele. Vor allem Frauen, die in archaische Gesellschaften zurückkehren mussten, wo sie geächtet sind. Die dort keinen Beistand haben und deren Töchter zwangsverheiratet werden. Dies ist ein Beispiel für ein Thema, das durch den Rost fällt, weil irgendeine Society-Geschichte viel Raum einnimmt. Ich will nicht rügen, dass die Leute die Society-Themen interessieren, mich interessieren sie auch, aber ich hätte gerne ein angemesseneres Verhältnis zwischen den wichtigen Stoffen und diesen Themen.
Ingrid Kolb (Jahrgang 1941) ist seit knapp zehn Jahren Leiterin der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Stationen ihrer journalistischen Laufbahn waren unter anderem der "Münchner Merkur", "Jasmin" und "Der Spiegel". Bevor Kolb die Schulleitung von Wolf Schneider übernahm, war sie als Autorin für den "Stern" tätig.
Andreas Trabusch arbeitet für die ARD in Hamburg.
Fotos: © Henri-Nannen-Schule / GuJ
Kommentare
Was bisher geschah...
Freie Journalistenschule
In Ihrer Übersicht wurde auch die Freie Journalistenschule (FJS) vergessen: Freie Journalistenschule (FJS) http://www.freie-journalistenschule.de Herzlichen Gruß Friedhelm Merten (Teilnehmer)
Friedhelm Merten | 3. Dezember 2010
Dein Kommentar