Es gibt viele Wege Journalist zu werden, und es gibt wohl genauso viele Möglichkeiten, als Journalist zu arbeiten. Bei einer Zeitung, im Fernsehen oder im Netz, als Redakteur, freier Autor oder mit eigener Produktionsfirma. Wir haben Kollegen und Kolleginnen gebeten, ein wenig über ihren Weg in den Journalismus und ihren Job zu erzählen.
Die Freie: Viola Keeve über Mode, Mörder, Maharadschas
Im letzten Jahr las ich eine sehr lustige Kolumne von Harald Martenstein in der Zeit. Er sei eine "Schreibhure", für Geld mache er es mit jedem Thema. Genauso ist es, dachte ich. "Schreibhure", das wird mein Karnevalskostüm 2004. Doch keiner meiner schunkelnden Kollegen von der Kölner Wirtschaftspresse verstand: Computermaus, Kugelschreiber, lila Haare - was sollte das sein? Auch im Karneval gilt: keine intellektuellen Experimente, man geht als Pommes, Zahnpasta, Scheich.
Auch bei freien Journalisten zählt Klarheit. Schlaue spezialisieren sich, auf Wirtschafts-PR oder Weinreisen, fahren gut damit, verdienen genug Geld, langweilen sich aber manchmal. Andere sind breiter aufgestellt, den freien Fall, auch finanziell, gewohnt, Bauchladenmenschen wie ich. Auf der Rückseite meiner Visitenkarte könnte stehen: Mode, Mörder, Maharadschas, Gucci, Geschlechtskrankheiten, Golfstaaten oder Brautmode, Blutspuranalyse, Biowaffen. Das habe ich alles geschrieben, mal für die Zeit, die FAZ, die Welt am Sonntag, die TAZ, fluter, mal für Freitag, Dummy, den Playboy, Flora Garten, Lenz, Amica oder Abenteuer Reisen.
Das war immer so: Ich habe für den NDR in Göttingen Kneipengottesdienste besucht, während des Studiums, für das Stadtmagazin Schizophrene am See getroffen, für RTL in Frankfurt und Hannover Amokläufer und Flugabstürze eingefangen, beim ZDF Fernsehgarten in Mainz Dampfnudelrezepte und Hundehüttenfotos verschickt, bei Burda Strickzeitschriften betextet und bei Bizz-Capital das Leben, Golf, Manga, Helmut Lang, Zeitmanagement und Autos der Zukunft. Was noch kommen kann? Vielleicht mehr Geld, ein fester Job - und Langeweile. "Den weisen Menschen macht die Kunst des Staunens aus", hat André Gide gesagt. Recht hat er.
Viola Keeve lebt in Köln und schreibt regelmäßig für fluter.de.
Der Moderator: Steffen Hallaschka über mediale Wanderarbeit und Einschaltquoten
Achtung, Lieblingsfrage: "Wie wird man denn eigentlich Moderator?" Meine Lieblingsantwort: "Moderator wird man nicht, das passiert einem."
Bei mir wurde ein Radio-Gastkommentar als Schülerzeitungsmacher zum Start einer freien Mitarbeit als Radioreporter und Redakteur. Das Angebot zur ersten Moderation kam gottlob vor dem Verlangen, unbedingt moderieren zu müssen. Die Einladung zum ersten Fernsehcasting folgte, als die Radiokarriere gerade Fahrt aufnahm. Und während ich als Schwangerschaftsvertreter bei "Polylux" zum ersten Mal an prominenter Stelle in die Wohnzimmer grüßte, reifte parallel die Idee, mit einer eigenen Produktionsfirma ein neues Standbein zu schaffen.
Zugegeben: Diese Flexibilität sieht aus wie das Gegenteil von Karriereplanung. Und letztlich bedeutet dieses Leben als medialer Wanderarbeiter auch nur, aus der Not eine Tugend zu machen - und aus dem Misstrauen ein Prinzip. Denn wer sich in Funk und Fernsehen auf Lob und Absichtserklärungen verlässt, ist schnell selbst verlassen. Dass dann gleich mein erster Job beim Fernsehen als Moderator von "100 Grad" (Deutsche Welle tv) drei ganze Jahre andauerte, ist im Nachhinein ein großer Segen. Lernen, entwickeln, ausprobieren - ohne tägliche Quotentabellen und nervöse Programmchefs. Toll! Und danach: Frühstücksfernsehen, Jugendradio, Zeitgeistfernsehen, Kulturmagazin, Trash-Entertainment, Politikshow, Erwachsenenradio ...
Zum Schluss die gute Nachricht: Es lebt sich gut zwischen den Stühlen! Und ich möchte mit keinem der Kollegen tauschen, die auf eine Rolle festgelegt werden, nur um früher oder später in Dschungelcamps, auf Almen und Burgen ums mediale Gnadenbrot zu betteln.
Und das nächste Projekt? Zwischen Castings, Formatentwicklung und Radiomoderationen mache ich in diesen Tagen meinen Studienabschluss. Wer weiß, wofür es gut ist ...
Steffen Hallaschka (Jahrgang 1971) moderiert seit 1993 im Radio und seit 1995 im Fernsehen. 2002 hat er die Firma televisionaere (www.televisionaere.de) gegründet. Er moderierte für hr2, Radio FRITZ, Deutsche Welle tv ("100 GRAD"), ProSieben ("MorningShow"), ARD ("Polylux") und WDR ("Kanzlerbungalow"). Zurzeit ist Steffen Hallaschka beim RBB-Sender radioeins zu hören.
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