t

Wunsch und Wirklichkeit

Vier Journalisten erzählen über ihren Beruf

1.3.2005 | Viola Keeve, Steffen Hallaschka, Nils Klawitter, Alva Gehrmann | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Es gibt viele Wege Journalist zu werden, und es gibt wohl genauso viele Möglichkeiten, als Journalist zu arbeiten. Bei einer Zeitung, im Fernsehen oder im Netz, als Redakteur, freier Autor oder mit eigener Produktionsfirma. Wir haben Kollegen und Kolleginnen gebeten, ein wenig über ihren Weg in den Journalismus und ihren Job zu erzählen.


Die Freie: Viola Keeve über Mode, Mörder, Maharadschas

Im letzten Jahr las ich eine sehr lustige Kolumne von Harald Martenstein in der Zeit. Er sei eine "Schreibhure", für Geld mache er es mit jedem Thema. Genauso ist es, dachte ich. "Schreibhure", das wird mein Karnevalskostüm 2004. Doch keiner meiner schunkelnden Kollegen von der Kölner Wirtschaftspresse verstand: Computermaus, Kugelschreiber, lila Haare - was sollte das sein? Auch im Karneval gilt: keine intellektuellen Experimente, man geht als Pommes, Zahnpasta, Scheich.

Auch bei freien Journalisten zählt Klarheit. Schlaue spezialisieren sich, auf Wirtschafts-PR oder Weinreisen, fahren gut damit, verdienen genug Geld, langweilen sich aber manchmal. Andere sind breiter aufgestellt, den freien Fall, auch finanziell, gewohnt, Bauchladenmenschen wie ich. Auf der Rückseite meiner Visitenkarte könnte stehen: Mode, Mörder, Maharadschas, Gucci, Geschlechtskrankheiten, Golfstaaten oder Brautmode, Blutspuranalyse, Biowaffen. Das habe ich alles geschrieben, mal für die Zeit, die FAZ, die Welt am Sonntag, die TAZ, fluter, mal für Freitag, Dummy, den Playboy, Flora Garten, Lenz, Amica oder Abenteuer Reisen.

Das war immer so: Ich habe für den NDR in Göttingen Kneipengottesdienste besucht, während des Studiums, für das Stadtmagazin Schizophrene am See getroffen, für RTL in Frankfurt und Hannover Amokläufer und Flugabstürze eingefangen, beim ZDF Fernsehgarten in Mainz Dampfnudelrezepte und Hundehüttenfotos verschickt, bei Burda Strickzeitschriften betextet und bei Bizz-Capital das Leben, Golf, Manga, Helmut Lang, Zeitmanagement und Autos der Zukunft. Was noch kommen kann? Vielleicht mehr Geld, ein fester Job - und Langeweile. "Den weisen Menschen macht die Kunst des Staunens aus", hat André Gide gesagt. Recht hat er.

Viola Keeve lebt in Köln und schreibt regelmäßig für fluter.de.


Der Moderator: Steffen Hallaschka über mediale Wanderarbeit und Einschaltquoten

Achtung, Lieblingsfrage: "Wie wird man denn eigentlich Moderator?" Meine Lieblingsantwort: "Moderator wird man nicht, das passiert einem."

Bei mir wurde ein Radio-Gastkommentar als Schülerzeitungsmacher zum Start einer freien Mitarbeit als Radioreporter und Redakteur. Das Angebot zur ersten Moderation kam gottlob vor dem Verlangen, unbedingt moderieren zu müssen. Die Einladung zum ersten Fernsehcasting folgte, als die Radiokarriere gerade Fahrt aufnahm. Und während ich als Schwangerschaftsvertreter bei "Polylux" zum ersten Mal an prominenter Stelle in die Wohnzimmer grüßte, reifte parallel die Idee, mit einer eigenen Produktionsfirma ein neues Standbein zu schaffen.

Zugegeben: Diese Flexibilität sieht aus wie das Gegenteil von Karriereplanung. Und letztlich bedeutet dieses Leben als medialer Wanderarbeiter auch nur, aus der Not eine Tugend zu machen - und aus dem Misstrauen ein Prinzip. Denn wer sich in Funk und Fernsehen auf Lob und Absichtserklärungen verlässt, ist schnell selbst verlassen. Dass dann gleich mein erster Job beim Fernsehen als Moderator von "100 Grad" (Deutsche Welle tv) drei ganze Jahre andauerte, ist im Nachhinein ein großer Segen. Lernen, entwickeln, ausprobieren - ohne tägliche Quotentabellen und nervöse Programmchefs. Toll! Und danach: Frühstücksfernsehen, Jugendradio, Zeitgeistfernsehen, Kulturmagazin, Trash-Entertainment, Politikshow, Erwachsenenradio ...

Zum Schluss die gute Nachricht: Es lebt sich gut zwischen den Stühlen! Und ich möchte mit keinem der Kollegen tauschen, die auf eine Rolle festgelegt werden, nur um früher oder später in Dschungelcamps, auf Almen und Burgen ums mediale Gnadenbrot zu betteln.

Und das nächste Projekt? Zwischen Castings, Formatentwicklung und Radiomoderationen mache ich in diesen Tagen meinen Studienabschluss. Wer weiß, wofür es gut ist ...

Steffen Hallaschka (Jahrgang 1971) moderiert seit 1993 im Radio und seit 1995 im Fernsehen. 2002 hat er die Firma televisionaere (www.televisionaere.de) gegründet. Er moderierte für hr2, Radio FRITZ, Deutsche Welle tv ("100 GRAD"), ProSieben ("MorningShow"), ARD ("Polylux") und WDR ("Kanzlerbungalow"). Zurzeit ist Steffen Hallaschka beim RBB-Sender radioeins zu hören.
Der Redakteur: Nils Klawitter über die Traditionen bei "Zeit" und "Spiegel"

Es gibt die Legende, man solle sich beim Spiegel nicht um einen Job bewerben. Man werde zu gegebener Zeit gerufen. Bei mir war das nicht so. Ich hatte vor allem Glück. Im Herbst 2001 las ich von Personal-Rochaden in der Hamburger Wirtschaftsredaktion und meldete mich. Ich schrieb seinerzeit frei für Die Zeit, Die Woche und die Süddeutsche. Ich solle mal nach Hamburg kommen, hieß es zuerst.

Ich solle mal einen Artikel schreiben, hieß es dann - über einen Herrn Hundertmark, der damals dabei war, Zigarrenlounges nach englischem Vorbild in einigen Großstädten zu gründen (und damit später, soviel ich weiß, Pleite ging). Der Artikel kam ins Heft und einige Wochen später bekam ich einen Vertrag im Ressort Wirtschaft und Medien.

Dabei bin ich genaugenommen nicht vom Fach: Ich habe Geschichte, Politik und Jura studiert - zuerst in Göttingen, wo ich für eine kleine Stadtzeitung schrieb und für Radio FFN über erste Asylbewerberheime im Osten und Fans des neuen ICE berichtete, die sich damals auf Eisenbahnbrücken trafen, um den High-Tech-Fahrtwind zu spüren.

1992 unterbrach ich mein Studium für eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München (16 Monate Kompaktklasse). Der erste Job danach führte mich noch während des Studiums in ungeahnte Tiefen des deutschen Magazinjournalismus: Ich nahm an dem großartigen Projekt einer neuen "Info-Illustrierten" ("Tango") teil, das glücklicherweise nach einem Jahr eingestellt wurde.

Nach Abschluss meines Studiums ging ich zur Zeit, wo ich zuerst als Hospitant, dann als Jungredakteur ein Jahr im Dossier war. Das ist der Teil der Zeit, der meist "für später" auf den dicken Zeitungsstapel gelegt und dort allmählich verschüttet wird. Was natürlich ein Frevel ist: In wohl keinem deutschen Blatt kann ein Thema, eine Person, eine Branche so ergiebig seziert werden wie auf diesen drei Zeit-Seiten.

Natürlich funktioniert der Spiegel anders: Langmut und Analyse in der Zeit, zynischer Stil und Themenoberhoheit beim Spiegel. So heißt es. Doch im Grunde haben beide mehr gemein, als sie trennt: Beide sind Print-Prähistoriker, die wohl kein Blattmacher mehr so erfinden würde. Und wahrscheinlich ist es genau dieser Anachronismus und die Vorstellung, an einer Tradition mitzuschreiben, die sich keiner Konjunktur bestimmter Themen unterwirft - wahrscheinlich ist es irgendwas in diese Richtung, was mich hier hält.

Nils Klawitter lebt in Hamburg.

Die Spätberufene: Alva Gehrmann über Umwege und Lebenserfahrung

Als Jugendliche habe ich nie bei der Schülerzeitung mitgearbeitet oder gar ein Praktikum bei der Lokalzeitung gemacht. Journalistin bin ich erst sehr viel später geworden. Nach dem Abitur absolvierte ich in Köln zuerst eine Ausbildung zur Steuerfachgehilfin. Dort lernte ich vor allem, dass der Spruch "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" wirklich stimmt. Auch deshalb ging ich danach nach Berlin: studierte Kunstgeschichte und Betriebswirtschaftslehre mit dem Ziel, Kulturmanagerin zu werden.

Neben meinem Studium hatte ich diverse Jobs, um Geld zu verdienen, und es war Zufall, dass ich irgendwann ein Praktikum beim Fernsehen machte. Schon damals merkte ich, dass mich der Journalismus reizt, trotzdem ging ich noch drei weitere Jahre brav zur Universität. Erst mit 27 bewarb ich mich dann bei der Berliner Journalisten-Schule: und wurde aufgenommen. Die Ausbildung dauerte 16 Monate, während der ich auch Praktika bei Spiegel Online, n-tv und dem Tagesspiegel machte.

Auch wenn ich erst später zum Journalismus gekommen bin, die Zeit davor ist auf gar keinen Fall verschwendet. Die Lebenserfahrung kommt mir immer wieder zu Gute. Heute arbeite ich als freie Journalistin unter anderem für den Tagesspiegel, die Frankfurter Rundschau, Das Parlament und für fluter.de. Vor einem Jahr habe ich gemeinsam mit Kollegen ein Redaktionsbüro gegründet. Zusammen ist der Kampf als freie Journalistin einfach nicht so hart.

Das Redaktionsbüro von Alva Gehrmann und ihren Kollegen: www.freieredaktion.de


www.bpb.de
Ein Schwerpunkt der Bundeszentrale für politische Bildung zu den Medien

Kommentare

Dein Kommentar