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William S. Burroughs: Die elektronische Revolution

Cut-Ups als subversive Waffe

 sterne

Martin Conrads | 1.3.2005

Dass man technisch erzeugten Klang als Waffe oder zum Zweck der Kritik einsetzen kann, bewies einmal mehr Ende Februar 2005 eine subversive Aktion im “Hamburger Bahnhof“, einem der großen Ausstellungsorte für zeitgenössische Kunst in Berlin. Ziel der Aktion war die dort gezeigte "Friedrich Christian Flick Collection", die Kunstsammlung eines Enkels des verurteilten Naziverbrechers Friedrich Flick, der als Rüstungslieferant hunderte von Zwangsarbeiter/innen ausbeutete. Aus Teilen des so erwirtschafteten Geldes kaufte sein Enkel Friedrich Christian Flick Jahrzehnte später eine Kunstsammlung zusammen, die nun in einem staatlichen Museum hängt. Und das, ohne dass Flick gleichzeitig Geld in den vor wenigen Jahren gegründeten "Zwangsarbeiterfonds" einzahlen würde, aus dem die Opfer finanzielle Entschädigung erhalten könnten.

In den letzten Monaten hat dies nicht nur viel öffentliche Empörung hervorgerufen, sondern auch Störungen und Interventionen innerhalb der Ausstellung provoziert. Ende Februar wurden an verschiedenen Stellen in den Ausstellungsräumen "Alarmsirenen" versteckt, die Signaltöne von sich gaben, bevor sie vom Wachpersonal abgeschaltet werden konnten. Ein Bekennerschreiben bezeichnete diese Aktion als "Handlungskonzept, das permanent von Einzelnen oder von Gruppen wiederholt werden kann" - mit dem Ziel, die Schließung der Ausstellung zu erzwingen.

Verschimmelter Käsekuchen

Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass die Urheber/innen dieser Aktion in einer subversiven Tradition handelten, die heute auch mit dem Begriff "Sound-Aktivismus" umschrieben wird. Begründet wurde sie aber schon vor Jahrzehnten. Der US-amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs (1914-1997) etwa, einer der Protagonisten der "Beat Generation", entwickelte um 1970 eine Theorie über die medientechnische Wirkung des "Playback", also der Wiedergabe, nach der "jede Aufnahme, die am Aufnahmeort wieder abgespielt wird", einen Effekt auslösen kann. 1966 zum Beispiel nahm Burroughs in London mit einem Tape-Rekorder auf der Straße einen vorbeifahrenden Feuerwehrlöschzug auf. Als er nach Bearbeitung des Bandes die Aufnahme in der gleichen Straße abspielte, fuhr wieder ein Löschzug vorbei.

Ob literarische Freiheit, Zufall oder Medienwirkungsforschung - Burroughs machte die Probe aufs Exempel. Als man ihm 1972 in einer Londoner Bar verschimmelten Käsekuchen servierte, wandte er seine Playback-Beobachtung als Gegenmittel an: "Wenn man Ton- und Filmaufnahmen von einem Lokal macht, das man unter Druck setzen oder zur Aufgabe zwingen möchte, und wenn man dann die Aufnahmen vor dem Lokal abspielt und gleichzeitig neue macht, dann ereignen sich Unfälle, Brände oder Umzüge. Vor allem Letzteres. Das Objekt weicht aus." Burroughs stand also mit seinem Tonbandgerät vor dem Objekt; keine drei Monate später war die Bar angeblich verschwunden.

Scrambelt die Macht der Monopole!

Nachzulesen ist dieses Handlungskonzept, das von Einzelnen oder von Gruppen wiederholt werden kann, in "Der erste Watergate-Skandal passierte im Garten Eden" - ein Burroughs-Text, der meist seinem noch bekannterem Text "Die elektronische Revolution" ("Electronic Revolution") von 1970/71 vorangestellt wird. Vor allem in "Die elektronische Revolution" entwickelt Burroughs eine Theorie, nach der die menschliche Sprache wie ein Virus funktioniert, der als Waffe eingesetzt werden kann. Die "Cut-Up"-Methode, die sein Freund Brion Gysin in den späten 1950er-Jahren entdeckte, kommt Burroughs bei der Überlegung zur Hilfe, wie man den Virus der Sprache mithilfe technischer Medien zum Einsatz bringen kann. Die einfachste Form der Cut-Up-Methode besteht im Zerschneiden einer Zeitungsseite in vier gleiche Teile, die, in anderem Muster als dem ursprünglichen zusammengesetzt, neuen Sinn produzieren wird: Burroughs beobachtete, dass die dabei zufällig entstehenden Sätze subversiven Gehalt haben können - indem sie bereits von erst zukünftig passierenden Ereignissen berichten.

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Diese Technik wandte Burroughs auch auf Fotos, Tonbänder und Filme an – er behauptete sogar, dass "Tonband-Cut-Ups als revolutionäre Waffe eingesetzt werden können". Seine Grundüberlegung war, dass die Kontrolle der Massenmedien auf "Assoziationsreihen" beruht, die man durch Cut-Ups "scrambeln", also zerhacken kann, so dass die Kontrolle gebrochen wird. Wenn die Effekte gescrambelter, also "verschnittener" Aufnahmen wie ein nicht wahrnehmbarer Virus wirken, würden, so Burroughs, bei einer Demonstration mit dem Tape-Rekorder eingespielte Geräuscheffekte von Krawallen einen tatsächlichen Krawall auslösen können.

Eine andere Anwendung, die sich der Schriftsteller denkt, wäre ein "Sex-Tape-Festival", bei dem sich 100.000 Menschen ihre verschnittenen, privaten Sex-Aufnahmen vorspielen und gemeinsam zusammenschneiden, bevor sich schließlich alles orgiastisch in die Arme fällt. Vor allem der "Untergrundpresse" empfahl Burroughs in "Die elektronische Revolution" die Cut-Up-Technik als Methode der Subversion, gerade um das Bewusstsein über den Krieg zu verändern - "das Kriegsspiel in Frage zu stellen" - um dieses schließlich beenden zu können.

Inspiration für die Popkultur

Burroughs, der drei seiner Romane selbst in Cut-Up-Technik schrieb, gilt nicht nur wegen "Die elektronische Revolution" als Vordenker von "Gegenkultur" und "Subversion" im 20. Jahrhundert. Vor allem die gesellschaftliche Zurückweisung seiner Homosexualität, seine Drogensucht und die Tatsache, dass Burroughs 1951 aus Versehen seine Frau bei dem Versuch erschoss, die bekannte Apfelszene aus "Wilhelm Tell" nachzustellen, werden immer wieder bemüht, um die Exzentrik seines Gesamtwerkes zu erklären. Wenige Schriftsteller sind dabei so von der Popkultur rezipiert worden wie Burroughs. Es gibt kaum einen Roman von ihm, nach dem sich nicht eine Band benannte (Nova Express, Naked Lunch, Soft Machine ...).

Und nicht zuletzt bezogen sich "Industrial"-Bands wie Cabaret Voltaire oder Throbbing Gristle mit ihrer in Cut-Up-Manier produzierten Musik immer wieder auf "Die elektronische Revolution". Mit seiner Rolle als Inspirator gab sich Burroughs aber nicht zufrieden; noch in den 1990ern arbeitete er mit Popmusikern wie Tom Waits oder U2 zusammen. Ob mittlerweile das "Cut/Copy/Paste"-Prinzip digitaler Medien dazu beiträgt, den subversiven Gehalt der Cut-Up-Technik zu schmälern oder zu erweitern, könnte man, laut Burroughs, erfahren, wenn man diesen fluter-Text ausdruckt, das Blatt zerschneidet und neu ordnet. Was allerdings passiert, wenn man sich mit einem Tape-Rekorder vor den "Hamburger Bahnhof" stellt, steht auf einem anderen Blatt.

William S. Burroughs: Die elektronische Revolution
(Expanded Media Editions 2001, ca. 10 €)




Martin Conrads lebt als Urenkel eines Bäckers in Berlin und versteht bei verschimmeltem Käsekuchen auch keinen Spaß mehr.

Foto: "William S. Burroughs" / © Verlag Dirk Nishen, 1994
aus: Michael Köhler und Carl Weissner (Hg.): Burroughs. Eine Bild-Biographie

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Soundaufnahmen von und mit Burroughs (englisch)

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"Die elektronische Revolution" im englischen Original

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