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Kraftwerk: Die Roboter

Die Grenze zum Menschlichen

9.4.2010 | Michael Saager | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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"Die Realität ist heute so beschaffen, dass in ihr mehr Science Fiction liegt als in einer Reise in den Weltraum." Der Satz stammt von Kraftwerk. Die Mitglieder der 1968 in Düsseldorf gegründeten Band spielen darin auf die bisweilen surreal anmutende Kälte und fantastische Künstlichkeit von Technologien an.

Der Geist der Technik hat es Kraftwerk angetan: In ihren melancholischen elektronischen Songs hauchten sie Maschinen, Techniken und technologischen Komplexen mit sanftem Gesang und synthetisch verfremdeten Roboter-Stimmen Leben ein. Sie machten die Autobahn, die Eisenbahn, den Taschenrechner oder das Radio zu beseelten Wesen. In Kraftwerks Texten wird die Gegenwart der Technik besungen wie eine gleißende Zukunft – obwohl auch manche Klage oder Sorge in ihren Songs steckt.

Inspiration Bauhaus

So zukunftsweisend die Band musikalisch und textlich agierte, Kraftwerks konzeptuelle Ideen und die Ästhetik ihrer Platten-Designs weisen in die Vergangenheit. Mitbegründer Ralf Hütter sagte einmal: "Wir sind die Kinder von Wernher von Braun und Fritz Lang." Die Konstruktivisten/innen der Bauhaus-Ära, insbesondere der russische Grafikdesigner und Architekt El Lissitzky sowie der Hauslyriker des russischen Futurismus, Wladimir Wladimirowitsch Majakowski, dienten der Band als Inspirationsquellen.
 
In ihrer Hochphase, in der Kraftwerk die Alben "Radio-Aktivität" (1975), "Trans Europa Express" (1977), "Die Mensch-Maschine" (1978) und "Computerwelt" (1981) veröffentlichten, waren sie in den deutschen Feuilletons durchaus umstritten. "Seelenlos" wurde ihre Maschinen-Musik genannt. Wesentlich mehr Zuneigung erfuhr die Band durch aufgeschlossene Musikerkollegen/innen und Kritiker/innen, vor allem aus den USA.

Stumpfes Maschinenleben

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Als Kraftwerk nach fünf Jahren Fernsehabstinenz im März 1978 im ZDF auftraten, taten sie das als lebende Roboter in einem farblich an den Konstruktivismus erinnernden Outfit; roten Hemden, grauen Hosen, mit streng gescheitelten Kurzhaarfrisuren und einem dazu passenden Bewegungsrepertoire. Sie stellten ihre Single "Die Roboter" vor; das Album "Die Mensch-Maschine" sollte einen Monat später erscheinen. Sieht man von den Wiederholungen ab, ist der Text dieses Songs bandtypisch kurz und inhaltlich nahezu banal. Letzteres könnte allerdings täuschen, denn er bewegt sich gleich auf mehreren Bedeutungsebenen.
 
Im Mittelpunkt steht die Zeile "Wir sind die Roboter", die so oft und monoton wiederholt wird, dass man den Eindruck bekommt, man hätte es bei dem singenden Protagonisten, dessen Stimme durch einen Vocoder verfremdet wurde, tatsächlich mit einem Roboter zu tun. Ein Roboter, dessen Arbeit und einziger Zweck darin besteht, sich und seine "Kollegen" in einer unendlich scheinenden Phrase wiederholend selbst vorzustellen – ohne Müdigkeit, ohne Ende. Ein wahrhaft stumpfes Maschinenleben.
 
Nun ist gerade der Satz "Wir sind die Roboter" Teil des Image-Konzeptes von Kraftwerk; eines Konzeptes, das sich mit dem Album "Die Mensch-Maschine" deutlich in Richtung Maschinisierung des Menschlichen verschob. Die künstlerische Sehnsucht, selbst zu etwas Außermenschlichem – zur Maschine, zum Roboter - zu werden, klingt darin an. Wie auch der Wunsch, nicht länger als normale Band wahrgenommen zu werden. Kraftwerk wollten "das Andere" der Popmusik sein – bei Presseauftritten ließen sie sich durch Puppen oder roboterähnliche Wesen vertreten. Performativ ging es ihnen um Entindividualisierung, künstlerisch um die Erledigung des Autorensubjektes. Dass die Verhältnisse zwischen den Bandmitgliedern von Spannungen und Eitelkeiten geprägt waren, spricht allerdings eine ganz andere, individualisierte Sprache.

Dein Sklave, dein Roboter

Poppig-flottes Text-Zugeständnis an die Tänzer/innen, für die der Proto-Techno-Song "Die Roboter" bestimmt war, sind Zeilen wie diese: "Wir laden unsre Batterie / Jetzt sind wir voller Energie" und: "Wir funktionieren automatik / Jetzt wollen wir tanzen mechanik".
 
Interessanter sind deshalb die in den Song-Breaks positionierten russischen Zeilen "Ja tvoi sluga" (Ich bin dein Sklave) und "Ja tvoi rabotnik" (Ich bin dein Arbeiter). Sie bringen die durch den Menschen vorgenommene Definition des Roboters auf den Punkt: Der Roboter, ob ein einfacher oder ein humanoider – der menschlichen Gestalt nachempfundener –, ist ein Diener, ein Sklave, ein unermüdlicher Arbeiter. Auch wenn er mit Gefühlen, einem Selbstbewusstsein und einem Willen ausgestattet wird, bleibt er doch das rechtlose Anhängsel seiner menschlichen Schöpfergesellschaft. Im Wissen um diese schicksalhafte Bestimmung liegt die Tragik zahlreicher Roboterexistenzen in Filmen und Büchern der Science Fiction.

Vom Roboter zum Cyborg

Der Roboter markiert die Grenze zum Menschlichen. Und mehr noch: Er ist diese Grenze. Gleichwohl ist er eine antiquierte Figur. Sowohl in von Science Fiction inspirierten Theorie-Diskursen wie in der Science Fiction selbst geht es nur noch selten um ihn. Der Cyborg, dieses Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine, hat ihn vor Jahren ersetzt. Durch die Figur des Cyborgs haben sich die Möglichkeiten und Grenzen des Denkbaren über das, was Natur ist oder sein könnte, noch einmal erheblich verschoben.
 
Kraftwerks Satz "Wir sind die Roboter" ist daher schneller gealtert als die Musik selbst. Insbesondere ein mit so zeitgemäßen, gerade getakteten Beats versehener Hybrid aus Song und Track wie "Die Roboter" wird heute noch gern gespielt – in den Discos, sogar in den großen Techno-Clubs. Und wirkt dabei unglaublich frisch, trotz und auch wegen seines retroesken Charmes.


Michael Saager schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen, ist leitender Redakteur des Magazins pony und lebt in Berlin.

Fotos: ©Kraftwerk, kraftwerk.com


www.elyrics.net
Songtext von "Die Roboter"

www.kraftwerk.com
Offizielle Seite von Kraftwerk

www.myspace.com/kraftwerk
Die Myspace-Seite der Band
 





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