
Juni 2006. Endlich habe ich mein Abi in der Tasche. 1,2 – wow,
doch was nun? Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig ist, sich für einen
Studiengang zu entscheiden. Die Fülle an Angeboten und neuartigen
Studienmöglichkeiten ist verwirrend und scheint mir unübersichtlich. Ganz besonders
interessiere ich mich für Sprachen und Politik – aber lässt sich das überhaupt unter
einen Hut bringen? Im Internet finde ich den Studiengang "European Studies".
Das sagt mir auf Anhieb zu.
Auf nach Europa
Der Studiengang qualifiziert nicht für ein spezielles
Berufsfeld, sondern verspricht, sozialwissenschaftliche, kulturelle und
sprachliche Kompetenzen zu vermitteln, die durch die Erweiterung der EU und die
europäische Integration notwendig geworden sind. Die Absolventen/innen sollen
sich nachher in vielen Bereichen betätigen können. Je nach Universität ist der
Studiengang unterschiedlich aufgebaut.
Ich entscheide mich für die Universität Twente in Enschede, Niederlande. Sie wurde in den 1960er-Jahren
erbaut und ist daher noch jung und dynamisch. Inzwischen studieren dort etwa 8.000
Studenten/innen. Twente ist die
einzige Campusuniversität in den Niederlanden. Die meisten Studierenden wohnen
auf dem Campus und nutzen die vielen Sport- und Kulturangebote. Es gibt einen
Supermarkt, einen Friseur und ein kleines Sportgeschäft auf dem Gelände. In den
Rankings wird Twente zu den zehn
besten Universitäten in Europa gezählt.
"European Studies" wird mit den Hauptfächern Politik, Wirtschaft,
Recht und Soziologie – ausschließlich in englischer Sprache – angeboten. In
Deutschland gibt es den Studiengang auch, aber für mich ist die englische
Sprache und der internationale Aspekt wichtig. In Enschede studiere ich
gemeinsam mit Menschen aus Holland, Ungarn, Österreich, der Schweiz, den Philippinen
und Israel. Allerdings: Der Anteil der Studierenden aus Deutschland ist
außerordentlich hoch.
Eine Alternative zu deutschen Unis
Niederländische Universitäten werden bei Deutschen immer
beliebter. Studierten 1993 noch 2.000 Deutsche in den Niederlanden, sind es
mittlerweile knapp 10.000. Mit steigender Tendenz. Warum ist das so? Viele
deutsche Abiturienten/innen stehen vor dem Problem, dass Fächer wie Medizin,
Biologie oder Psychologie mit einem Numerus
Clausus belegt sind. Warten und einige Semester etwas anderes studieren ist
eine Alternative. Die andere: auf nach Holland. An den meisten Unis der
Niederlande gibt es keine Zugangsbeschränkung. Jede/r kann studieren, was er
will. Und wer im Nordwesten Deutschlands lebt, für den ist ein Wechsel nach
Maastricht, Enschede oder Nijmegen schließlich nur ein Katzensprung.
Das Studium in Holland ist verschulter. Viele Studenten/innen schwärmen von kleineren Seminaren, praxisnahen Vorlesungen und netten, ansprechbaren Dozenten. Außerdem gibt es attraktive Studienfächer, die in Deutschland gar nicht existieren: beispielsweise Physiotherapie.
Collegegeld ist Pflicht Bereits seit 1945 zahlen die Niederländer/innen für ihre universitäre Ausbildung. Das so genannte "Collegegeld" betrug im Studienjahr 2006/2007 1.519 Euro. Ausländische Studierende können eine Studiengeldrückerstattung beantragen. Mir zahlte der Staat dieses Jahr 1.070 Euro zurück. Das macht 450 Euro für ein Studienjahr, ist also immer noch günstiger als die Studiengebühren an einigen deutschen Bundesländern. Daneben gibt es in Holland die Möglichkeit, Studienkredite zu günstigen Konditionen aufzunehmen. Wenn man einen niederländischen Arbeitsvertrag über mindestens 32 Stunden im Monat vorweisen kann, hat man Anrecht auf eine Grundförderung vom niederländischen Staat: etwa 250 Euro monatlich.
Enschede liegt in der Region Twente und ist vielen wahrscheinlich nur durch die Explosion der Fabrik für Feuerwerkskörper im Jahr 2000 ein Begriff. Mit seinen rund 20.000 Studierenden (bei 155.000 Einwohnern/innen) ist Enschede eine der beliebtesten Studentenstädte der Niederlande. Wegen der Grenznähe zu Deutschland studieren hier bereits mehr als 1.500 Deutsche. Die vielen Cafes und Restaurants im Stadtkern, am alten Markt ("Oude Markt"), verleihen der Stadt manchmal sogar einen südländischen Charme. Viele Shoppingmöglichkeiten, die gute Verkehrsanbindung mit Bahn und Auto, ein umfangreiches Kulturangebot und besonders der Enscheder Markt locken viele Deutsche an. Der Donnerstagabend hat sich als Ausgeh-Abend durchgesetzt.
Studienjahr ohne Ferien Die Niederlande und Deutschland sind sich gar nicht so ähnlich, wie es oft scheint. Nach einem halben Jahr sehe ich viele Unterschiede – besonders im Hochschulsystem und in universitätsbezogenen Dingen. Die Einführungswoche an der Universität beispielsweise war ein Riesenspektakel. Wir wurden in Gruppen eingeteilt, die für die gesamte "Introzeit" so bestehen blieben. Dadurch lernte ich schnell Leute kennen. Tag für Tag sind die Gruppen dann zusammen, Spiele, Ausflüge und kulturelle und sportliche Aktionen stehen auf unserem Programm. Die Universität
Twente beteiligt sich auch jedes Jahr an einem Weltrekordversuch und am Ende der Einführungswoche gibt es ein großes Abschlusskonzert auf dem Campus. Von solchen Veranstaltungen an deutschen Universitäten habe ich noch nie gehört. Ganz verblüfft war ich auch, dass während der Klausuren Tee und Kaffee gereicht werden. Mit so einer entspannten Atmosphäre hatte ich nicht gerechnet.
In den Niederlanden wird in Studienjahren gezählt, nicht in Semestern. Alle Studenten/innen fangen Anfang September mit dem Studium an. Das Jahr ist in so genannte "Quarter" eingeteilt. Alle zehn Wochen werden Klausuren geschrieben. Das hat Nach- und Vorteile. Die Zeit rennt und die Wochen vergehen im Fluge – da kann der Klausurenstress ganz schnell kommen. Aber der abzufragende Stoff hält sich in Grenzen. Zwei Monate Semesterferien sind in Holland allerdings undenkbar. Da schaue ich doch neidisch auf Deutschland. Zum Nationalfeiertag Anfang Mai gibt es eine freie Woche, ansonsten wird fleißig studiert.
Auf der Beliebtheitsskala deutscher Studenten/innen sind die Niederlande auf dem dritten Platz – knapp hinter England und den USA. Das kann ich verstehen. Jetzt studiere ich schon im zweiten Semester und mein neues Leben ist aufregend und spannend: eine völlig neue Umgebung, neue Freunde und ein ganz anderer Alltag als zuvor. An der Uni bin ich als stellvertretende Vorsitzende im "European Studies Committee" aktiv und schreibe für unsere Fachbereichszeitung.
Manchmal fehlen mir mein Zuhause, meine Familie und meine Freunde. Wenn mich das Heimweh ganz doll packt, setze ich mich in den Regionalzug und bin in zehn Minuten in Deutschland. Wenn ich dann nur Deutsch um mich herum höre und richtig gutes Brot und nicht nur diese luftigen holländischen Brötchen kaufen kann, fühle ich mich ein wenig zu Hause.
Judith Benda ist 19 Jahre alt und kommt aus dem brandenburgischen Birkenwerder. Seit September 2006 studiert sie im holländischen Enschede.
Fotos: ©Judith Benda
http://de.wikipedia.org
Mehr über die Universität
Twente auf
Wikipedia
http://de.wikipedia.org
Mehr über "European Studies" - und wo sie angeboten werden
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