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Sarah Diehl (Hg.): Deproduktion

Über Abtreibung reden

6.4.2007 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Laut Weltgesundheitsorgansiation WHO stirbt alle sieben Minuten eine Frau auf der Welt an einer nicht korrekt ausgeführten Abtreibung. Muslimas in Nordnigeria erleiden eine Abtreibung als traumatisches Stigma – ebenso wie ihre Geschlechtsgenossinnen in Madagaskar oder Nicaragua. Doch auch in Portugal, Polen und Irland ist Abtreibung verboten. Und nicht nur in den USA radikalisieren sich inzwischen die Abtreibungsgegner/innen.

Mit der Anthologie "Brüste kriegen" versammelte die 28-jährige Sarah Diehl 2004 Kurzgeschichten über die weibliche Pubertät; den Lernprozess Frauwerdung unter dem Druck der Gesellschaft. Mit "Deproduktion - Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext", einem Sammelband mit kulturwissenschaftlichen Texten und Erfahrungsberichten, bearbeitet sie wieder ein Thema, über das es noch viel zu wenig zu lesen gibt.

Silke Kettelhake: “Wir haben abgetrieben“ titelte der Stern 1971. Ist das Thema Atbreibung nicht längst durch und wir emanzipiert?

Sarah Diehl: Seit den letzten zwanzig Jahren ist die Diskussion geradezu ein Tabu. Weder in der westlichen noch in der muslimischen Welt wird über ein Erlebnis, das etwa ein Drittel aller Frauen weltweit betrifft, geredet; auch im Film und in der Literatur wird geschwiegen. Inwieweit die Fähigkeit zu reproduzieren, also Kinder zu bekommen, das gesellschaftliche Leben der Frauen bestimmt und wie sich deren Verweigerung mittels einer Abtreibung manifestiert, das wollte ich untersuchen. Wie die Frauen den gesellschaftlichen Druck übernehmen, diesen an andere Frauen weitergeben – wie der Staat das Privatleben der Frauen instrumentalisiert.

Warum fällt es so schwer, über Abtreibung zu reden?

Abtreibung ist derart mit moralischen Argumenten durchsetzt, dass es schwer ist, eine klare Haltung zu finden: Zellhaufen oder ein neues Menschenleben? Die emotional aufgeladene Diskussion wird von verschiedensten Parteien stark instrumentalisiert – deshalb beziehen die meisten Medien keine Stellung. Zudem ist das Thema sehr mit Scham besetzt. Muss ich mir persönliches Versagen eingestehen, wenn ich mich gegen ein Kind entscheide?

Und deine Erfahrungen im eigenen Umkreis?

Es gab kaum eine Frau, die mir nicht ihre Geschichte hätte erzählen können. Das hat mich sehr überrascht. Im westlichen Europa müssen die 400, 500 Euro für eine Operation – wenn keine Indikation vorliegt oder die Pflichtberatung erfüllt wurde – erst einmal aufgebracht werden. In Ländern, in denen nur illegale Abtreibung möglich ist, liegt der Preis höher. Die Ärzte, die daran verdienen, haben sicherlich kein Interesse an einer Aufhebung des Abtreibungsverbots.

Ein Kind? Ich? Jetzt?

In Deutschland ist Abtreibung nach Paragraph 218 rechtswidrig. Doch nach medizinischer und kriminologischer Indikation sowie mittels der Beratungsregelung kann eine Abtreibung vorgenommen werden. Eine einfache Situation für die Frauen?

Die Zwangsberatung nehmen die meisten Frauen einfach hin. Sie können eine Abtreibung unternehmen, wenn sie wollen, aber es bleibt ein großer Konflikt, den sie mit sich austragen müssen: die Lebensentscheidung Kind. Beratung muss freiwillig sein. Die Annahme, dass Frauen so unmündig sind in ihren Beschlüssen, dass sie einer Zwangsberatung bedürfen, ist einfach hanebüchen. Sicher ist es wichtig, dass Gynäkologen darauf hinweisen, dass es die Möglichkeit gibt, mit einer Person zu sprechen, die außerhalb des eigenen Lebens steht.

Warum schreiben keine Männer in deinem Buch “Deproduktion“?

Männer habe ich auch angefragt, es antworteten aber nur Frauen. Abtreibung betrifft hauptsächlich immer noch die Frau.

Sollten die Männer mehr in die Diskussion einbezogen werden?

Einerseits dürfen, andererseits müssen Männer Verantwortung übernehmen – in dieser Zwickmühle möchte ich nicht stecken. Letztlich haben sie nicht das Recht zu entscheiden. Ich bin froh, dass ich als Frau hier in Deutschland die Entscheidungsmacht über meinen Körper habe. Nicht nur in Marburg verteilen Burschenschaften Flyer gegen Abtreibung. Die Rechte schläft nicht. Aber die Linke schon.

Wie sieht es mit dem Vertrieb deines Buches in Ländern aus, in denen Abtreibung verboten ist?

Todesfälle gibt es jedes Jahr in Polen, in Irland, in Portugal – und auf eine Diskussion kaum eine Chance. Doch ich gehe auf Lesereise in diese Länder. Es kann nicht sein, dass ein fundamentales Frauenrecht so unterschiedlich innerhalb der EU gehandhabt wird. Hier muss die EU-Ebene greifen, hier müssen Petitionen her.

Berührungsängste

Was erwartest du als Echo der eingesessenen Feministinnen?

Abtreibung ist verbunden mit einem Old-School-Feminismus, von dem junge Frauen sich klar abgrenzen. Die neuen Feministinnen haben ein Problem mit dem Thema, weil es eben so körperlich ist: Weil die Schwangerschaft der ultimative Beweis für das weibliche Sein ist; als solcher wird sie wahrgenommen und instrumentalisiert, um Zwangsheterosexualität zu rechtfertigen. Da bestehen starke Berührungsängste, auch wenn es sich um das Gegenteil, die Abtreibung, handelt. Etwa 1.000 Christen marschierten im letzten Jahr an der Straße Unter den Linden gegen Abtreibung auf, es gab zwölf Gegendemonstranten. Wo waren da die Feministinnen?

Sarah Diehl (Hg.): Deproduktion - Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext (Alibri Verlag 2006, 16 €)



Silke Kettelhake ist fluter.de-Redakteurin. Für “Deproduktion“ verfasste sie einen Beitrag über die abenteuerlichen Aktionen von Women on Waves.

Foto: Alibri Verlag



http://de.wikipedia.org
Mer zum Thema Schwangerschaftsabbruch bei Wikipedia

www.schwanger-info.de
Alles Wissenswerte zum Thema bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

www.womenonwaves.org
Auf der Website der holländischen Organisation erfährst du alles zum Schwangerschaftsabbruch – weltweit.

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