Laut Weltgesundheitsorgansiation WHO stirbt alle sieben Minuten
eine Frau auf der Welt an einer nicht korrekt ausgeführten Abtreibung. Muslimas
in Nordnigeria erleiden eine Abtreibung als traumatisches Stigma – ebenso wie
ihre Geschlechtsgenossinnen in Madagaskar oder Nicaragua. Doch auch in
Portugal, Polen und Irland ist Abtreibung verboten. Und nicht nur in den USA
radikalisieren sich inzwischen die Abtreibungsgegner/innen.
Mit der Anthologie "Brüste kriegen" versammelte die
28-jährige Sarah Diehl 2004 Kurzgeschichten über die weibliche Pubertät; den
Lernprozess Frauwerdung unter dem Druck der Gesellschaft. Mit "Deproduktion -
Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext", einem Sammelband mit kulturwissenschaftlichen
Texten und Erfahrungsberichten, bearbeitet sie wieder ein Thema, über das es
noch viel zu wenig zu lesen gibt.
Silke Kettelhake: “Wir
haben abgetrieben“ titelte der Stern 1971. Ist das Thema Atbreibung nicht
längst durch und wir emanzipiert?
Sarah Diehl: Seit den letzten zwanzig Jahren ist die Diskussion
geradezu ein Tabu. Weder in der westlichen noch in der muslimischen Welt wird
über ein Erlebnis, das etwa ein Drittel aller Frauen weltweit betrifft,
geredet; auch im Film und in der Literatur wird geschwiegen. Inwieweit die
Fähigkeit zu reproduzieren, also Kinder zu bekommen, das gesellschaftliche
Leben der Frauen bestimmt und wie sich deren Verweigerung mittels einer
Abtreibung manifestiert, das wollte ich untersuchen. Wie die Frauen den gesellschaftlichen
Druck übernehmen, diesen an andere Frauen weitergeben – wie der Staat das
Privatleben der Frauen instrumentalisiert.
Warum fällt es so
schwer, über Abtreibung zu reden?
Abtreibung ist derart mit moralischen Argumenten durchsetzt,
dass es schwer ist, eine klare Haltung zu finden: Zellhaufen oder ein neues
Menschenleben? Die emotional aufgeladene Diskussion wird von verschiedensten
Parteien stark instrumentalisiert – deshalb beziehen die meisten Medien keine
Stellung. Zudem ist das Thema sehr mit Scham besetzt. Muss ich mir persönliches
Versagen eingestehen, wenn ich mich gegen ein Kind entscheide?
Und deine Erfahrungen
im eigenen Umkreis?
Es gab kaum eine Frau, die mir nicht ihre Geschichte hätte erzählen
können. Das hat mich sehr überrascht. Im westlichen Europa müssen die 400, 500
Euro für eine Operation – wenn keine Indikation vorliegt oder die
Pflichtberatung erfüllt wurde – erst einmal aufgebracht werden. In Ländern, in
denen nur illegale Abtreibung möglich ist, liegt der Preis höher. Die Ärzte,
die daran verdienen, haben sicherlich kein Interesse an einer Aufhebung des
Abtreibungsverbots.
Ein Kind? Ich?
Jetzt?
In Deutschland ist
Abtreibung nach Paragraph 218 rechtswidrig. Doch nach medizinischer und
kriminologischer Indikation sowie mittels der Beratungsregelung kann eine
Abtreibung vorgenommen werden. Eine
einfache Situation für die Frauen?
Sarah Diehl (Hg.): Deproduktion - Schwangerschaftsabbruch im
internationalen Kontext (Alibri Verlag 2006, 16 €)
Silke Kettelhake ist fluter.de-Redakteurin. Für
“Deproduktion“ verfasste sie einen Beitrag über die abenteuerlichen Aktionen
von Women on Waves.
Foto: Alibri Verlag
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