Guo Meili trägt einen lachsfarbenen Pullover, verziert mit einer aus Kunstperlen gestickten Blume. Ihre Haare trägt sie zum Zopf, sie redet schnell und bestimmt. Die 32-Jährige ist im Haus der Kirche in Düsseldorf, neben ihr sitzt Hu Xiaoping. Beide geben zu ihrem eigenen Schutz falsche Namen an. Beide haben in Batteriefabriken in der südchinesischen Kleinstadt Huizhou gearbeitet: Täglich 11 Stunden, 30 Tage im Monat, für 100 Euro Lohn. Doch die beiden reisen zurzeit nicht durch Europa, um auf ihre wirtschaftliche Ausbeutung aufmerksam zu machen: Das ist viel zu sehr Alltag in China. Guo Meili und Hu Xiaoping sind durch Cadmium vergiftet. Das Schwermetall wird zur Herstellung von Batterien verwendet – schon in geringen Konzentrationen greift es die inneren Organe und Knochen an, es gilt als Krebs erregend.
Die beiden Batteriefabriken in Huizhou gehören zu Gold Peak Industries Ltd (GP) mit Sitz in Hongkong. Das Unternehmen produziert für den Weltmarkt: Auch in deutschen Läden sind die Batterien zu kaufen. Guo Meili kam mit 18 Jahren nach Huizhou und war äußerst glücklich, Arbeit zu finden. Wie die meisten der rund 2300 Frauen in den beiden Batteriefabriken: Mit einer Stelle verbindet sich die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch bis zum Jahr 2000 bauten die Arbeiterinnen ohne Handschuhe und ohne Mundschutz Batterien zusammen. Hu Xiaoping erinnert sich an den rötlichen Cadmium-Staub, der in der Fabrikhalle allgegenwärtig war – an den Arbeitsplätzen, auf der Kleidung, auf der Haut.
Wir hatten nichts mehr zu verlieren
2003 erkrankten die ersten Arbeiterinnen. Sie klagten zunächst über geschwollene Beine. Einige ließen sich im Amt für Berufskrankheiten in der Provinzhauptstadt Guangzhou untersuchen – auf eigene Kosten. Die Frauen erfuhren zum ersten Mal von den Gefahren, denen sie tagtäglich ausgesetzt waren. "Uns war nicht bekannt, dass Cadmium schädlich ist“, so Guo Meili. Heute leidet sie unter Husten und ständigen Kopf- und Magenschmerzen. Ihre siebenjährige Tochter zeigt ähnliche Symptome.
Hu Xiaoping klagt über dieselben Krankheitsmerkmale. Die 30-Jährige tritt weniger kämpferisch als Guo Meili auf, wenn auch genauso entschlossen. "Wir wollten Entschädigungen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen.“ Die Fabrikleitung wies alle Vorwürfe zurück und wollte die Angelegenheit vertuschen. Hu Xiaoping und ihre Kolleginnen schlossen sich damals zusammen. Sie ließen sich nicht abwimmeln und streikten. Ein mutiges Unterfangen, denn in China gibt es kein Streikrecht: Soziale und politische Proteste werden oft blutig von der Polizei beendet. Doch Hu Xiaoping erinnert sich: "Ich hatte keine Angst. Wir hatten ja nichts mehr zu verlieren.“
2004 wurde die Nichtregierungsorganisation Global Monitor (GM) in Hongkong auf die Frauen und ihren Protest aufmerksam und machte den Vorfall publik. In der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong herrscht Pressefreiheit. Die Soziologin May Wong arbeitet für GM und begleitet Guo Meili und Hu Xiaoping auf ihrer Europareise. Mittlerweile seien bei zwölf Frauen Cadmium-Vergiftungen diagnostiziert worden, drei Arbeiterinnen seien gestorben, so May Wong. Das Unternehmen Gold Peak weist Vorwürfe schwerer Cadmium-Vergiftungen zurück. In einer Pressemitteilung heißt es, dass man eine sichere und gesunde Arbeitsumgebung biete. Die Frauen könnten ein normales Leben führen und bedürften keiner medizinischen Behandlung. Gold Peak verklagt zurzeit Global Monitor wegen Rufschädigung. Das Gerichtsurteil steht noch aus.
Der Wirtschaftsboom geht weiter
Guo Meili und Hu Xiaoping gehören zu rund 400 Frauen, die 2004 eine Entschädigung von Gold Peak akzeptierten und ihre Arbeitsverträge auflösten. Die einmaligen Zahlungen lagen zwischen 300 und 800 Euro. Heute bereuen sie diesen Entschluss. "Wir wurden halb gezwungen, halb betrogen“, so Hu Xiaoping. Von der Fabrik eingeladene Experten hätten ihnen damals versichert, sie würden rasch genesen. Viel Wasser trinken, würde helfen. Doch die Schmerzen und Übelkeit sind geblieben. Beide Frauen haben keine neue Arbeit gefunden. Ihre Krankheit habe sich in der Kleinstadt herumgesprochen. Doch vor allem können sie nicht mehr elf Stunden am Stück arbeiten: Ihre Körper machen das nicht mehr mit.
Über Guo Meili, Hu Xiaoping und ihre Kolleginnen wurde sogar im staatlichen Fernsehen berichtet. Dirk Pleiter, China-Experte der deutschen Sektion von amnesty international beruhigt das kaum. "Die Fälle, die von den staatlich kontrollierten Medien aufgegriffen werden, sind nur die Spitze des Eisbergs.“ Immer wieder gehen bei der Menschenrechtsorganisation Berichte über miserable Arbeitsbedingungen und die wirtschaftliche Ausbeutung chinesischer ArbeiterInnen ein. 150 Millionen WanderarbeiterInnen sind zurzeit in China unterwegs, rechtlich und sozial ausgegrenzt. Derweil floriert die Herstellung von Billigprodukten für den Exportmarkt – Chinas Wirtschaftsboom ist garantiert.
Die große Politik interessiert mich nicht
Dabei verfügt China über ein umfangreiches
Arbeitsrecht: Darin wird eine tägliche Arbeitszeit von acht Stunden festgelegt. Doch die Praxis ist eine andere. Die ArbeiterInnen wehren sich nicht, denn sie müssen um ihre Stelle fürchten: Vor den Fabriktoren warten genug Arbeitssuchende. Hinzu kommt eine weit verbreitete
Korruption. Die lokalen Regierungen sind oft auf das Engste mit den Arbeitgebern verbandelt. "Offensichtlich fehlt es am politischen Willen“, so Pleiter. "Nur so lässt sich die Diskrepanz erklären, dass es durchaus weitgehende Bestimmungen gibt. In der Praxis jedoch, in vielen Regionen Chinas, die Arbeitnehmer wirtschaftlich und auch gesundheitlich ausgebeutet werden.“
Diese Diskrepanz mussten auch Guo Meili, Hu Xiaoping und ihre Kolleginnen erfahren. Ihre Gerichtsklage gegen Gold Peak auf höhere Entschädigungen haben sie verloren. Doch die Zahl derjenigen, die wie sie ihre Rechte einfordern wächst. "Immer mehr Chinesen werden sich bewusst, dass sie bestimmte Rechte haben und sie diese im Prinzip vor Gericht einklagen können,“ sagt Pleiter. "Das ist eine positive, wenn auch noch sehr neue Entwicklung.“ Doch es braucht viel Mut dazu. Guo Meili und Hu Xiaoping wollen nicht fotografiert werden und sie schweigen, wie ihr Kampf weitergeht. Sie fürchten Repressionen. Die entschlossen Frauen sind zum Vorbild für andere ArbeiterInnen geworden. Und dabei gehe es ihnen nicht einmal um die große Politik, sagt Hu Xiaoping. "Ich möchte nur eine Entschädigung, damit ich meine Krankheit heilen kann.“
Sonja Ernst schreibt für Zeitungen und Magazine. Sie lebt in Köln.
http://www.bpb.de/publikationen/OE52TU,0,0,Volksrepublik_China.htmlEin spannendes Heft mit vielen Informationen über China
http://www.globalmon.org.hk/en/
Global Monitor. Die Organisation aus Hongkong klagt die Ausbeutung in China an