Iason Tzavellas
An allen Ecken wird gespart, auch beim 52. Filmfest in Thessaloniki, dem wichtigsten Filmfest der Balkanregion. Mit rund zwei Millionen Euro wird das Festival gestemmt, ein Bruchteil der sonst üblichen Summe. Die zwei Millionen kommen hauptsächlich aus einem EU-Fond, von privaten Finanziers und einigen wenigen lokalen Sponsoren. Sämtlicher Luxus wurde gestrichen: Die Mitarbeiterzahl um die Hälfte reduziert, Limousinenservice ist nicht mehr, brav fahren alle Zug und teilen sich ein Doppelzimmer. Aber egal, Hauptsache, es gibt noch ein Festival. Überhaupt grenzt es an ein Wunder, dass immerhin 42 griechische Filme gezeigt wurden, obwohl das griechische Filmzentrum pleite ist. Iason Tzavellas ist der jüngste Regisseur mit einer Einladung nach Thessaloniki.
Nana Rebhan: Du bist erst 24 Jahre alt und hast schon einen langen Spielfilm hier auf dem Festival ...
Iason Tzavellas: Ja. Ich bin der jüngste griechische Regisseur auf dem Festival. Es fühlt sich an wie ein Schaf unter Wölfen zu sein, ich bin immer der Jüngste. Aber ich habe viel vor. Die Situation hier in Griechenland schreit nach anderen Filmen und anderen Regisseuren.
Warum?
Viel zu lange wollten wir, dass unsere Filme wie andere aussehen, wie eine andere Kultur. Ich glaube, dass wir unsere Wurzeln verloren haben und dass wir sie wieder suchen sollten.
In welchen Filmen findest du griechische Wurzeln?
Ich mag ältere Regisseure, wie etwa Theodoros Angelopoulos. Manche seiner Filme waren ihrer Zeit voraus – das mag ich. Ich mag Regisseure, die nicht mit dem Flow ihrer Zeit gehen, die sich entscheiden, etwas Eigenes zu machen, die etwas zu sagen haben und sich nicht um den Rest kümmern.
Wohnst du wieder in Griechenland?
Ich habe in London studiert und lebe jetzt wieder in Athen. Ich weiß aber nicht, wie lange ich hier bleibe. Dieses Land war immer schon so ignorant seinem Nachwuchs gegenüber. Es ist schon immer hart hier gewesen. Aber ich bin hier aufgewachsen, meine Kultur ist hier und sie diktiert mir zu leben wie ein Grieche. Aber wenn ich die Gelegenheit habe, würde ich woanders hingehen.
Wo würdest du gern hingehen?
Australien wäre ein gutes Land. Es gibt dort offene Leute und der Lebensstandard sollte besser sein als der griechische.
Aber wie kannst du die griechischen Wurzeln in Australien finden?
Das sollte kein Problem sein, denn es gibt ungefähr eine Million Griechen dort. Griechen waren schon immer Migranten.
Menelaos Karamaghiolis
Nana Rebhan: Menelaos Karamaghiolis, wie lange arbeiten Sie schon beim Film?
Menelaos Karamaghiolis: Seit 25 Jahren. Ich habe mit Dokumentarfilmen angefangen und dann zu Spielfilmen gewechselt. Mein zweiter Spielfilm ist "J.A.C.E. - Just Another Confused Elephant", der hier auf dem Festival im Internationalen Wettbewerb läuft.
Haben Sie immer in Griechenland gearbeitet oder auch in anderen Ländern?
Ich habe sehr viel in anderen Ländern gearbeitet. Für einen Dokumentarfilm war ich drei Jahre in Italien und für meine aktuelle Independent-Koproduktion musste ich viel reisen – um die Produzenten der verschiedenen Länder während der Festivals zu treffen und auch, weil ich Teile des Films außerhalb von Griechenland gedreht habe. An meinem neuen Film haben die Türkei, Portugal, Griechenland, FYROM und die Niederlande mitproduziert.
Warum sind so viele verschiedene Länder involviert?
Sogar mit all diesen Ländern war es schwierig, den Film fertig zu stellen.
Wie groß war Ihr Budget?
Circa 2,5 Millionen Euro. Das ist nicht viel. Jeder sagt uns, der Film sieht aus, als hätte er fünf Millionen gekostet. Sehr viele Leute haben uns unterstützt und umsonst für uns gearbeitet. Viele der Schauspieler und Mitarbeiter sind Koproduzenten – sonst hätten wir den Film gar nicht machen können.
Wie lange haben Sie daran gearbeitet?
Ich vermeide es, diese Frage zu beantworten. Jeder fragt mich das, aber ich antworte darauf nicht. Ich vermeide es, die Jahre zu zählen. In diesem Land haben wir eine lange Tradition, Filme mit epischen Geschichten zu erzählen, und dies ist eine epische Geschichte. Jeder Tag in diesem Land ist eine epische Geschichte – schon seit Homer.
Sie haben auch eine eigene Radioshow, habe ich gehört …
Ja, ich denke, man muss jede Waffe, die man hat, verwenden, um die Geschichten zu erzählen, die man erzählen möchte. Ich würde auch eine Gitarre nehmen und mich damit auf die Straße stellen. Aber ich habe seit 25 Jahren eine Radioshow, jeden Sonntagnachmittag. Da spiele ich fiktive Soundtracks von Filmen, die ich gerne drehen würde.
Das Festival widmete dem griechischen, in Australien geborenen Filmemacher Constantine Giannaris eine Retrospektive seines Gesamtwerkes, einschließlich aller seiner experimentellen Kurzfilme, die bald schon im MOMA in New York zu sehen sein werden.
Constantine Giannaris
Nana Rebhan: Constantine Giannaris, wie würden Sie Ihre Situation als Filmemacher in Griechenland momentan beschreiben?
Constantine Giannaris: Das griechische Filminstitut hat vor ungefähr zwei Jahren aufgehört Geld zu geben. Es hat alle Produktionen gestoppt. Aber man sieht immer noch griechische Filme in Thessaloniki. Und es gibt immer noch so um die dreißig Angestellte beim Filminstitut – keine Ahnung, was die tun. Die werden vermutlich auch bezahlt. Vor fünf bis sechs Jahren gab es noch ein Budget, vielleicht so zwei Millionen pro Jahr. Das war ja auch schon sehr wenig. Wir haben gelernt, nicht für unsere Arbeit bezahlt zu werden. Wir kapitalisieren unsere Gehälter, um das Budget aufzustocken, und versuchen Zugang zu privaten Finanziers zu bekommen. Wir versuchen Koproduktionen aufzutreiben, Euroimages und andere europäische Länder. Mit dem Budget, mit dem wir normalerweise Filme machen, würde in anderen Ländern wohl kaum gedreht werden, weder in Deutschland noch in Frankreich oder England. Es ist eine lächerliche Summe.
Aber ihr neuer Film "Man at Sea", der auch in diesem Jahr auf der Berlinale zu sehen war, sieht sehr teuer aus.
Er hat nur 800.000 Euro gekostet.
Nein, das ist nicht möglich.
Doch, wirklich.
Wie geht das denn?
Ich wurde zum Beispiel gar nicht bezahlt. Die Einzigen, die richtig bezahlt wurden, das waren die afghanischen Jungs. Die anderen Schauspieler haben alle für ein Minimum gearbeitet. Das riesige Frachtschiff habe ich über Umwege gefunden: ein Freund eines Freundes kennt einen, dem eine Reederei gehört. Normalerweise muss man für so einen Frachter 200.000 Euro pro Tag zahlen.
Wollen Sie bei diesen Arbeitsbedingungen weiterhin in Griechenland bleiben und Filme machen?
Ich würde sehr gerne in Deutschland oder England arbeiten. Aber erst mal muss ich die richtige Geschichte dafür finden. Es geht nicht nur darum irgendwo hinzugehen und Geld zu machen. Ich muss etwas machen, an das ich glaube.
Ist denn die Krise auch eine Chance?
Ja, das hoffe ich doch sehr. Jede Krise ist auch eine Chance. Wir können so einfach nicht weitermachen: Take a reality check. Für junge Künstler, und ich spreche da jetzt von der Generation nach mir, sind es sehr spannende Zeiten. Die haben eine riesige Verantwortung dafür, was sie erzählen. Persönliche Geschichten, politische Geschichten, was auch immer. Das Fernsehen in Griechenland ist entsetzlich schlecht. Es ist nur ein Mechanismus für politischen Patriotismus. Es ist eine Möglichkeit, Jobs von der Regierung zu kreieren, das ist alles. Der kulturelle Mehrwert ist gleich null. Es ist Verschmutzung, Abfall. Das Kino hingegen hat eine wichtige kulturelle Bedeutung.
Die Interviews führte Nana A.T. Rebhan, die bald schon nach Kambodscha aufbricht, um dort ihren nächsten Dokumentarfilm zu drehen.
Foto: Privat/Tom Tziros, CC-Lizenz
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