Flashmob bei Ralp Lauren, Januar 2010
Ein Gespenst geht um auf Europas Arbeitsmärkten. Gut ausgebildete, junge Menschen fristen ihr Leben als Dauerpraktikanten oder hangeln von einem Teilzeitvertrag zum nächsten. Hinter der Vielzahl von "atypischen Arbeitsverhältnissen" steht ein dramatischer Wandel der traditionellen Arbeitswelt. Junge Arbeitnehmer, allen voran Absolventen aus Geistes- und Sozialwissenschaften, fühlen sich im Stich gelassen, überflüssig, ohne Perspektive.
Während Deutschland die Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise dank seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit auffangen konnte und eine Jugendarbeitslosigkeit von 9,1 Prozent verzeichnet, ist die Lage in anderen europäischen Staaten dramatischer: Allein in Frankreich sind 22,8 Prozent der jungen Menschen von 15 bis 24 Jahren ohne Arbeit, in Griechenland sind es 38,5 Prozent und in Spanien sogar 45,7 Prozent.
Doch europaweit formiert sich Widerstand gegen die schlechten Arbeitsbedingungen. Organisationen wie die italienische Community of (un)happy 1.000 €uros employees oder das französische Kollektiv Génération Précaire kämpfen für eine bessere Behandlung von Praktikanten und Berufseinsteigern.
Fluter sprach mit Ophélie Latil, Sprecherin der französischen Gruppierung Génération Précaire (französische Bezeichnung für Generation Praktikum), über die Krise der Arbeitswelt und die zunehmende Resignation junger Menschen.
fluter.de: Seit einigen Jahren erleben wir eine weltweite Wirtschaftskrise. Wir wirkt sie sich in deinen Augen auf die heute 20- bis 30-Jährigen aus?
Ophélie Latil: In einer Krisensituation macht sich Angst breit. Während es für viele Ältere jedoch ein Gefühl bleibt, erleben junge Leute in Frankreich den sozialen Abstieg wirklich. Unsere Möglichkeiten, unsere Ambitionen stoßen an ihre Grenzen. Wir haben resigniert, denn wir haben uns doch Mühe gegeben, wir haben studiert, zahlreiche Praktika absolviert, zahlreiche befristete Stellen besetzt. Nur hat das auf dem Arbeitsmarkt zu nichts geführt. Das hat ganz fatale Folgen für die Kaufkraft junger Leute, für die Wohnungssuche, für die eigene Unabhängigkeit.
Sozialer Abstieg
Wie sieht der soziale Abstieg junger Leute konkret aus?
Man muss sich vorstellen, man ist 35 Jahre alt und stellt plötzlich fest, wie man seine Ansprüche zurückgeschraubt hat. Anfangs wollte man noch leitender Angestellter werden. Aber das ging nicht und so dachte man, dann werde ich eben nur einfacher Angestellter. Als daraus auch nichts wurde, hat man sich gedacht, eine Assistentenstelle tut es auch und am Ende hat man sich mit einem Praktikum begnügt. Irgendwann merkt man, wie die Zeit vergangen ist, und sagt sich: "Jetzt werd' ich wohl nie in eine hohe Position kommen und auch nie zwei oder drei Kinder haben können. Vielleicht noch eins oder eben gar keins." Und weil man mit seinem Freund oder der Freundin erst mit Mitte 30 zusammengezogen ist, wird man keine Wohnung oder ein Haus kaufen. Man wird der verarmte Arbeiter sein und später keine hohe Rente beziehen.
Trotzdem hat man nicht den Eindruck, dass junge Europäer wirklich von Armut bedroht sind wie in anderen Teilen der Welt?
Darin besteht eben ein großes Problem. Es handelt sich um eine "maskierte Bedrohung", also eine soziale Unsicherheit, über die nicht gesprochen wird und die man nicht auf den ersten Blick sieht. So müssen sich Praktikanten für ihre Arbeit in Schale schmeißen, einen Anzug zulegen. Das ist eine enorme Investition, wenn man 400 Euro Praktikumsvergütung im Monat erhält. Es ist erniedrigend, trotzdem den Anschein zu wahren, alles sei in Ordnung.
Als ich ein Praktikum absolvierte, sollten die Kunden nicht mitbekommen, in welchem Anstellungsverhältnis ist stehe. Weil ich nicht viel Geld hatte, verzichtete ich in der Regel aufs Mittagessen. Aber wenn ich an einem Geschäftsessen teilnahm, warnte mich mein Chef: "Du nimmst aber nicht nur einen Salat, das sieht ja so aus, als würde ich dir nichts bezahlen!"
Wie empfinden junge Leute ihre eigene Situation?
Es verändert ihren Blick auf die Gesellschaft. Über 70 Prozent der jungen Franzosen haben kein Vertrauen mehr in ihre Zukunft. Frankreich gehört zu den Ländern mit einem hohen Anteil an depressiven Erkrankungen unter jungen Menschen. Das Schlimmste daran ist, dass viele glauben, es gäbe keine Alternative. Die weit verbreitete Haltung besteht darin, die Zustände zu akzeptieren. Schließlich bleibt ein Unternehmen und der Arbeitsplatz bis heute etwas so Bedeutendes. Vor allen, wenn man dafür so viele Dinge in Kauf genommen hat. Dann gibt man nicht so schnell auf!
Merken denn die Eltern und Großeltern nichts von den Sorgen der jungen Leute?
Wenn es eine Krise gibt, sagt man den Jungen: Das ist doch nicht so schlimm, ihr habt ja nichts zu verlieren. Ihr seid in einer sozialen "Testphase", nach dem Motto "Man muss ein bisschen leiden, um das Leben kennen zu lernen". Für die älteren Generationen ist die Krise viel schwieriger zu begreifen, denn sie haben sich schon an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt und auch nie Schwierigkeiten gehabt, eine Arbeit zu finden.
Wie verändert sich die Sicht junger Leute auf ihre Arbeit?
Wenn man ihnen immer wieder eine Anstellung in Aussicht stellt und sie sich deswegen voll einsetzten, um am Ende zu hören "nein, wir können Sie nicht übernehmen", sind sie irgendwann abgenutzt und glauben nicht mehr an Versprechen. Das ist auch für die Unternehmen gefährlich, denn wir Praktikanten werden nicht ein Leben lang nett und brav sein und wenn wir so behandelt werden, auch nicht loyal gegenüber dem Arbeitgeber.
Das heißt, selbst wenn wir irgendwann angestellt werden, fühlen wir uns nicht verpflichtet, dem Unternehmen die Treue zu halten, sondern sind weg, sobald sich eine bessere Gelegenheit bietet. Wir sind dabei, eine Generation von Knechten heranzuziehen, die kein Vertrauen mehr in den Wert der Arbeit hat und kein Vertrauen mehr in ihre Vorgesetzten.
Was können junge Leute konkret tun?
Der wichtigste Rat, den wir von Génération Précaire den Praktikanten geben, lautet: Lasst euch nicht so behandeln, lasst euch das nicht gefallen! Wenn man eine Bezahlung einfordert, wird man natürlich zunächst zu hören bekommen: Tja, wenn sie nicht wollen, finde ich für dieses tolle Praktikum zehn andere Leute, die es umsonst machen! Passiert einem das zum ersten Mal, würde man am liebsten losheulen. Nach und nach aber wird einem bewusst, dass man nur so den Respekt seines Gegenübers gewinnt.
Ganz wichtig ist es, nicht zu vergessen, dass man nicht allein ist!
Wir erhalten viele E-Mails von Leuten, die uns Danke sagen, die auf unserer Internetseite von anderen Erfahrungen lesen und sich nicht mehr allein fühlen. Wenn man merkt, es betrifft ganz viele andere, dann kann man sich engagieren und Veränderungen ins Rollen bringen.
Das Interview führte Romy Straßenburg. Romy Straßenburg lebt in Paris und berichtet für deutsche und deutsch-französische Medien.
Fotos: ©Génération Précaire; ©Audrey Minart 2010/2011
und der italienischen Aktionsgruppe Generazione 1.000 Euro
Dossier über die Generation Praktikum des Goethe-Instituts
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