Johann Hölzel alias Falco
Er ist Kult. Er ist der erste weiße Rapper. Er hat internationale Erfolge gefeiert wie kaum einer. Und er ist sehr eigen: Zu Lebzeiten sprach er in einem selbst entwickelten Dialekt, nutzte in seinen von Intertextualität durchzogenen Titeln diverse Sprachen auf einmal und überspitzte seine Texte gerne bis zum Anschlag, bis sie ins Absurde kippten: Johann Hölzel, besser bekannt als Falco.
Am 6. Februar 1998 starb Falco bei einem Autounfall in der Dominikanischen Republik, seiner Wahlheimat. Man spekulierte eine Weile, ob er sich vielleicht freiwillig in den Tod begeben hatte – die vermeintlichen Indizien dafür lieferte der Song "Out of the Dark" von dem gleichnamigen Album, das noch in seinem Todesjahr auf den Markt gebracht wurde. Doch da er den Text für den Song nicht selbst geschrieben hatte, verwarf man den Gedanken wieder. Allerdings: Es gibt einen Falco-Titel von 1997, der Freunden dieser Verschwörungstheorie noch mehr Stoff geboten hätte – wenn er doch nur bekannter geworden wäre. "Krise" heißt er und wurde auf dem Album "Verdammt wir leben noch" 1999 erstmals veröffentlicht.
In Anbetracht von Falcos Vorliebe für steile Techno-Beats verwundert es nicht, dass der Titel sich musikalisch, wenn auch offenbar widerwillig, in die Praxis der späten 1990er einreiht und den heute wieder aktuellen Eurodance hochhält. Brüche in den Beats und heftige Wendungen im Rhythmus machen den Track aber zu einem auch für diese Zeit ungewöhnlichen und skurrilen Hörerlebnis.
In seinen Texten zeigte der Wiener öfters einen Hang zum Zitieren von Literaten und Musikern. Zum Beispiel in "Siebzehn Jahr" (1982), wo er auf Udo Jürgens verweist, aber, wie es typisch für ihn ist, den Text verdreht und aus der Siebzehnjährigen eine blondgebleichte Punkerin macht. In "Krise" zitiert er die "Die Moritat von Mackie Messer", Kurt Weills vielgecovertes Eröffnungsstück der "Dreigroschenoper", getextet von Bertolt Brecht: "Mackie Messer hat ein Messer / und das trägt er im Gesicht." Es geht explizit weiter, wenn auch auf eine andere Weise: "Her legs have been so spreadable / it simply was incredible / the stuff was quite alright / but the action was forgetable." Treibt die sexuelle Frustration Mack the Knife zum erneuten Töten einer Frau? Viele Serienmörder sind schließlich auch Triebtäter.
Zu Falcos "Krise" tragen noch andere, mindestens genauso komplizierte Faktoren bei: "Ist es die Brise, diese miese / die die Stadt treibt in die Krise / Oder ist es bloß das Fehlen einer / weiteren verwaltungsamtlichen Expertise?" Es liegt was in der Luft. Zur Not ein Reim. Es geht temporeich weiter: "Die Stadt tankt diese Krise / immer tiefer in den Tank (Krise wie, Krise was?) / und vom Gestank in diesem Tank / wird noch die Sicherheitsbehörde krank."
Expertise wie, Expertise was
Hier geht es dann doch nicht mehr um eine persönliche Krise – sondern eine der Stadt oder des Staats. Steckt die Stadt in Finanzproblemen? Oder spielt Falco auf den legendären Wiener Filz an? Es könnte das auch einen Zusammenhang geben. Bekanntlich quillt jedoch alles Vertuschte irgendwann wieder hoch. Und fängt dann an zu stinken.
Ist das tatsächlich schon Gesellschaftskritik? Ist es das, worum es dem österreichischen Sänger geht? Im Refrain zieht Falco einen überraschenden Schluss: "If you look back on a crisis (Krise wie) / From the ending to the start (Krise was) / You'll always find the reason / is a crisis of the heart (Krise)."
Denn ist eine Krise nicht nur das, was wir als Krise empfinden? Können wir nicht auch alt, fett und hässlich sein und trotzdem fernab einer Krise leben? Jede Krise, spricht Falco, nimmt ihren Anfang im Herzen und spiegelt das wider, was man aus einer Situation macht. Möglicherweise aber sind das hier einfach die Worte eines Mannes in seiner Midlife Crisis. Falco, der gerade 40 geworden war, hatte keine Zeit mehr, sich aus seiner persönlichen Krise herauszukämpfen.
Nina Aleric ist Soziolinguistin, freie Journalistin und Teach First Fellow.
Foto: ©Rainer Hosch/Sony Music Entertainment Austria
Songtext zu Falco: Krise
Falco-Seite
Publikation zu "Falco's Many Languages", einer Tagung (Wien 2008) zu der Sprache Falcos
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