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Das Sieb in meinem Kopf

Vera, 21, hatte einen Schlaganfall

3.12.2011 | Protokoll: Natascha Mahle | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Eine bestimmte Phase aus meinem Leben kenne ich nur von Erzählungen. Von meiner Mutter, meinem damaligen Freund und von Ärzten. Ich war 18 und mit meinem Freund Tom ein halbes Jahr zusammen. Noch drei Monate, dann sollte mein neues Leben losgehen. Mein neues Leben in Hamburg. Weg aus der Kleinstadt Biberach, raus in die große, mir unbekannte Welt. Ich hatte schon eine Wohnung und einen Praktikumsplatz in einem Behindertenheim gefunden. Dann bekam ich einen Schlaganfall und alles wurde anders.

Tom übernachtete bei mir, er musste früh zur Uni. Ich habe noch geschlafen, er gab mir einen Kuss und ging. Im Zug wunderte er sich, warum keine obligatorische "I LOVE YOU"-SMS von mir kam, wie sonst jeden Morgen. Er rief mich ein paar Mal an, aber vergeblich. Beunruhigt informierte er meine Mutter, die normalerweise keine Glucke ist, aber an diesem Morgen ließ sie im Altersheim alles stehen und liegen und fuhr zu mir.

Versteckt unter Decken

Doch ich war nicht da. Sie durchsuchte das Haus von oben bis unten. Eigentlich wollte sie schon ins Altersheim, saß bereits im Auto, stieg aber noch mal aus und durchwühlte erneut mein Bett. Dann fand sie mich, unter zwei Decken, unzähligen Kissen und einem Stoffelefanten. Wir wissen nicht, warum Mama nochmal ausstieg – war es der Mutterinstinkt, göttliche Fügung oder einfach nur pures Glück? Ohne ihre Umkehr wäre ich heute nicht mehr am Leben.

Ich lag in einem vorkomatösen Zustand. Zuerst nahmen die Ärzte an, dass ich versehentlich zu viele Drogen genommen hätte. Einen Tag später revidierten sie ihre Meinung und tippten auf Suizid. Zwei Tage später wurde die richtige Diagnose gestellt: Schlaganfall, aufgrund eines Herzfehlers.

Der Schlaganfall legte alles lahm. Mich, mein Leben, meine Familie und vor allem meine Zukunft.

Das Mädchen, das nicht spricht

Mein Bewusstsein kam sehr schnell zurück. Nicht aber mein Verstand oder das grundsätzliche Wissen des Alltags. Ich war ziemlich unruhig, bin hin und her gewippt. Ein Beispiel: Tom schickte mich aufs Klo. Nach fünf Minuten kam er hinterher. Ich stand fröhlich neben der Kloschüssel. Gepinkelt hatte ich nicht, ich hatte vergessen, was man mit dem komischen Topf in der Wand macht. Wozu braucht man Unterhosen? Wann ist Wochenende? Habe ich getrunken oder muss ich noch trinken? Mein Gedächtnis spielte verrückt. In einer Reha-Klinik sollte ich wieder lernen, zurechtzukommen.

"Das Mädchen, das nicht spricht", haben mich die anderen Patienten genannt. Ich saß den ganzen Tag allein auf einem Stuhl und habe die anderen beobachtet. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich hier war. Warum war ich nicht zu Hause? Warum war ich in einer weißen Welt? Eine Welt mit weißen Wänden, in der freundliche Menschen mit weißen Kitteln mir das Essen brachten. Meine dreckige Wäsche wurde abgeholt und kam sauber wieder.

Einmal in der Woche kamen meine wichtigsten Menschen, meine Eltern, mein Bruder, Tom und Freunde. Sie waren fürsorglich und brachten stapelweise Geschenke. Dann hatte ich die Erklärung: Ich bin tot und lebe jetzt im Himmel. Und weil der liebe Gott eben lieb ist, lässt er einmal in der Woche die Verwandten kommen. Natürlich haben mich meine Eltern immer wieder aufgeklärt. Solange vertraute Gesichter um mich herum waren, habe ich es verstanden – Schlaganfall, Reha-Klinik, dann komme ich wieder nach Hause. Sobald sie aber aus meinem Blickfeld verschwanden, war dieses Wissen wieder weg. Ich wähnte mich wieder im Himmel.

Von der Vera, die nicht wusste, wie ein Klo benutzt wird, war ich nach der Reha weit entfernt. Ich machte Mega-Fortschritte und dachte, das Kapitel Schlaganfall sei erledigt, denn körperliche Folgen gab es nicht. Zumindest damals. Ich war wieder die alte lebenslustige Vera.

Es soll vorangehen

Heute, drei Jahre später, sehe ich das anders. Ich habe nach der Reha begonnen, die Fachhochschulreife nachzuholen. Das erste Schuljahr schloss ich mit einem Schnitt von 1,8 ab. Im zweiten Jahr musste ich die Schule abbrechen, weil meine Leistungen rapide sanken. In meinem Kopf blieb einfach nichts mehr hängen.

Also habe ich mich entschieden, was Praktisches zu machen. Die Fotografie ist mein größtes Talent und Interesse. Seit drei Monaten mache ich eine Ausbildung zur Foto- und Medientechnikerin. Der praktische Teil funktioniert super. Ich habe ein Gespür für Szenen und Menschen, bin kreativ und kommunikativ. An der Theorie scheitere ich. Kürzlich sollte ich verinnerlichen, wie eine Kamera aufgebaut ist. Das habe ich auswendig gelernt, mir dazu einen Film angesehen, eine Kamera nachgebaut, all diese Informationen aufgenommen. Jeden Abend habe ich mir das reingezogen. Nichts davon blieb hängen. Ich kann mir nichts mehr merken. Mein Gehirn ist wie ein Sieb.

Im Dezember beginne ich meine zweite Reha und hoffe, dort Methoden zu lernen, wie ich mit dem Sieb in meinem Kopf umgehen kann. Ich möchte diese Ausbildung schaffen. Ich möchte nicht mehr scheitern.

Foto oben: ©Elke Anders

Foto unten: ©Kerstin Schmied




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