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Schöne fremde Welt

Als Freiwillige in einem Kindergarten in Thailand

5.11.2011 | Jana Marquardt | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Als ich meine Reise begann, hatte ich viele Bedenken. Dabei war es meine wohlüberlegte Entscheidung gewesen, das Sozialpraktikum, das mir meine Schule vorschrieb, nicht in Deutschland, sondern im Ausland zu absolvieren. Bei meiner Recherche im Internet hatte ich die Seite der Organisation Projects Abroad gefunden, und als ich mir die verschiedenen Projekte und Zielländer näher ansah, war für mich ziemlich schnell klar, dass es nach Thailand gehen sollte.

Im Vorfeld gab es von der Organisation für alle Freiwilligen aus Deutschland ein Vorbereitungsseminar in Berlin, bei dem vor allem die fremden Sitten und Gebräuche sowie interkulturelle Probleme thematisiert wurden. In Rollenspielen und Fragerunden setzten wir uns mit unseren Erwartungen und Bedenken auseinander. Vor allem aber die positiven Erfahrungsberichte von ehemaligen Freiwilligen gaben mir Sicherheit, dass ich das Richtige tun würde. Auf die vier Wochen in Krabi, einer Provinz im Süden Thailands, fühlte ich mich nun gut vorbereitet.

Ankunft in einer fremden Welt

Bei meiner Ankunft wurde ich direkt am Flughafen sehr herzlich von den Mitarbeitern von Projects Abroad empfangen. Sie brachten mich zu meiner Gastfamilie, die aus meiner Gastmutter Pi Nong und ihren zwei erwachsenen Kindern bestand. Die Familie nahm mich sehr liebevoll auf, so dass ich mich schnell wohl fühlte. Zusammen mit drei weiteren Freiwilligen war ich in dem Haus der Gastmutter untergebracht.

Das Badezimmer stellte meine erste Herausforderung dar: Es ist sehr gewöhnungsbedürftig, eine Toilette zu benutzen, die keine Spülung hat, und jeden Abend kalt zu duschen, notfalls auch nur mit einem Eimer. Was auch neu war für mich: Jedes Mal, wenn man in Thailand einen Raum betritt, zieht man die Schuhe aus. Doch mit der Zeit wurde das ganz normal für mich.

Gleich an meinem ersten Tag in Thailand bekam ich eine Einführung durch Mitarbeiter der Organisation. Sie führten mich durch die kleine Stadt Krabi Town, Hauptstadt der Provinz Krabi. Ich ging an kleinen Buden vorbei, die allerlei Dinge verkauften, sah Tuk Tuks und kleine Transportbusse. Hilfsbereit und freundlich wirkende Menschen kamen mir entgegen. Natürlich begegnete ich auch dem einen oder anderen aufdringlichen Händler oder Bettler. Der beste Tipp: einfach nett lächeln und weitergehen.

Krabi Town ist sehr überschaubar. Es gibt eigentlich nur drei große Straßen, an denen ich mich gut orientieren konnte. Das Herzstück des Ortes ist das Kaufhaus Vogue, von dort aus gelangt man mit Bussen und Motorrädern überall hin. Es gibt drei unterschiedliche Busse, die roten, die blauen und die weißen, mit unterschiedlichen Routen. Auf die Angaben zu den Fahrtzielen der Busse kann man sich allerdings nicht wirklich verlassen. Immer wieder musste ich nachfragen und hoffen, dass der Fahrer mich verstand. Da blieb für mich oft nur die Methode, mit Händen und Füßen zu sprechen. Und tatsächlich kam ich immer dort an, wohin ich wollte. Fast immer.

Hello Teacher!

Nach meinem Einführungstag begann ich mein Sozialarbeitsprojekt an der Ban Nai Chong Schule. Jeden Morgen wurde ich mit einem Sammeltaxi von Projects Abroad abgeholt. Man fuhr uns Freiwillige in die jeweiligen Schulen, in denen wir entweder als Englischlehrer oder, wie ich, als Kinderbetreuer tätig waren.

An meinem ersten Tag wurde ich noch von einer Mitarbeiterin begleitet. Sie führte mich durch die kleine, überschaubare Schule, stellte mir die Lehrer und Erzieher vor und brachte mich schließlich zu dem Kindergartenbereich. Es waren zwei Gruppen: ganz kleine Kinder und Größere, die sogar schon ein bisschen Englisch beherrschten.

Sobald die Kinder mich kennen gelernt hatten und ich mit ihnen zu spielen begann, begriffen sie, dass ich mir Zeit für sie nehmen und mich ganz auf sie konzentrieren würde. Von Tag zu Tag wurden sie zutraulicher. Bald stürmten sie auf mich zu und riefen begeistert diese zwei ganz simplen Worte: "Hello Teacher!" Bei dieser überschwänglichen morgendlichen Begrüßung ging mir jeden Tag das Herz auf.

Jeden Morgen mussten sich alle Klassen auf dem Schulhof aufstellen und die Nationalhymne singen. Sogar die ganz Kleinen beherrschten die Hymne schon – auch wenn sie sie eher schrien als sangen. Danach übernahm ich die Kindergartenkinder. Ich begann den Tag immer mit Tanzen. Ich hatte CDs mit englischen Kinderliedern mitgebracht, zu denen ich ihnen verschiedene Bewegungen vormachte, die sie nachmachen sollten.

Es war schwer, herauszufinden, inwieweit die Kinder ihre kleinen Körper kontrollieren konnten und was ihnen Spaß machte. Ziemlich lange konnte ich sie mit Klatschen beschäftigen, damit, im Kreis zu laufen oder Fangen zu spielen.

Danach habe ich mit ihnen gespielt oder verschiedenste Dinge gebastelt. Dabei musste ich mir auch überlegen, wie ich es den Kindern oder Lehrern am besten erklären könnte, denn keiner beherrschte Englisch. Also waren wieder Hände und Füße gefragt, und meistens klappte das auch ganz gut. So haben wir Hände gemalt oder ausgeschnittene Mangos beklebt. Es war toll zu sehen, mit wie viel Stolz die Kinder mir ihre fertigen Bilder und Basteleien präsentierten.

Diszipliniert und höflich

Ich sollte auch Englisch mit ihnen üben. Also versuchte ich, ihnen das ABC und die Zahlenwörter beizubringen. Da sie sich aber nicht allzu lange konzentrieren konnten, war es nicht möglich, länger als 20 Minuten mit ihnen zu üben. Und auch ich musste hier viel Geduld aufbringen. Mit der Gruppe, in der die größeren Kinder waren, waren ganz andere englische Übungen möglich. Diese Kinder hatten bereits die nötige Konzentration und Aufmerksamkeit, um wirklich etwas zu lernen. Zumindest meistens.

Was mich sehr erstaunte, war der Gehorsam, den alle Kinder den Betreuern gegenüber zeigten. Sie waren stets höflich und versuchten, sich immer den Regeln entsprechend zu verhalten. Wenn sie es nicht taten, mussten sie allerdings auch mit Konsequenzen rechnen, die für mich sehr ungewohnt waren. Zum Beispiel eskalierte einmal eine kindliche Rangelei, bei der sich zwei Jungs um Spielzeug stritten. Sie fingen an zu weinen. Daraufhin wurden die beiden von der Betreuerin auseinander gezerrt und mit einem Lineal aus Plastik auf die Unterschenkel geschlagen. Daraufhin haben die Jungs natürlich noch mehr geweint. Es fiel mir schwer, dabei zuzusehen.

In Thailand ist es leider immer noch üblich, Kinder mit Schlägen zu bestrafen. Ich wusste, dass ich mit solchen Situationen konfrontiert werden könnte, denn während des Vorbereitungsseminars hatten wir uns darüber ausgetauscht und Szenarien diskutiert. Ich hatte beschlossen, dass ich für mich keine Möglichkeit sah, in dieses System einzugreifen oder es sogar zu verändern. So habe ich einfach versucht, den Kindern viel Wärme und Zuneigung entgegenzubringen. Wenn die thailändische Erzieherin nicht dabei war, habe ich solche Konflikte gelöst, indem ich beide getrennt habe und ihnen unterschiedliches Spielzeug gegeben habe.

Nachmittags an den Strand

Meine Arbeit war jeden Tag um 13 Uhr zu Ende. Ich hatte anschließend also noch genug Zeit, mich mit anderen Freiwilligen zu treffen. Es fand sich immer jemand, um etwas zu unternehmen. Oft sind wir nachmittags an den schönen Strand von Ao Nang gefahren, einem Touristenort in der Nähe von Krabi Town. Man konnte auch auf Elefanten reiten, zu den heißen Quellen fahren oder Bootstouren unternehmen – alles Unternehmungen, die es in Deutschland nicht gibt. Ich war allerdings die meiste Zeit so beschäftigt, dass ich gar nicht an zu Hause denken konnte.

An den Wochenenden war es schön, aus Krabi wegzukommen und etwas zu erleben. Zwei Wochenenden verbrachte ich mit den anderen in Ao Nang und machte von dort aus Touren nach Railay Beach und dem Emerald Pool. Mit dem Bus fuhren wir auch weiter, bis nach Phuket. Und an einem Wochenende bin ich mit ein paar Freiwilligen nach Koh Phi Phi gefahren – ein Paradies mit Traumstränden. Jedes Wochenende war voller besonderer Erlebnisse. Wenn ich bloß mehr Zeit gehabt hätte!

Aber wie viele Gedanken ich mir vor meiner Reise gemacht habe und wie viele Bedenken ich gehabt hatte! Sie waren alle unbegründet. Ich habe wundervolle Menschen getroffen, eine Gastmutter gehabt, die besser hätte nicht sein können, eine sehr gastfreundliche Kultur kennen gelernt und mich mit Kindern beschäftigt, die sich schon über einen Luftballon so freuten, dass sie kaum wussten, wie sie ihre Dankbarkeit ausdrücken sollten. Es war zwar nur ein Monat, aber er wird für mich unvergesslich bleiben, denn er hat mich geprägt und ein ganzes Stück reifer werden lassen.

Jana Marquardt (16) lebt in Heyersum und geht auf die Marienschule in Hildesheim. Im nächsten Sommer möchte sie nach Shanghai reisen.

Fotos: ©Jana Marquardt



Links

Projects Abroad vermittelt weltweit Praktikas und Freiwilligendienste
Bangkok Post (engl.)
Seite der Stadt Krabi Town


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