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Pete Dexter: Deadwood

Raue Zeiten, rohe Sitten

18.11.2011 | Michael Saager | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das letzte Kapitel von Pete Dexters Western "Deadwood" heißt "Charley, Panamakanal". Es ist das mit Abstand bewegendste und wohl auch das mit am meisten Pathos vorgetragene seines Romans. Nachdem Charley Utter die Stadt Deadwood verlassen hat, zieht es ihn, der "unter all den Americanos ein Fremder gewesen war", weiter nach Süden, bis nach Panama. Dort eröffnet er einen Drugstore und macht, ohne es darauf anzulegen, ein Vermögen. Einem "kleinen Mädchen, das sich immer an seinem Finger festhielt" bringt er das Lesen bei und erzählt ihr Geschichten von "den Amerikanern und den Orten, an denen sie lebten".

Anfangs sind diese Geschichten lang und bunt. Doch Charley wird älter, seine Augen trüben sich und er reduziert seine Worte. Die Geschichten fasst er jetzt nur noch in Augenblicke: "Eine Frau, die Kunststücke in der Luft vollbrachte […], tote Kinder, die in seinen Knochen sprachen. Ein Mann, der Flaschen liebte."

Korrupt, gewalttätig, gnadenlos

Neben den Wildwest-Größen Wild Bill Hickok und Calamity Jane ist Charley die eigentliche Hauptfigur in Dexters "Deadwood" – ein kleingewachsener, eleganter, sanfter Mann, ein Sinnsucher und Melancholiker. Er passt eigentlich nicht in den wilden, schmutzigen, stinkenden Westen, den der 1943 in Michigan geborene Pete Dexter nach allen Maßgaben literarischer Sinnlichkeit vor uns ausgebreitet hat.

Es ist eine Welt, in der alte Frauen einen Atem haben wie "Sumpfgas" und in der grobschlächtige Männer nach "toten Tieren" riechen, wenn sie "leichenschwer" auf einer Prostituierten liegen. Es ist eine Welt, die selbst der schmuddeligste Westernfilm erzählerisch nicht erreichen kann, weil sich Gerüche keinesfalls zeigen lassen. Bis zu einem gewissen Grad lassen sie sich aber literarisch beschreiben.

Sämtliche Handlungsfäden des Romans laufen in dem Ort Deadwood zusammen, und selbst wenn sich die Figuren zeitweise von dort entfernen, kehren sie doch meist hierhin zurück. Die legendäre Goldgräberstadt in den Black Hills von South Dakota übt eine nachgerade magnetische Anziehungskraft auf die Figuren in Dexters Roman aus. Man könnte sogar sagen, dass die junge Stadt, die der Autor in ihrem Gründungszustand von 1876 beschreibt, die heimliche Hauptfigur des Buches ist.

Tiefe soziale Abgründe

Einerseits erscheint Deadwood als gewalttätige, korrupte, rassistische, ja verkommene Wiege dessen, was man später einmal das "zivilisierte Amerika" nennen wird. Auf der anderen Seite ist diese an Saloons und Bordellen reiche Stadt im Schlamm, in deren umliegenden Minen Goldgräber ihr Glück für zwei bis drei Dollar am Tag suchen, während ihre Frauen und Kinder in der fernen Heimat auf ihre Rückkehr warten, einfach nur wie die Zeit, in der sie entsteht: Die Zeiten sind rau, die Sitten roh. Genauso sind die Menschen in Deadwood, wo das Recht des Stärkeren zählt und ein Menschenleben wenig.

Pete Dexter

Pete Dexter

Der ehemalige Journalist Pete Dexter zeigt das gleich zu Beginn seines Romans prägnant und mit der ihm eigenen Lakonik: Der Kopf eines Indianers wird präsentiert, ein Mexikaner trägt ihn stolz von Saloon zu Saloon. Dass der Mexikaner von dem weißen Sheriff bald unter einem fadenscheinigen Vorwand und ohne sein verdientes Kopfgeld von 250 Dollar aus der Stadt gejagt wird, versteht sich in Deadwood von selbst.

Man gewöhnt sich rasch an diese mit heutigen Maßstäben gemessenen brutalen und brutal tiefen sozialen Abgründe, obwohl Dexter sie nirgends schönt. Ihr schieres Übermaß erzeugt Gewöhnung. Vielleicht sogar eine gewisse Gleichgültigkeit. Obwohl in und um Deadwood herum Männer, Frauen und Mädchen nicht bloß zusammengeschlagen, schwer angeschossen und erschossen, sondern auch vergewaltigt oder gar – wie die unglückliche chinesische Prostituierte China Doll – sadistisch ermordet werden.

Gebrochen wird die durchgängige Brutalität des Romans durch den trockenen, pointensicheren Humor des Autors: "Er könnte am Ufer des Rio Grande stehen und würde Mexiko verfehlen", schreibt Dexter über einen wütenden Betrunkenen, der im Begriff ist, eine sinnlose Schießerei zu beginnen. Schon im nächsten Satz schickt der Autor ein paar wirklich bemerkenswerte Gedanken von Charley Utter hinterher: "Es war eine der Eigentümlichkeiten des Lebens, dass der Moment, an dem ein normaler Mann zu kämpfen begann, der Moment war, auf den er am wenigsten vorbereitet war."

Der Roman "Deadwood" erschien in den USA bereits 1986 und machte Pete Dexter berühmt. Für die gleichnamige HBO-Serie (2004-2006, 3 Staffeln) diente das Buch als maßgebliche Vorlage. Was auch mit Dexters spezieller Erzählkunst zu tun haben mag, die darin besteht, Erfundenes und Historisches so in eins zu setzen, dass man sie kaum unterscheiden kann. Diese Spur der Verwischung läuft mitten durch den Hauptplot, betrifft also auch die historisch verbürgten Hauptakteure, die wenig wären ohne ihre Taten, aber noch sehr viel weniger wären, wenn sie nicht allerlei Erfundenes denken und reden würden. Dexter verwendet einige Mühe darauf, seine Akteure aus ihrer "wahren" Geschichte heraus zu entwickeln, ohne sie uns dabei zu nahe kommen zu lassen. Eine gewisse Distanz soll bleiben.

Hinterrücks erschossen

Wild Bill Hickok, der berühmte Revolverheld, oder, nach anderer Lesart, der "berüchtigte Menschenkiller", ist und bleibt eine rätselhafte Figur. Selbst für seinen besten Freund Charley, mit dem Bill nach Deadwood kommt, um eigentlich nichts zu tun, außer der berühmte Wild Bill Hickok zu sein. "Im Duell war er eiskalt, ohne nachzudenken tötete er das, was vor ihm stand. Danach ging er fort, als hätte er nichts damit zu tun."

In der nüchternen Beschreibung Bills durch Charley spiegelt sich Unverständnis, ein Gefühl starker Befremdung. Was auch deshalb traurig ist, da dieses Gefühl schließlich zur Trennung der Freunde führt. Charley versteht Bills Gleichgültigkeit nicht. Als Bill nicht etwa bei einem heroischen Duell den standesgemäßen Heldentod findet, sondern denkbar banal stirbt – ein Verrückter schießt ihm aus nächster Nähe von hinten in den Kopf –, ist Charley nicht in der Stadt.

Und so erzählt "Deadwood" auch von der Trauerarbeit, die Charley zu leisten hat, aber auch eine in jeder Hinsicht auf den Hund gekommene Calamity Jane, die von der fixen Idee beherrscht ist, mit Bill verheiratet gewesen zu sein. Dann ist da noch Agnes Lake, Bills tatsächliche Witwe, eine so muskulöse wie lebenskluge Trapezkünstlerin, in die sich Charley verliebt, ohne dass es ihm richtig bewusst ist.

Nein, man kann nicht sagen, dass "Deadwood" ein herzloser Roman ist. Pete Dexter hat viel übrig für all die verlorenen, kaputten, beinahe durch die Bank alkoholkranken und zusehends Richtung Wahnsinn driftenden Figuren. Am meisten Sympathien hegt er freilich für Charley, den pragmatisch begabten, einsamen Humanisten. Unmittelbar vor seinem Tod, viele Jahre nach seiner Zeit in Deadwood, erhält Charley einen Brief von Bills Witwe Agnes – einen sehr verspäteten Liebesbrief. Das kleine Mädchen liest ihm vor, so gut sie es kann. Charley ist danach ganz bewegt. Das Mädchen denkt: "[…] er war ein freundlicher Mann und hatte eine lange Zeit gelebt, ohne geliebt zu werden, so wie alle Fremden –, aber alle Dinge haben ihre Zeit."

Pete Dexter: Deadwood (Liebeskind 2011, 448 S., 22 €)

 

 

Michael Saager schreibt für verschiedene Magazine und Zeitungen und ist leitender Redakteur des Magazins pony. Er lebt in Berlin.

Fotos: ©little apache / photocase.com, Liebeskind Verlag

 







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