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Teurer Rausch

Für Kaufsüchtige spielt Geld keine Rolle

12.12.2005 | Malte Wicking | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Anfallartig kommt er, der Drang, Dinge zu kaufen. Unwiderstehlich der Weg ins Schuhgeschäft oder in den Elektromarkt. Das Aussuchen, das Bezahlen, das Mitnehmen ist ein Rausch. Auf dem Nachhauseweg dann das schlechte Gewissen, die Scham: Das Konto ist überzogen. Was, wenn die Familie davon erfährt? Die Schuhe, die Geräte werden gehortet, versteckt, manchmal verschenkt, damit niemand etwas merkt.

Kaufsucht wird erst seit etwa zwanzig Jahren in Deutschland erforscht. Lange Zeit wurde die Krankheit nicht als eigenständiges Problem gesehen. Bis heute ist Kaufsucht als Erkrankung nicht offiziell anerkannt. Dabei sind rund fünf Prozent aller erwachsenen Deutschen kaufsüchtig, und etwa 20 Prozent sind stark kaufsuchtgefährdet, wie eine Studie der Universität Stuttgart-Hohenheim ermittelt hat.

Der Weg aus der Kaufsucht, wenn sie überhaupt als solche erkannt wird, führt oft über Selbsthilfegruppen. Kaufsüchtige müssen mühsam die Gründe für ihre Sucht suchen und ihr Verhalten umstellen: Kreditkarten abschaffen, nicht mehr nach Sonderangeboten schauen, nur noch mit fester Liste einkaufen. Nach wirksamen Therapien wird erst seit wenigen Jahren geforscht.

Dr. Lucia Reisch ist Konsumforscherin an der Universität Stuttgart-Hohenheim und Mitverfasserin mehrerer Studien zum Thema Kaufsucht. Sie sprach mit fluter über Merkmale und Ursachen der Sucht, über die zunehmende Zahl der Gefährdeten und darüber, ob Kaufen trotzdem Spaß machen darf.

Malte Wicking: Mal ehrlich, Frau Reisch: Kaufsüchtige können doch bloß nicht mit Geld umgehen, oder?

Dr. Lucia Reisch: Geld spielt in der Kaufsucht eine relativ kleine Rolle. Kaufsüchtige sind nicht besonders materialistisch. Im Gegenteil: Sie sind teilweise sehr großzügig und beschenken andere. Finanzkompetenz kann ihnen grundsätzlich nicht abgesprochen werden. Aber wenn sich das Verhalten bis zu einer Sucht gesteigert hat, haben die Betroffenen keinen Zugang mehr zu diesen Verhaltensweisen, zu Überlegungen wie: Kann ich mir das leisten? Das ist das Wesen einer Sucht. Man hat nicht mehr die Freiheit, zu sagen: Ich will oder ich will nicht.
Kaufsüchtige kaufen alles Mögliche. Schuhe, Tassen, Kleidung, Möbel – was kann einen denn daran süchtig machen?

Ein Kaufsüchtiger ist nicht nach Dingen süchtig. Sondern nach dem, was ihm das Sucht-Erleben verschafft. Das kann Befriedigung sein, Beruhigung oder auch Anerkennung. Er erreicht das durch den Vorgang des Kaufens. Durch die Jagdlust nach Sonderangeboten beispielsweise oder die Aufmerksamkeit der Verkäuferin. Kaufsucht ist oft das Ergebnis von seelischen Verletzungen, die häufig schon in der Kindheit erfolgen. Alle von uns interviewten Kaufsüchtigen wurden als Kinder vernachlässigt. Entweder sie bekamen Gleichgültigkeit und Ablehnung oder eine starke Überversorgung zu spüren. Auch sexuell missbrauchte Kinder scheinen besonders anfällig zu sein. Viele Kaufsüchtige leiden gleichzeitig unter Depressionen und anderen Verhaltenssüchten.

Niemand liegt mit vollen Einkaufstüten im Rinnstein oder taumelt über die Straße. Anders als Betrunkensein ist Kaufen normal. Wie beeinflusst das die öffentliche Wahrnehmung von Kaufsucht?

Tatsächlich bleibt Kaufsucht von der Umgebung und auch den Betroffenen selbst oft unbemerkt. Kaufen ist gesellschaftlich nicht nur gebilligt, sondern erwünscht. Am Anfang hat niemand ein schlechtes Gewissen, sich etwas zu gönnen. Anders als stoffgebundene Süchte verändert das Kaufen erst einmal nicht die Persönlichkeit des Betroffenen. Geldprobleme können vorläufig hinausgeschoben werden, durch Überziehen des Kontos oder durch einen Kredit. Außerdem ist Kaufen im Vergleich zu anderen Kompensationsmöglichkeiten sehr bequem. Ich muss mich weder in einem Sportverein betätigen oder ein Hobby haben. Das macht es sehr schwierig, Kaufsucht zu erkennen.

Weil ein Viertel aller Westdeutschen mindestens kaufsuchtgefährdet ist, stellen Sie den Begriff des "rationalen Konsumenten" in Frage. Wenn wir da umdenken müssten, welche Konsequenzen hätte das?

Es scheint so zu sein, dass Konsumenten beides können. Sie können sehr wohl rationale Entscheidungen treffen. Denken Sie an diese ganze Preisorientierung, die Geiz-ist-geil-Diskussion. Auf der anderen Seite lassen sie sich einen relativ großen Freiraum für spontane, Kaufhandlungen. Was in diesem Bereich geschieht, ist sicher nicht rational. Das soll auch gar nicht rational sein. Es ist nicht so, dass die wehrlosen Konsumenten von der bösen Werbung überrollt würden. Konsum übernimmt beispielsweise auch die Funktion von Erlebnis und von Sich-Belohnen. Man erlaubt sich da Freiräume. Und je reicher eine Gesellschaft ist, desto größer sind diese Freiräume.

Sie haben davon gesprochen, dass Konsum heute andere Funktionen hat. Muss das denn etwas Schlechtes sein?

Überhaupt nicht. Diese 20 Prozent Gefährdeten haben keinen Leidensdruck, in der Sprache der Psychologen. Auch kompensatorisches Kaufen ist eine absolut sinnvolle Strategie der menschlichen Psyche, um beispielsweise mit Enttäuschungen oder Stress umzugehen. Wenn das Kaufen die Befriedigung bringt, ist es in Ordnung. Sehr häufig gelingt das aber nicht. Auch, weil in der Werbung viele Versprechen gemacht werden, die die Produkte nicht erfüllen können. Die Werbung ist aber immer da, das macht das Kauferlebnis so attraktiv.

Man kann aber eine Grenze ziehen zwischen Kauflust und Kaufsucht? Wenn ich jetzt gut gelaunt shoppen gehe, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, dann bin ich noch normal, oder?

Aber absolut. Sie können jetzt losgehen und sich was Gutes tun, weil Sie eben furchtbar Ärger hatten oder sich belohnen wollen. Problematisch wird es dann, wenn Sie oder Ihr Umfeld einen Leidensdruck haben. Wenn Sie zum Beispiel anfangen, die Sparbücher Ihrer Kinder zu plündern. Aber solange Sie entscheiden: Ich gehe einkaufen, lasse es mir gut gehen und gucke nicht auf den Preis, dann ist das keine Kaufsucht. Sie haben sich ja dafür entschieden. Die Kaufsüchtigen können nicht mehr entscheiden. Die Freiheit ist weg, das ist der Hauptunterschied. Gehen Sie also ruhig einkaufen.

Malte Wicking ist Volontär bei der Thüringischen Allgemeinen. Er lebt in Erfurt.


www.wikipedia.org
Alles über das Verlangen danach, etwas zu kaufen

www.sueddeutsche.de
Die Uniklinik Erlangen erprobt Therapien für Menschen, die krankhaft Geld ausgeben

www.palverlag.de
Text zur Diagnose von Kaufsucht




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